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Ost und West · 1914-04-01 · Heft 4 (April 1914) · p. Seite 303 - 304

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 4 (April 1914)
Article
Die Israeliten in Marokko
Date
1914-04-01
Page
Seite 303 - 304 (sequence 1)
Language
German
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3G3 304 E^TEILUNGElT^ des Ceniral-Comilesder H Alllance Jsrd^lHe Univecselle nu n? cr:ny ^au des Central Comites: ParisA5.Rue laBmyere brnty Deufsches Bureau: CharloUenburg, Grolman -Str.J DIE ISRAELITEN IN MAROKKO. Der mit einer wissenschaftlichen Mission in Marokko betraute Gelehrte Nahum Slousch hat dem Zentralkomitee einen Bericht über die Juden im Südost-Zentrum des großen Atlas zugehen lassen. Da diese Gegend bisher noch nicht erforscht gewesen ist, hat der Bericht ein besonders großes Interesse. Er lautet: Selbst in einem so rückständigen Lande wie Marokko ändern die Zeiten sich, sobald ein Anstoß von außen kommt. Vor einem Jahre hatte ich vergebens versucht, in die Stadt Marrakesch einzudringen, wo damals 17 000 Juden allen Gefahren ausgesetzt waren, die die Belagerung der Hauptstadt des Südens durch die Banden der blauen Männer mit sich brachte. Heute ist die Stadt nicht nur befreit und dank der französischen Besatzung zu neuem Leben aufgeblüht, sondern ich habe sogar eine Reise durch den Atlas im Südosten von Marrakesch unternehmen und zu gutem Abschluß bringen können. Das Interesse und die tätige Beihilfe der Herren Sidi Madani el Glaoui, Generalgouverneur von Glaoua, Josua Gorcos, Vorsteher der israelitischen Gemeinde von Marrakesch und Danon, Direktor der Allianceschule, haben es mir ermöglicht, unter verhältnismäßig günstigen Bedingungen reisen zu können. Meine Karawane bestand aus einem jüdischen Mann vom Atlas, namenls' Yamin, der die Schlöh-Sprache spricht, und aus einem Saheb (Gefährten) von Sidi Madani, der Si ei Mahzub heißt. Die Karawane verließ Marrakesch am 15. August und wir folgten ihr im Automobil bis zu dem kleinen jüdischen Dörfchen Ulad Mansur, das 20 Stunden von Marrakesch entfernt liegt und wo 15 der dort lebenden 25 Familien sich mit Ackerbau beschäftigen. Die Israeliten sind nicht die Besitzer des von ihnen bearbeiteten Bodens, sie pachten ihn von Arabern aus dem Stamme Semran. Bevor wir zu ihnen kamen, hatten wir in Sidi Rahal in der Ebene des Tensift, acht Stunden von Marrakesch, haltgemacht. Die jüdische Bevölkerung dieser Ortschaft beklagt sich sehr lebhaft über Ausschreitungen des dortigen Kaids. Die Begründung einer Schule in diesem Mittelpunkt und dieser wichtigen Etappe der nach Marrakesch ziehenden Karawanen des gesamten marokkanischen Südostens würde von großem Nutzen sein. Ueber die numerische und gesellschaftliche Lage der Israeliten von Sidi Rahal ist nicht viel zu erzählen. Sie sind 857 an Zahl, darunter 343 Kinder. Unter den Familienvätern befinden sich 40 Tuchmacher und Schnittwarenhändler, 7 Parfümhändler, 8 Oelverkäufer, 4 Getreidehändler, 57 Pantoffelmacher, 10 Waffenhändler und Juweliere, 13 Tischler, 12 Schmiede, 10 Männer ohne jeden Beruf mit 15 Kindern, 48 Witwen und 45 Waisen. Sidi Rahal liegt in einem Bezirk mit direktem französischen Einfluß und befindet sich somit in vollständiger Sicherheit. Die Entfernung von Sidi Rahal bis Demnat beträgt einen Tagesmarsch; von Ulad Mansur ab wird der Weg etwas unsicher. Man passiert die Dörfer Tasert (15 jüdische Familien), Tidili (40 Familien) und Dra (20 Familien und die Grabstätte des heiligen^ Rabbi David Halevy). Demnat ist der wirtschaftliche Mittelpunkt der Stämme des gebirgigen Ostens. Der Mellah ist einer der rückständigsten von Marokko und enthält 95 Häuser. Verschiedene Gebäude, darunter die Hauptsynagoge, sind bei den beiden Plünderungen der Stadt Demnat zerstört worden, deren erste beim Tode des Sultans Mulay Hassan, die zweite bei der Thronbesteigung des Sultans Mulay Hafid stattgefunden hat. Die Bevölkerung des Mellah beträgt ungefähr tausend Seelen (dabei nehme ich die niedrigste, mir vom Scheik angegebene Ziffer an). Sie steht unter dem unmittelbaren Schutz von Sidi Madani und befindet sich in einer verhältnismäßig günstigen Lage. Ein Talmud Thora und eine Jeschiba existieren dort, in ^enen Talmud gelehrt wird. Das Vorhandensein einer richtigen Schule wäre von großem Wert für Demnat. Sidi Madani hat mir seine Beihilfe für eine zu begründende Schulanstalt zugesagt Von Demnat aus habe ich die nach Südwest führende Straße eingeschlagen, um nach dem Berge Glaoui zu gelangen. Ich bin zuerst durch Tafemsit gezogen (18 ärmliche jüdische Häuser*), dann durch Ait Rabal (20 Häuser), Enzel (24 Häuser), Zarkten (im Innersten des Glaoui, 18 Häuser), Tagmut (25 Häuser; alte Gemeinde, wo ich Inschriften aus dem 15. Jahrhundert und u. a. das Grab des Rabbi David Aichkar gefunden habe), Iddr (10 Familien), ein Dorf, das 2000 Meter hoch, nahe dem Glaouli- Gipfel, gelegen ist. Unter großen Mühen klettert man den bedeutenden Gipfel des Glaoui hinauf — 2600 Meter Höhe —, um sich auf dem anderen Abhang des großen Atlas zu befinden. Auf der südöstlichen Seite erscheint zuerst das Tal Teluet, das vom Kaid Sidi *) Die Juden bauen ihre Häuser selbst und werden oft sogar gezwungen, Häuser für die Berber zu bauen, ohne dafür bezahlt zu werden. Die aus Stampferde gebauten Häuser haben einen Hof und eine Terrasse, die allen Mitgliedern der Familie zugänglich ist; Vater, Mutter, verheiratete Kinder und deren Kinder. Im Durchschnitt wohnen zehn Personen in einem Hause. Sehr oft — zum Beispiel in Tasemsit und in Zarkten — stoßen die Lehmdächer der Häuser zusammen und bilden so eine ungeheure Terrasse.

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