Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 4 (April 1914)
- Article
- Die Israeliten in Marokko
- Date
- 1914-04-01
- Page
- Seite 307 - 308 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2583875-2584047-2584051-2596495--15508-2596559- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
307 Die Israeliten in Marokko. 30S päer gesehen hatte, entschloß ich mich, den Rat der Ka'ids und der Eingeborenen zu befolgen und den Kaftan «eines Rabbiners aus Jerusalem anzulegen. In dieser Kleidung setzte ich meinen Weg nach Skura fort, der großen arabischen Oase inmitten des (Berberlandes. Der Scheik Abd-el-Kebir nahm mich liebenswürdig auf und stellte mir einige Settats (Schutzbegleitung) zur Verfügung. In Skura sind acht kleine Mellahs, die bedeutenderen befinden sich bei 'den Ulad Usta und bei den Ulad Muhamed. Mehrere jüdische Familien dieses Bezirks, in dem 800 bis 1000 Juden leben, sind Gartenbesitzer. Skura ist ein Saharaland, das sich in unebenem Boden abwärts senkt, es besitzt einen großen Reichtum an Palmen. Von dort kommt man in die berberischen Ebenen, wo der Palmbaum verschwindet, um dem nordischen Landbau Platz zu machen. Jetzt gelangt man durch das Tal zu der vom Volksstamm Scheurfa bewohnten Stadt Imassin, in der die Berbersprache gesprochen wird. Hier wohnen keine Juden, die Scheurfa sind selbst tüchtige Kaufleute. Da es dort an einem bestimmten Oberhaupt fehlt, nahm der Scheriff Muley ei Hassan mich gastlich auf und war mir bei der Fortsetzung nach dem westlich gelegenen Endziel meiner Reise, der Ortschaft Dads oder Dades, behilflich. Der eigene Neffe des Scheriffs begleitete mich und machte mich auf die Gefahren dieses Teils meiner Reise aufmerksam. Zunächst brachte er mich nach der Kasba von Klaa, das die Vorhut der Uled Dads bildet. Es war ein Freitagmorgen; wir waren, um meine Person besser verstecken zu können, nachts gereist. Der Scheik Ibrahim, das Oberhaupt des Orts, empfing mich in wenig höflicher Weise und schickte mich schließlich zu den Juden (es wohnen dort zwei Familien mit 18 Seelen). Zu meinem großen Pech war mein „Begleiter", der Saheb von Sidi Madani, verschwunden, ebenfalls verschwunden *war der Neffe des Scheriffs von Imassin. Der Scheik ließ sich nicht wieder sehen. Die Einwohner von Klaa und die des Dorfes Ait-Jahia setzten gerade einen schon vorher begonnenen Kampf fort, so daß man in nächster Nähe die Flintenschüsse hörte. Unter diesen Verhältnissen machten wir drei uns auf den Weg mach Tiilit, mein jüdischer Begleiter Jamin (Benjamin), ein Jude aus Klaa und ein berittener Neger. Der Neger hörte nicht auf, mir die 3chlimmsten Unglücksfälle zu prophezeien, weil der in den Ebenen zwischen dem Dads und dem Tafilelt hausende kriegerische Stamm der Ait- Atta in großen Massen in den Ksar Dads und in Tiilit eingefallen war. Trotz meiner Verkleidung als Chacham hatte der Schnitt meines Bartes mich verraten. Nach fünfviertelstündigem Marsch kamen wir beim jüdischen Friedhof von Tiilit an, der ungefähr zehn Minuten von der Stadt entfernt liegt. Die Haltung meines schwarzen Begleiters flößte mir großes Mißtrauen ein. ,Er behauptete, die Ait-Atta-Reiter, die wir kurz vor dem Friedhof gekreuzt hatten, hätten mich -erkannt und ich schwebte nun in der größten Gefahr. Ich schickte nach dem Rabbiner und 'den Notabein und erwartete sie am Grabe eines Rabbis Abraham Hakohen. Der Rabbiner Saada erschien mit zwei Juden aus Tiilit und lud mich ein, ihnen zu folgen. Sie meinten, daß ihre Herren wohl auch ihren Gast beschützen würden. Dicht vor dem Stadttor wurde ich von zwei Eingeborenen angehalten; der Rabbiner sagte ihnen, ich wäre ein Rabbiner aus Jerusalem, und sie ließen uns ein. Wir kamen in die Stadt, ich mußte vor der Quubba bei einem mohammedanischen Heiligen vom Maultier steigen, dann gingen wir in den Mellah. Er besteht aus ungefähr 40 jüdischen Häusern, deren Besitzer fast alle Goldarbeiter sind; sie durchstreifen den marokkanischen Süden bis in seine fernsten Ausläufer. Die Häuser sehen sehr ärmlich aus, selbst die kleine Sla (Synagoge) überrascht durch ihre Nacktheit; nirgends bemerkt man ein Zeichen von Wohlstand. Dies ist das Land, in dem die jüdische Hörigkeit, man 'darf wohl sagen: Sklaverei anfängt. Alles, was der Jude besitzt, gehört dem Kaid, 'dem auch das Recht über Leben und Tod seiner Untertanen zusteht. Er darf sie nach Gefallen Verkaufen — der Preis für eine Familie schwankt ^wischen 40 und 100 Duros — und darf sie selbst ungestraft töten. Uebrigens muß festgestellt werden, daß seit fünf Jahren im ganzen Dads kein Mord zu verzeichnen gewesen ist. (Im Distrikt Dads gibt es überhaupt nur fünf kleine Mellahs.) Als Gegenleistung für seine Rechte beschützt der Herr seinen Juden und bringt für ihn oft sein und der Seinen Leben in Gefahr. Wenn ein Israelit sich verheiraten will, muß er seine Zukünftige beim Seid von ihrem Vater kaufen, der allein über sie zu bestimmen hat. Die Juden im Dads tragen keine Waffen und üben auch für ihre Herren das Kriegshandwerk nicht aus. Erst in Ait-Usophit, zwei Tagemärsche südöstlich von Uarsasat, beginnt die Zone der kriegerischen Judenstämme. Bei den Ait-Atta, von deren Leuten ich einige im Dads getroffen hatte, leben etliche Juden, die £lie von ihren Herren ihnen gelassene Ruhezeit dazu benutzen, sich untereinander zu bekriegen. So haben sich vor etwa Jahresfrist zwei jüdische Dörfer gegenseitig drei Monate hindurch befehdet, jede Partei war von ihren mohammedanischen Nachbarn unterstützt worden, und auf beiden Seiten hat es je zehn Opfer gegeben. Bei den Juden des Dads fällt es sofort auf, daß sie nicht wie in den anderen Gegenden einen Zopt auf der Spitze des Kopfes, sondern auf der Stirn tragen, und sie behaupten, daß dies zum Andenken ,,an die Trauerzeit von Jerusalem" geschehe. Der Ued Dads ist der erste Fluß aus dem Bassin des Ued Draa, an dem zahlreiche jüdische Gemeinden verstreut liegen, die unter denselben Verhältnissen leben wie die Juden im Dads. Das Thorastudium ist bei den Juden dieser Gegend ziemlich ,weit verbreitet; ihre Sitten sind milder als bei ihren Glaubensgenossen im Gebirge, sie sind sehr gastfreundlich und haben aufrichtige Anhänglichkeit an ihre Gemeinde. Eine große bei ihnen herrschende Plage sind die vorzeitigen Ehen; es werden zuweilen schon achtjährige Mädchen verheiratet. Nachdem ich allen Leuten, die mich in der Synagoge zu Tiilit besucht hatten, meinen Dank und meine Sympathie ausgesprochen hatte, trat ich den Rückweg an. In Klaa versuchten die Männer, die mir zum Schutz beigegeben waren, mich einzuschüchtern, indem sie ihre Ueberzeugung aussprachen, ich wäre gar kein Jude und die Ait-Atta- Reiter würden mich entführen. Mein Saheb wollte durchaus, daß wir am Samstagmorgen vor Tagesanbruch die Flucht ergriffen, aber ich ließ mich nicht darauf ein. Ich vollendete erst meine historischen Aufzeichnungen über einen inter-