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Ost und West · 1914-03-01 · Heft 3 (März 1914) · p. Seite 237 - 238

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 3 (März 1914)
Article
Die Israeliten in Rumänien
Date
1914-03-01
Page
Seite 237 - 238 (sequence 5)
Language
German
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237 Die Israeliten in Rumänien. •238 einen elenden kleinen Laden besitzt, die sich dem Zustandekommen einer rumänischen Bourgeoisie widersetzen sollten? Sollte der jüdische Mittelstand dem rumänischen Mittelstand feindlich gegenüberstehen, der ohnehin fortwährend wächst? "Die 23 000 bis 24 000 Juden, die Gewerbesteuer zahlen, und die ganz unbedeutende Zahl von eingeborenen Juden in freien Berufen können sich doch nicht gut den 80000 gewerbesteuerzahlenden Rumänen und der großen Anzahl von Lehrern, Offizieren, Beamten, Angestellten usw. entgegenstellen, die ihrerseits den Mittelstand bilden und deren Zahl sich auf Hunderttausende belauft? Weiter ist gesagt worden, daß, wenn die politischen Rechte unter den obwaltenden Umständen den eingeborenen Juden zuerkannt werden, „die nationale Axe der rumänischen Politik verschoben werden würde". Diese Furcht ist vollständig unbegründet. Vor allem wollen wir die Voraussetzung als ganz absurd zurückweisen, daß die zu Bürgern gemachten Juden sich zu einem abgesonderten Block vereinen könnten, d. h. zu einer einzigen Partei, die sich in gewissen Moldau-Ortschaften der beiden Wählerklassen bemächtigen würde. Es ist sicher, daß die einmal Bürger gewordenen Juden sich zuerst in ihre zuständigen Wahlkreise begeben und daß ein großer Teil von ihnen in der "dritten Wahlklasse figurieren wird. Innerhalb der Wahlklassen werden sie ihren Interessen und ihrem Geschmack entsprechend sich den verschiedenen rumänischen Parteien anschließen. Aber selbst wenn die Möglichkeit des Zusammenschlusses zu einem politischen Block möglich wäre, würden die Juden doch in keinem einzigen Wahlkörper der Moldau — um diesen Landesteil handelt es sich ja nur — eine Mehrheit erhalten können, da nach der offiziellen Statistik die Ziffer der jüdischen Bevölkerung die der rumänischen Einwohner nicht übersteigt. Man sieht, auf was sich die angekündigte Gefahr reduziert, mit der gewisse Leute aus Interesse oder aus Unwissenheit die öffentliche Meinung erschrecken wollen. Für den Fall der Vergrößerung der Wahlbezirke könnte das Problem natürlich in dieser Form gar nicht weiter bestehen. In keinem Falle aber könnte es sich bei der Naturalisation der Juden um eine Gefahr für das Land handeln. Die oberflächlichste Prüfung der Frage würde die absolute Wahrheit unserer Behauptungen erweisen. Es besteht kein Grund irgendwelcher Art, der die Verwirklichung des Gleichheitswerks verhindern könnte, das von der eingeborenen jüdischen Bevölkerung verlangt wird. Die Vaterlandsliebe der e i n g e b o r e n c n Juden. Die jüdische Bevölkerung hängt sehr an ihrem Vaterlande. Bei allen bedeutsamen historischen Gelegenheiten hat sie diese Anhänglichkeit bewiesen. Ganz wie die Rumänen haben auch die eingeborenen Juden an zwei Feldzügen teilgenommen. Die bulgarischen Feldzüge von 1877 und 1913 haben ihre Empfindungen aufs deutlichste bewiesen. In einmütiger patriotischer Begeisterung haben sie sich zur Verteidigung des Vaterlandes erhoben. Ihre Haltung war eine so spontane Folge ihrer Herzensstimmung und hat so tiefe und aufrichtige Empfindungen bewiesen, daß selbst die Ungläubigsten davon ergriffen waren. Tausende von eingeborenen jüdischen Soldaten sind auf das feindliche Gebiet geströmt und die im Lande Zurückgebliebenen haben reichlich an dem Hilfswerk für die Familien der Mobilisierten beigetragen und haben durch ihren Eifer und ihre Selbstlosigkeit allgemeine Anerkennung gefunden. Wir verlangen keinen Ausgleich dafür, denn wir wollen unseren Patriotismus nicht zum Tauschobjekt machen. Wir verlangen, wie wir es schon vor dem Feldzug von 1913 getan, und auch nicht aufhören werden, es zu tun, die reine Lösung der Judenfrage durch Naturalisation aller eingeborenen Juden, d. h. aller Juden, die im Lande geboren sind und die nicht unter dem Schutz einer fremden Macht stehen. Naturalisation der mobilisierten Juden. — Ungerechte Lösung. Es wäre eine Ungerechtigkeit, wenn nur die Mobilisierten naturalisiert werden sollten, und diese Ungerechtigkeit besteht in dem Kriterium selbst, das zu diesem Zweck angenommen werden soll. Ob man nur den mobilisierten Truppenteilen die glatte Naturalisation verleiht oder ob man die Naturalisation auch auf andere Truppenteile ausdehnt, die Ungerechtigkeit bliebe doch unvermeidlich, da eine solche Auswahl sich auf einen bloßen Zufall aufbaut, auf den Zufall des im Augenblick der Mobilisierung notwendigen Bedarfs, der die Einberufung dieses oder jenes Truppenteils erforderte. Von diesem Standpunkt betrachtet, würde die Naturalisation eine Ungerechtigkeit gegenüber allen denen bedeuten, die aus irgendeinem Grunde nicht mobilisiert worden sind. Um es an einem Beispiel zu erläutern, würde sie sozusagen für alle die eine Strafe sein, die aus gesetzlichen Gründen nicht zum Militärdienst herangezogen worden waren. Sie würde einer künstlichen Teilung der eingeborenen jüdischen Bevölkerung gleichkommen; auf der einen Seite stünden die zu Bürgern gewordenen Mobilisierten, auf der anderen Seite die Nichtmobilisierten, „Fremde" gebliebenen. Als ob die nichtmobilisierten und zu Hause gebliebenen Juden nicht dieselben; vaterlandsfreundlichen Gefühle bekundet hätten! Als ob die nichtmobilisierten Juden nicht ebenso wie ihre Mitbürger unter den unregelmäßigen Zeitläuften zu leiden hatten! Bei der Annahme einer solchen Unterscheidung könnte man zu dem Resultat gelangen, daß von den Mitgliedern derselben Familien einige Personen rumänische Bürger wären, während die anderen, ihre Eltern, Brüder usw., nach wie vor „Fremde'' blieben, die allen Einschränkungen unterworfen und von Ausweisung bedroht wären. Nur ein Mittel kann dieser Lage ein Ende machen, das ist die Naturalisation aller eingeborenen Juden. Die neuen Verhältnisse verlangen diese Lösung mit elementarer Gewalt. Die Annexion der neuen Provinzen in der Dobrudscha wird sehr bald eine Situation schaffen, die einen gewissen Rückschlag auf die Juden ausüben wird. Die unserem Lande, seiner Sprache und Kultur vollkommen fremden Einwohner der annektierten Ortschaften werden auf irgendeine Weise zu rumänischen Bürgern erklärt werden. Jedenfalls werden sie keine Fremden sein. Wenn die eingeborenen Juden in der bisherigen Stellung erhalten werden sollen, muß eine unmögliche Anomalie entstehen; auf der einen Seite eine alte, eingeborene rumänisch gewordene Bevölkerung — die Juden —, die als „fremde" angesehen und behandelt wird; auf der anderen Seite eine fremde Bevölkerung mit fremder Sprache und fremder Kultur, die für rumänisch erklärt wird und

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