Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 4 (April 1914)
- Article
- Aus dem geistigen Leben der jemenischen Juden
- Date
- 1914-04-01
- Page
- Seite 283 - 284 (sequence 3)
- Language
- German
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283 A. Z. Idelsohn; Aus dem geistigen Leben der jemenischen Juden. 2S4 werden. Daher wird die Nesidpoesie die weibliche Muse genannt. In allen Diwanen sind nach jedem Nesid drei Buchstaben angezeichnet. Diese sind die Abkürzung des Psalmverses „Anna Adonaj hosi'ana", der nach jedem Nesidgedichte von allen Anwesenden tutti gesungen wird. 5. Sirot. Diese Poesiegattung ist die höchste Leistung der jemenischen Dichtung. Der weitaus größte Teil der Gedichte hat den sogenannten „Gürtel", „Tausih". Von den 130 mir zugänglichen Sirot für die Ho chzeitsfeiern sind zirka 80 mit Tausih, 30 Vierzeiler. 16 Zweizeiler und 6 Fünfzeiler. Die Behauptung des HeinesDenkmal von Bildhauer Georg Kolbe, Berlin im Jahre 1913 in Frankfurt a. M. errichtet oben zitierten Kommentators, wonach jede Sira Tausih haben muß, ist nur teilweise zutreffend. Die Siragattung im allgemeinen ist Kunstpoesie. Die Gürtelform (MuwaSSah) wird von den arabischen Sängern und Dichtern als die höchste dichterische Form betrachtet, weswegen diese Gattung die Poesie des Mannes ist. denn der Gürtel gilt als Symbol der männlichen Tapferkeit. Die Gürtelform entsteht dadurch, daß ein Teil mitten in der Strophe plötzlich anders rhythmisiert wird. Gewöhnlich sind es drei Verse in der Strophe, die einen kürzeren Versfuß als das durchgehende Metrum und einen eigenen Reim erhalten. Diese drei Glieder, welche auch fürs Auge dadurch kenntlich gemacht sind, daß sie untereinander geordnet stehen, werden Gürtel genannt1), weil es den Anschein hat, als habe der Dichter den Strophenkörper durch die Verkürzung der drei Glieder eingeschnürt oder umgürtet. Es gibt auch Tausih mit vier und fünf Gliedern und manchmal zwei bis drei Tausih hintereinander. Nach jeder Sira wird von den Anwesenden eine der Halelotpoesien tutti gesungen, manchmal beschränkt man sich anf das Wort „Wehaleluja". 6. Sirot für Sabbath. Diese Poesien, gewöhnlich Vierzeiler und meist mit vorangehendem Zweizeiler, sind für Sabbath, hauptsächlich für den Sabbath der Hochzeitswoche2) bestimmt. Wiewohl auch die Feiertage mit Liedern bedacht sind, hat der Sabbath doch eine besondere Heiligkeit und ist daher mit Gedichten reichlich ausgeschmückt. Abgesehen von der mystischen Bedeutung, welche die Kabbala dem Sabbath beigelegt hat, ist die Königin Sabbath für den unterdrückten, physisch und moralisch gequälten Juden die göttliche Ruhespenderin, die Friede und Seligkeit ins Haus bringt. Gesagtes wird wohl der Grund sein, warum der Sabbath in so vielen Gedichten verherrlicht ist. Die Gedichte für die Feiertage sind wenig bekannt und haben gar keine eigenen Melodien, sondern sie werden mit den Weisen der Sabbathpoesien gesungen. In dieser Poesiegattung stammen viele Gedichte von den jüdisch-spanischen Klassikern, die anderen sind im großen und ganzen denselben nachgebildet. Noch eine weitere Poesiegattung wäre zu erwähnen, nämlich die Lieder für „Berith-mila". Sie haben aber keine eigenen Melodien, sondern werden ebenfalls mit denjenigen der Sabbathlieder gesungen, ebenso gleichen sie letzteren auch in der Form. Zum Schluß führe ich die sieben Regeln der Dichtkunst an, die die jemenischen L>ichter aufgestellt haben: „1. Der Dichter soll seine Dichtung von Schlacken (Fehlern) reinigen und sich einen Chor stimmbegabter J) Dieser Name ist auf das ganze Gedicht übertragen worden. 2) Die Jemeniten setzen ihre Trauungen immer auf Freitag früh an.