Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 4 (April 1914)
- Article
- Aus dem geistigen Leben der jemenischen Juden
- Date
- 1914-04-01
- Page
- Seite 285 - 286 (sequence 4)
- Language
- German
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285 A. Z. Idelsohn: Aus dem geistigen Leben der jemenischen Juden. 286 Freunde sichern (die den Refrain mitsingen). 2. Er soll Versmaß und Vokalaussprache genau beobachten. 3. Er soll sich davor hüten, in seinem Gedichte unheilige Bilder für heilige Dinge zu gebrauchen und ebenso sprachliche Irrtümer vermeiden. 4. Seine Worte sollen klar und verständlich sein. 5. Er sorge dafür, daß seine Zuhörerschaft sich ruhig verhalte. 6. Bevor er das Gedicht anderen vorträgt, lese er.es für sich durch; er trage es aus dem Skriptum vor und lasse sich weder durch Schmeicheleien noch durch Spott dazu bewegen, es auswendig vorzutragen. 7. Er trage das ganze Gedicht vor und erlaube sich keine Kürzungen1)." Die Poesien der jemenischen Juden sind noch zum größten Teil bis jetzt unveröffentlicht geblieben. Kleine Sammlungen sind indessen erschienen in Aden (Hupat Hätanim, 1902), in Jerusalem und in Kalkutta 1853 (dasselbe später in Bombay 1886). Ebenso hat Schreiber dieses in dem schon erwähnten Aufsatz 30 Dichtungen veröffentlicht. Bacher a. a. 0. gibt ein Verzeichnis eines großen Teiles der jemenischen Poesien. Bemerkenswert ist, daß die Jemeniten die bei den Juden im Orient allgemein bekannte „BaqaSot" nicht kennen. Die BaqaSot sind religiöse Poesien älterer Dichter, vorzugsweise von Israel Nagära, die jeden Samstag vor Tagesanbruch in der Synagoge gesungen werden. Sie begründen diese Einführung auf den Psalmvers 92, 3 „Des Morgens deine Gnade und des Nachts deine Wahrheit wollen wir verkünden". x) Ich zitiere diese Uebersetzuog von Bacher a. a. O. S. 28 ff. Heinebüste von Bildhauer Adolf Schmieding, in Düsseldorf; im Jahre 1906 im Heine* zimmer der Landes* und Stadlbibliothek in Düsseldorf aufgestellt. ZUR GESCHICHTE DES CHIEF-RABBINATS IN ENGLAND. Von Dr. S. M. M e 1 a m e d, London. II. An Stelle des Rabbiners und des großen Talmudisten kam der „Minister"Prediger, halb und halb Kantor, und im ganzen mehr sozial als rabbinisch tätig. Das Bestreben des altern wie des jüngern Adler ging dahin, das Chief-Rabbinat, das im Jahre 1870 die parlamentarische Sanktion erhielt (allerdings nur für die United Synagogue) zu einem wahren Episkopat auszugestalten. Dieses Bestreben war auf der einen Seite durch den ethnisch gemischten Charakter des englischen Judentums gerechtfertigt. Ohne eine zentrale Autorität, die alle Elemente der Gemeinde zusammenhält, hätte sich die Londoner Judenheit, die ein Mikrokosmos des gesamten Diaspora- Judentums ist, in Anarchie verloren; allein die scharfe Betonung des Episkopats und seine Nachbildung nach englischem Muster hat auch manche Uebel gezeitigt, die nicht übersehen werden dürfen. Wohl war ein Chief-Rabbi da, aber es fehlte an Rabbineri, welchen der Chief-Rabbi hätte vorstehen sollen. Das von Dr. Nathan Adler im Jahre 1855 begründete Rabbinerseminar war von vornherein so eingerichtet, daß es nicht Rabbiner, sondern „Minister" erziehen sollte. Die Folge war, daß ein Geschlecht von fürchterlichen Ignoranten entstand, die, obgleich religiöse Häupter der Gemeinden, das Judentum nicht kannten und nicht verstanden, und es im schlechten Sinne anglisierten. Der Abstand zwischen den unwissenden „Ministers' und den sehr gelehrten jAdlers war ein so krasser, daß man fast nicht glauben wollte, daß zweL so OTLindgelehrte Rabbinen die religiösen und gelehrten Häupter solcher unwissenden „Ministers" sein konnten. Daher die sehr traurige Erscheinung, daß,während in Deutschland die AVissenschaft des Judentums negründet wurde und Triumphe feierte, in England zur gleichen Zeit die Unkenntnis des Judentums groß wurde. Der Wahrheit halber muß auch1 betont werden, daß nicht die Adler, Vater und Sohn, allein diesen Zustand verschuldet haben. Die herrschende Klasse in der englischen Judenheit während des zweiten Drittels des iXIX. Jahrhunderts hatte keinen Sinn für Geisteskultur.