Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1914)
- Article
- Die altorientalische Geisteskultur
- Date
- 1914-05-01
- Page
- Seite 341 - 342 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2583875-2584047-2584052-2596601--15542-2596653- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
341 Rabbiner^Dr. Perles: Die altorientalische Geisteskultur. 342 Max Westfeld Kinder des Justizrates Dr. B. Düsseldorf. Elemente. So sind eine Reihe der geläufigsten Ausdrücke der Rechtssprache wie tr. („Urkunde", später speziell „Scheidebrief), („Quittung"), } (Pfand), V'S* („Compagnon"), on« („Pächter"), x'ana („Mitgift") direkt aus dem Babylonischen entlehnt. Am stärksten zeigt sich dieser Einfluß natürlich im babylonischen Talmud und in der sonstigen in Babylonien entstandenen Literatur. Lag doch seit Beginn des 3. Jahrhunderts n. Chr. der geistige Mittelpunkt des Judentums über 800 Jahre in Babylonien, wo die Juden von den Anschauungen, ihrer Umgebung nicht unberührt bleiben konnten. Ein viel schwierigeres Problem bietet sich jedoch der Forschung in der zwar schon längst festgestellten, aber noch nicht befriedigend gedeuteten Beobachtung, daß auch das palästinensische Judentum, und zwar auch schon in den zwei letzten Jahrhunderten vor Chr. eine ungleich stärkere Beeinflussung durch die babylonische Kultur zeigt als in biblischer Zeit. Die Bücher T o b i t h ' und He noch atmen förmlich altorientalischen Geist, und wenn dieselben auch eben deshalb nicht in den Kanon aufgenommen wurden, zeigt doch eine auch nur oberflächliche Lektüre derselben, daß ihre Verfasser fromme, der Eigenart ihrer Religion bewußte Männer waren. Die Entstehung und "Verbreitung solcher Schriften in jüdischen Kreisen ist nur dadurch zu erklären, daß der reine Monotheismus seit Esra derart gesichert erschien, daß man in weiten Kreisen viele früher mit Recht als gefährlich bekämpften Elemente unbedenklich herübernehmen zu dürfen glaubte. Man deutete sie vielleicht etwas um und verstand es jedenfalls, sie dem Judentum1 in einer Weise zu assimilieren, dal) sie der Religion keinen Schaden antun konnten. Die offiziellen Führer verhielten sich freilich ablehnend gegen diese fremden Pfropfreiser auf dem Stam'm des Judentums, die ihnen wie ein Rückfall auf eine überwundene Stufe erschienen. So enthält die um 200 n. Chr. abgeschlossene Mischna fast nichts von jenen auffallenden Bereicherungen der Volksreligion, während seit dem dritten Jahrhundert auch die palästinensischen Lehrer sich jenen Einflüssen nicht entziehen konnten, wenngleich ihr Talmud und ihre Midraschim noch nicht entfernt so viel von Zauberei, Wahrsagerei und Dämonenglauben enthalten wie der babylonische Talmud. Nicht nur in Begriffen und" Anschauungen, in Gebräuchen und Sitten, sondern vor allem in der Sprache jener Zeit haben sich Spuren des babylonischen Einflusses erhalten. Dabei denke ich weniger an Lehnwörter als an einzelne Ausdrücke, die wie erratische Blöcke aus einer anderen Welt in der damaligen Sprache der Juden sich finden. Wenn z. B. der Lauf der Sonne am Firmament durch das Zeitwort irs „sägen" bezeichnet wird1), so erklärt sich das daraus, daß der Sonnengott bei den Babyloniern häufig mit der Säge dargestellt wurde. Oder wenn der Talmud Titus letztwillig verfügen läßt, seine Asche über sieben Meere zu zerstreuen, damit der Gott x) Wh). Orient. Ul Zeit 1912, 149 ff (B. Landsberger) und 305/306 (J. Low).