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Ost und West · 1914-05-01 · Heft 5 (Mai 1914) · p. Seite 339 - 340

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 5 (Mai 1914)
Article
Die altorientalische Geisteskultur
Date
1914-05-01
Page
Seite 339 - 340 (sequence 2)
Language
German
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339 Rabbiner Dr. Perles: Die altorientalische Geisteskultur. lischen Sein und Geschehen, alle Teilerscheinungen vom größten bis zum kleinsten sind Spiegelbilder des Ganzen und Spiegelbilder voneinander. Die Himmelskunde ist die Quelle alles Erkennens, aus der also auch die Geschicke der Menschen und der Wille der Gottheit abzulesen sind. Diese Naturphilosophie, die jedenfalls nur für höhere Geister verständlich war und ihr sittlich-religiöses Denken regulierte, wurde nun für die Menge materialisiert mit Hilfe der Mythologie, Astrologie und Dämonologie, und auf der Mythologie baute sich w ieder Kultus und Ritus auf. So erklärt es sich, daß in dieser Weltanschauung scheinbar unvermittelt der krasseste Aberglaube und die schändlichste Unsittlichkeit neben dem tiefsten Denken und der innigsten Religiosität anzutreffen sind. Wie schon erwähnt, beschränkt sich Je rem ias in seinem Werke auf eine streng objektive Darstellung der altorientalischen beisteskuitur. Nirgends wird versucht, diese Kultur, sei es zu verherrlichen, sei es zu verkleinern oder durch Vergleichimg mit anderen Kulturen meritorisch zu beurteilen. Man darf daher auch mit keiner wie immer gearteten Tendenz an seine Lektüre herangehen. Wer jedoch den Willen und die Fähigkeit hat zu dem, was Goethe als Bildung definiert: „Mitgeteiltes aufzunehmen, wie es gegeben wird," der hat hier Gelegenheit, eine Fülle von überraschenden Aufschlüssen zu gewinnen. Darum sollen hier auch keine einzelnen Stellen oder besonders wichtigen Kapitel aus dem Buche hervorgehoben werden, sondern jeder lese das ganze Buch, und er wird darin nicht nur zuverlässige Belehrung, sondern auch fruchtbare Anregung zu tieierem Nachdenken über den Gegenstand finden. Für das geschichtliche Verständnis des Judentums ist die genaue Bekanntschaft mit der altorientalischen Geisteskultur eine geradezu unerläßliche Vorbedingung. War dieselbe doch gleichsam die Atmosphäre, die es vom Augenblick seiner Entstehung an umgab und daher auf seine geistige Konstitution entscheidenden Einfluß üben mußte. Wer das bestreitet, zeigt nicht nur einen absoluten. Mangel an geschichtlichem Sinn, sondern er erweist auch dem Judentum einen sehr schlechten Dienst damit. Denn er degradiert es zu einer vom Zusammenhang mit allen übrigen geistigen Mächten völlig losgelösten Religion, die als Kulturfaktor überhaupt nicht in Betracht kommt. Der flammende Protest gegen das Heidentum, der aus jeder Zeile der Bibel uns entgegenhallt, erhält erst sein Relief durch den Glanz und Reichtum der Kultur der damaligen heidnischen Welt. Nicht an eine rohe, unzivilisierte Masse, sondern an eine im Besitz der ältesten Kultur stolze und glückliche Welt wandte sich Israel mit seiner Gottesbotschaft. Wie tief jene Kultur wurzelte und wie genau Israels Gottesmänner sie kannten, zeigt nichts so deutlich wie die Dauer und Heftigkeit des Kampfes, den sie zur Durchsetzung des reinen Monotheismus gegen dieselbe führen mußten. Denn dieser weltgeschichtliche Kampf ist ein eben solches Zeugnis für die Macht der bekämpften Weltanschauung wie für die Größe der Propheten, die sich durch nichts über die sittlichen und religiösen Schäden derselben hinwegtäuschen ließen, und diese Schäden als so verhängnisvoll; ansahen, daß sie lieber die hinter derselben stehende Kultur ganz preisgaben. Eine interessante Parallele dazu bietet Tolsto i, der ganz vom Geiste der modernen abendländischen Kultur erfüllt ist und (doch gegen dieselbe in Erkenntnis ihrer tiefen Schattenseiten den heiligen Krieg predigt. Daß auf materiellem Gebiet Israel an der altorientalischen Kultur Anteil hatte, daß z. B. sein Kalender- und Maßsystem aus Babylonien entlehnt ist, bedarf kaum der Erwähnung. "Daß aber auch in religiöser Beziehung bei aller tiefen, mit den Jahrhunderten noch gesteigerten Gegensätzlichkeit manche weitgehende Uebereinstimmung herrschte, ist weniger bekannt. Eine große Anzahl heidnischer Vorstellungen und Gebräuche erhielten sich noch lange im Judentum, teils in unveränderter Gestalt, teils in einer Umformung, die den Ursprung meist noch deutlich erkennen faßt. Noch weniger bekannt und anerkannt ist die durch eine Reihe von Texten belegte Tatsache, daß bei einzelnen edler veranlagten Babyloniern ein Sehnen nach höherer Religio:; und Sittlichkeit anzutreffen ist, das häufig an die Frömmigkeit der Psalmen erinnert. Der Gegensatz zwischen der israelitischen und heidnischen Religion läßt sich aber gerade an diesen vereinzelten Trägern höherer Religiosität unter den Heiden am besten erkennen. Denn es gelang ihnen nicht (und sie versuchten es wohl auch kaum), die Massen aus ihrem Wahn und ihrer Unsittlichkeit emporzuheben, und so blieben sie zeitlebens einsame Menschen. Die Propheten dagegen behielten ihre religiöse Erkenntnis nicht für sich, sondern stiegen zum Volke herab, suchten Verständnis für ihre Ideen in den weitesten Kreisen zu erwecken, stellten ihre Forderungen als absolut verbindlich auf und zeigten sich bereit, für dieselben Märtyrer zu werden. Dadurch wurde der sittliche Monotheismus schon in der biblischen Zeit (durch Esra) zum unverlierbaren Besitztum des ganzen Volkes gemacht, mit der bewußten Tendenz, aus einer Volksreligion sich dereinst zur Menschheitsreligion zu erweitern. Das ist der geschichtsphilosophische Sinn der biblischen Erzählung, daß Abraham erst seine Heimat Babylonien verlassen mußte, damit an ihm die Verheißung wahr werden konnte: „Alle Geschlechter der Erde sollen durch dich gesegnet werden." Ueber die Beziehungen zwischen Bibel und Babel mögen diese Andeutungen genügen! Nicht weniger bedeutsam sind jedoch die bisher noch niemals in größerem Zusammenhang behandelten Beziehungen zwischen dem n a c h b i b 1 i s c h e n Judentum und Babylonien. Schon die Apokryphen und Pseudepigraphen, dann das ganze rabbinische Schrifttum (Talmud und Midrasch) und die Kabbala zeigen auf Schritt und Tritt den Einfluß der altorientalischen Geisteskultur, und dieser Einfluß erstreckte sich nicht nur auf einzelne kosmologische Anschauungen, auf Engel-1) und Dämonengiauben und verschiedene abergläubische Gebräuche2), sondern vor allem auch auf das Gebiet des Rechts. Schon die Terminologie des rabbinischen Rechts, das wir jetzt bis zu den Papyri von Elephantine (5. Jahrh. vor Christi) zurückverfolgen können, enthält zahlreiche babylonische *) Der Talmud selbst berichtet, daß die Namen der Engel aus Babylonien stammen. Als Kuriosum sei hier erwähnt, daß die bekannte Stelle im Nachtgebet ^io»o *ro*a u. s. \\\ ihr Vorbild hat in einer babylonischen Beschwörung (Cuneiform Texts XVI pl. 4, 143 ff., angeführt bei Jeremias S. 92 Anm. 4): »Schamasch vor mir, Sin hinter mir, Nerval zu meiner Rechten, Ninib zu meiner Linken." 2) Vgl. z. B. S. Daiches, Babylonian Oil Magic in the Talmud and in the later Jewish Literature (London 1913).

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