Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 4 (April 1914)
- Article
- Aus dem geistigen Leben der jemenischen Juden
- Date
- 1914-04-01
- Page
- Seite 281 - 282 (sequence 2)
- Language
- German
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281 A. Z. Idelsohn: Aus dem geistigen Leben der jemenischen Juden. 282 Außer in der Form unterscheidet sich Nesid von Sira hauptsächlich in der musikalischen Darstellung. Folgende Erklärung der Unterschiede dieser Poesiegattungen gibt der Kommentator der jemenischen Poesien, Rabbi Jahja Oorah,1) der im vorigen Jahrhundert lebte. Es lautet in wörtlicher Uebersetzung aus dem Hebräischen wie folgt: ..Ich beschloß, die Unterschiede zwischen Nesid und Sira zu erforschen, da ich überzeugt war, daß es solche geben muß. Leider ist in der gegenwärtigen Zeit das Verständnis für Musik verloren gegangen und unsere Festsänger können sich der Instrumente, wegen eines alten Verbotes seitens der Rabbiner, nicht mehr bedienen. Aus diesem Grunde sind sie gezwungen, die Melodien ..umzukehren", d. h. jedem Vers eine andere Melodie anzupassen, woraus Meinungsverschiedenheiten unter den Sängern selbst entstehen." „Ich ließ mich zu einer Torheit verleiten und wagte mich in ein arabisches Festgelage hinein. Drei Xächte sangen sie mit lUdbegleitung2), in zwei darauffolgenden Nächten spielten sie Flöte. Ich erlernte dann die poetischen und musikalischen Formen und erkannte die Notwendigkeit, daß in jeder „Sira" ein „Tausih" sein muß; ferner bemerkte ich den richtigen Gebrauch der Instrumente, nämlich dass man bei Nesid nur die Pauke gebrauchen darf. Ebenso erkannte ich den Lierschied zwischen Nesid und Sira. Nesid bedeutet Bittgesang oder einen solchen Gesang, der aus Frage und Antwort besteht, Sira dagegen — arabisch „Murani" — Lob- oder Jubelgesang." „Der eigentliche Unterschied zwischen den beiden Gattungen besteht im folgenden: Sira ist Lustgesang des Bräutigams, während der Hochzeitstage an die Braut gerichtet. Wiewohl diePoesien eigentlich nur von der Göttlichkeit sprechen, sind sie auch für die irdische Geselligkeit geeignet. Sie erwecken gerade bei der Gelegenheit einer Hochzeit die göttliche Liebe" (d. h. die Liebe Gottes zu den Menschen). „Die Ursache, weshalb man vor Sira Nesid singt, hat ihre Begründung im Psalmvers „Eröffnet dem Herrn mit Dankgesang, singet unsrem Gotte mit der Harfe" (Psalm CXLV1II, 7) also zunächst Dank' und dann Gesang. — Man pflegte gewöhnlich zu behaupten, daß Nesid an den Mann, Sira an die Frau gerichtet seien. Der Grund hierfür liegt wohl darin, daß die Bitte und der an sie anknüpfende Dank dem Manne gebührt, während der Lustgesang der Frau gewidmet ist." — Ob diese Erklärung des Inhalts der Poesien für alle Gedichte maßgebend sein kann, bleibt dem Urteile des Forschers überlassen, um so mehr, da mehrere Lieder 1) Dieser Kommentar ist vom Verfasser eigenhändig am Rande einiger Diwane geschrieben, von welchem ein Exemplar in Jerusalem sich befindet. 2) Im Original ,.Kinnor", womit gewöhnlich das cUd, ein mandolinenähnliches Instrument benannt wird. rein weltlichen Inhalts, wie Geselligkeitslieder, Rangstreitlieder und Episteln an Freunde bald in Nesidbald in Siraform gehalten sind. Was die Namen Nesid, pl. Naswad betrifft, so bedeutet er „Volksgesang"; „Ansada" nennt man rTaktgesang ' als Gegensatz zu „Tartil", welches „Recitativ" bezeichnet. „Nasfid" nennt man im Jemen einen bestimmten Typus von Bettlern. Diese sind keine einfachen Bettler, sondern sie ersingen sich ihr Almosen, denn sie sind Volkssänger und gleichzeitig auch Wahrsager und üben hauptsächlich auf die Frauen einen großen Einfluß aus, weshalb auch ihre Lieder von dem schwachen Geschlecht mit Vorliebe gesungen HeinesStatuette von Prof. Ernst Herter, Berlin.