Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1914)
- Article
- Tancreds Pilgerfahrt
- Date
- 1914-05-01
- Page
- Seite 349 - 350 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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349 Benjamin Disraeli: Tancreds Pilgerfahrt. 350 «Ii Max Westfeld Als Tancred an den Garten kam, bemerkte er. daß dessen Tür offen stand : er hielt im Gehen inne und -warf einen Blick des Entzückens auf die Alleen von Zitronenbäumen, die sich seinen Blicken darboten. Tancred hatte von seiner Mutter eine große Liebhaberei für schöne Gärten ererbt; er dachte an die Schönheit orientalischer Garten, wie z. B. Gethsemane einer gewesen sein mußte, damals in jenen guten und gerechten Zeiten, da Jerusalem noch den Juden gehörte; die. Gelegenheit war zu verlockend, die Aussicht, einmal eine Palme ganz in der Nähe zu sehen, reizte ihn ebenfalls — und er trat ein. Er kam sich wie ein Märchenprinz vor, der gerade durch ein verbotenes Gittertor in einen mystischen Zaubergarten eingedrungen war, und der nun sprachlos vor Entzücken ob all der Pracht von (jranatbäumen, Rosen, Myrthen und Palmen dahinwandeltc. Bald drang das angenehm1 plätschernde Geräusch kühlen, fallenden Wassers an sein Ohr, das mit jedem Schritt, den er vorwärts tat, deutlicher wurde. Jetzt buchtete sich die Allee, in der er sich gerade befand, zu einem mit Rosenbeeten bestandenen offenen Platze aus; dahinter erhob sich ein sanft ansteigender Hügel, der mit einer Art blauer Blume so dicht beistanden war, daß er wie ein Türkisenbukett aussah; auf seinem Gipfel stand ein Kiosk aus weißem Marmor, vergoldet und bemalt, und an seiner Seite, sich stolz aus einer großen Menge niederen Gebüsches heraushebend, jene Palme, die Tancred schon von weitem bewundert hatte. In der Mitte des Kiosks plätscherte jener Springbrunnen, dessen lockendes Murmeln Tancred in die Versuchung gebracht hatte, weiter in den Garten vorzudringen, als er ursprünglich beabsichtigt hatte. Jetzt wollte er doch nicht wieder zurückgehen, ohne jene Wasser, die ihm so lange zugeflüstert hatten, mit' eigenen Augen gesehen zu haben. So ging er um das Rosenbeet herum, entdeckte einen kleinen Pfad, der zum Hügel hinaufführte, und betrat den Kiosk. Einige buntfarbige, wunderschöne Teppiche bedeckten den Fußboden, Tancred nahm auf einem derselben Platz und beobachtete trunkenen Auges das klare helle Wasser, das vor ihm in das Marmorbassin glitzernd und gurgelnd hcruntertropfte. Dem Leser ist vielleicht die Wirkung fallendem Wassers bekannt, denn sjin einschläfernder Einfluß ist ja sprichwörtlich geworden. Und unser Tancred hatte sich den ganzen Tag über dem ungewohnten Einfluß einer syrischen Sonne ausgesetzt, sein Inneres war stundenlang von jenen religiösen Gedanken eingenommen gewesen, die, ' '• ffi "'HSHIgB Am Niederrhein. Düsseldorf je inniger sie sind, desto sicherer in Erschöpfung enden, und außerdem hatte er soeben noch einen größeren Spaziergang gemacht. Was W^under, daß unser Held, nachdem er eine Zeitlang noch, wie gewöhnlich, seinen Gedanken nachgehangen hatte, allmählich in einen tiefen Schlaf verfiel? Sein Hut war vom Kopfe geglitten; sein lockiges, reiches Haar fiel über den Arm, der dem müden Haupte als Stütze diente, die unbewußte Grazie, Schönheit und Ruhe des Schlafenden hätte selbst einem Erzengel nicht übel zu Gesichte gestanden und vielleicht manchen Maler zu einer schnellen Skizze begeistern können. . . . Tancreds Schlaf war tief und traumlos gewesen. Er fühlte sich beim Erwachen erquickt, und erfrischt und konnte sich zunächst gar nicht besinnen, wieso und wann er eigentlich hierher gelangt war. Er streckte seine Glieder, etwas Schweres schien auf ihm zu liegen und seine Bewegungen zu hindern, er richtete sich auf und bemerkte, daß er mit einem prächtigen Gewände zugedeckt war. Er wollte gerade aufstehen und hatte seinen Arm aufgestützt, als er bei einer Wendung des Kopfes plötzlich eines weiblichen Wesens ansichtig wurde. Sie war jung, jung selbst für den Orient; ihre Figur übermittclgroß und ihre Kleidung war die bei den reichen syrischen Frauen übüche. Heller, goldgelber Seidenstoff umschloß den Oberkörper eng in Form einer Weste, die vorn vom Halse bis zur Taille mit einer aus Edelsteinen geformten Knopfreihe schloß. Weiter unten öffnete sie sich wie eine Tunika, so daß sich ihre Glieder frei in den weiten Mamcluckcnbeinkle.idern bewegen konnten; dieser Teil des Gewandes war aus weißem, feinem Kaschmir gemacht — einem Kaschmir, der so fein ist, daß ein ganzer Schal