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Ost und West · 1914-04-01 · Heft 4 (April 1914) · p. Seite 305 - 306

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 4 (April 1914)
Article
Die Israeliten in Marokko
Date
1914-04-01
Page
Seite 305 - 306 (sequence 2)
Language
German
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305 Die Israeliten in Marokko. 306 Hamu regiert wird. Es ist ein gebirgiges, sehr armes Land, in dem es im Winter recht kalt ist, das aber sämtliche Straßen des Südens und des Ostens beherrscht, daher seine wirtschaftliche und politische Bedeutung. In Teluet gibt es vier Mellahs. Die beiden bedeutendsten sind der Mellah von Imaunin, der neben der Kasbah belegen ist (20 Familien) und der Mellah von Ighlbein (50 Häuser), der eine halbe Stunde davon entfernt liegt. Die umliegende Bevölkerung besteht aus Berbern. Es herrscht hier vollständige Sicherheit, nur beklagen die Juden sich vielfach über die Willkür der Behörden. Die Zahl der Juden dieser vier Mellahs und des Mellah von Unil übersteigt tausend ßeelen, was für ein Land mit so dünn gesäter Bevölkerung eine enorme Ziffer bedeutet. ' i De jüdiischen Gruppen von Teluet sind sehr alten eingeborenen Ursprungs. Mit Sidi Hamu habe ich über die Begründung einer Schule gesprochen, und er scheint ihr nicht abgeneigt zu sein. Andererseits ist auch der jüdische Vorsteher Mosche Edrehi diesem Plan sehr günstig gestimmt: eine Schule wäre der erste Mittelpunkt für die Zivilisation auf dem Südostabhang des großen Atlas. Nach einem 21/oStündigen Marsch erreicht man von Teluet aus das Dorf Unil. Die von Sidi Madam im Glaotili abgeschaffte Hörigkeit der Juden hat sich hier noch in gewissem Umfange erhalten. Mit zwei Ausnahmen bewohnen die Juden nach wie vor die Häuser ihres Seid und haben in Unil keinen besonderen Mellah. Ich habe sichere Beweise dafür, daß die Juden des Gebirges Glaouli schon alteingesessen sind. Trotzdem sie Gastfreiheit üben, haben sie ein heftiges Temperament, sind streitsüchtig und beweisen zuweilen eine Hartherzigkeit und mangelndes Solidaritätsgefühl, die ihnen dereinst einmal schaden können, sobald eine Aenderung in. der politischen Lage des Landes eintritt. Hier wie in den anderen Teilen Marokkos wird mit dem Mahia (Datteln- und Feigenbranntwein) großer Mißbrauch getrieben. Im sozialen Leben spielt der Kultus der Toten die Hauptrolle. In Teluet habe ich zum ersten Male gesehen, wie Juden gefüllte Wasserkrüge auf die Gräber ihrer Eltern stellten, während sie sich anderwärts damit begnügen, in einem in den Grabstein gebohrten Loch Oel zu verbrennen. Die Juden im Glaouli bekleiden sich wie die Eingeborenen mit einer Art schwarzem Mantel, auf dessen Rücken ein Stück roten Stoffes aufgenäht ist. Den Kopf haben sie glattrasiert, tragen aber wie die Berber einen kleinen Zopf, der von der Mitte des Hauptes herunterhängt. Sie sind Kaufleute, Pantoffelmacher, nur selten Juweliere, zuweilen Besitzer von Gärten, die sie, mit wenigen Ausnahmen, nicht selbst bebauen. Im Glaouligebirge unterstehen die Juden als eine Art Hörige dem Schutze der Kaids. Der fortwahrende Geldbedarf dieser letzteren ist in dem von fast allen Einnahmequellen entblößten Lande das größte Uebel, unter dem die Juden und die Berber zu leiden haben. So waren die Juden von UnH vor einiger Zeit zu dreimonatlicher Zwangsarbeit verurteilt worden, weil sie dem Ka'id nicht 60 Duros geben wollten oder konnten. Alle, Rabbiner, Männer, Frauen und Kinder, wurden dazu gezwungen, in einem Walde Holz zu hauen und es auf ihren eigenen Eseln zum Gebrauch des Gouverneurs fortzuschaffen. Die nachbarlichen Mohammedaner ersparen den Juden auch keine Demütigungen. Der allerkleinste Schwarze hält die respektabelsten Juden für minderwertige Geschöpfe. Man kann sich vorstellen, zu weicher moralischen Erniedrigung solche Behandlung führt. Und trotzdem bildet der Jude vom Atlas eine kräftige Rasse, Krankheiten sind selten bei ihm, und er besitzt eine ziemliche Dosis Arroganz, die er selbst gegen seine mohammedanischen Nachbarn anwendet. Er ist das hartnäckigste und eigensinnigste der Kinder des „Volkes mit steifem Nacken". Von Unil wandert man durch das Blad es Siba. Die Wege sind nicht mehr sicher, und obgleich die Autorität des Glaouli. auch für diese Gegend gilt, riskiert man sehr leicht einen Messerstich von den umherziehenden Wegelagerern. Auf dem Abstieg nach der Ebene kommt man an schmalen, von Flüssen bewässerten Tälern vorbei, die eine Oase in dem trockenen, unfruchtbaren Lande bilden und in denen berberische Dörfer angebaut sind. In diesen findet man nur selten Juden. In Alt Seub gibt es zwei oder drei Familien, aber erst in Ait Aissa finden wir den ersten Mellah auf noch nicht pazifiziertem Gebiet. Hier verschwindet das Dorf, um der Kaslba Platz zu machen, die unter der Herrschaft eines Schelks steht und die gesamte eingeborene Bevölkerung beherbergt. In Aid Aissa wohnen 13 Familien, die von dem Scheik ben Hedu gut behandelt werden; aber, wie bereits bemerkt, sind die Wege in diesen entfernteren Niederlassungen nicht Sicher. Während meines Aufenthalts im Lande ist ein wohlhabender Jude aus Aid-Aissa zwischen dieser Stadt und Tirkirt von Räubern ermordet worden; ein zweiter wurde in der Nähe von Uarsatat ermordet aufgefunden. Diese beiden Verbrechen haben bei den Juden eine wohlbegreifliche Panik hervorgerufen, denn ihre Lebensbedürfnisse zwingen sie zu fortwährenden Reisen. Das Tal Tikirt^wird von einer Kasba beherrscht, deren Oberhaupt Hmadi ei Hadj zugleich der alleinige Besitzer des Landes ist. Der ganze Boden gehört ihm; Schwarze und Juden bewohnen 24 ziemlich sauber aussehende Häuser. Die große Oase Ued Uarsatat ist die letzte Etappe zwischen Marrakesch und der Wüste, die nach dem Sus-Gebiet führt. Es gibt dort mit Einschluß von Timassin fünf Mellahs, deren ältester und bedeutendster .— 500 Seelen — sich in Temesla befindet. _ Die Juden dieses Ortes behaupten, daß ihr Friedhof beinahe zweitausend Jahre alt ist. Sicher ist, daß seit dem 14. Jahrhundert Juden in dieser Gegend gelebt haben. Die Oase wird von dem: Kaid Sidi Hmadi, dem Bruder Sidi Madanis, regiert. Da in diesem Bezirk vollständige Ruhe herrscht, könnte man die Begründung einer Schule für diese ungefähr 800 Seelen zählende jüdische Gemeinschaft ins Auge fassen. Nachdem Verärgerungen aller Art 105 Juden zur Auswanderung von Uarsatat gezwungen hatten, ist es einigen anderen, wohlhabenderen Juden gelungen, das spanische oder französische Protektorat zu erlangen und sich auf diese Weise der Willkür der heimischen Behörden zu entziehen. In Temesla leben mehrere Rabbiner, die in der Gesetzeslehre wohl Bescheid wissen. Da meine europäische Tracht die Aufmerksamkeit der Eingeborenen von Uarsasat zu sehr angezogen hatte, weil man dort noch keinen Euro-

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