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Ost und West · 1914-03-01 · Heft 3 (März 1914) · p. Seite 235 - 236

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 3 (März 1914)
Article
Die Israeliten in Rumänien
Date
1914-03-01
Page
Seite 235 - 236 (sequence 4)
Language
German
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235. Die Israeliten in Rumänien. 236 gangener Zeit allen gegen die fremden Juden erlassenen Verbote unterworfen. Sie waren selbst einiger Bürgerrechte beraubt, die die anderen Rumänen genossen. So durften sie weder Advokaten, noch Lehrer, noch Staatsingenieure werden; sie konnten keiner Enteignungsjury in (Ten Städten angehören; man durfte ihnen d^ Kaution judicatum sofvi abnehmen usw. Unter der Neuordnung werden sie in erster Reihe alle Rechte genießen, die die Fremden im allgemeinen besitzen. Sie werden aber noch über die Rechte der Fremden und der rumänischen Untertanen hinaus das Vorrecht erhalten, in der Armee und der Nationalgarde zu dienen, in den Städten Immobilien und Terrains zu kaufen, Advokaten zu werden, in die Enteignungsjury der Städte einzutreten und jedes Handwerk und jeden Beruf frei auszuüben; sie werden dasselbe Personalstatut bekommen wie die Rumänen; sie werden in derselben Weise von Gesetz und Behörden beschützt werden; sie werden nicht mehr der Kaution judicatum solvi unterstehen und sie andererseits von anderen Fremden verlangen dürfen; sie werden die große und die kleine Naturalisation erhalten können ' und sie werden leichter als die Fremden vom Dispens des Wohnorts profitieren, der ihnen gewährt wird, sobald das Parlament ihr Naturalisationsgesuch bewilligt; sie werden schließlich alle Bürgerrechte genießen, die im Naturalisationsgesetz einzeln aufgeführt werden. Ist der Unterschied zwischen dieser Stellung und der der vorhergegangenen Zeit vernünftigerweise zu bestreiten? Zwischen den als Bürger zugelassenen Juden und den übrigen Bürgern wird selbstverständlich nicht der geringste Unterschied gemacht werden." Aus dieser Note geht deutlich hervor, daß die Juden nicht mehr als Fremde betrachtet werden sollten. Es wird darin ein kategorischer Unterschied zwischen den fremden und den eingeborenen Juden gemacht. Schulpolitik. Die eben wiedergegebene Note verspricht eine konziliante und der Annäherung günstige Haltung; sie spricht von der Vorbereitung der Gemüter durch die Schule usw. Aber statt einer Annäherungspolitik wird eine Politik der Uneinigkeit, der gewaltsamen Entfremdung, der systematischen Ausschaltung und der Ausnahmegesetzgebung gehandhabt. Die eingeborenen Juden sind von den Schulen ausgeschlossen worden, und zwar, damit die Identifizierung, von der in der Note von 1879 die Rede ist und die zur vollständigen Naturalisation der eingeborenen Juden führen sollte, nicht durchzuführen war. Nicht die eingeborenen Juden sind es gewesen, die versucht hatten, sich zu isolieren; sie haben im Gegenteil das Menschenmögliche getan, um sich den Rumänen zu nähern, denn ihr diesbezüglicher Wunsch vereinte sich mit ihrem Interesse. Aber die offizielle Politik hat sie auf den Index gesetzt und hat sie aus den Schulen vertrieben. Die Juden haben deshalb eigene rumänische Schulen mit demselben Lehr plan begründet, den die öffentlichen Lehranstalten haben. Die Versuche, die eingeborene jüdische Bevölkerung vom rumänischen Leben und rumänischer Kultur fernzuhalten, haben niemals aufgehört. Sie sind trotzdem gescheitert, weil einerseits das beständige Beisammenleben, andererseits die jüdischen Schulen zur Rumänisierung der eingeborenen jüdischen Bevölkerung beigetragen haben, die dieselbe Sprache und dieselbe Kultur angenommen und auch dieselben Interessen hat wie die übrige Bevölkerung des Landes. Trotz aller ihrer freien Entfaltung bereiteten Hindernisse haben die eingeborenen Juden in bedeutendem Maße zum wirtschaftlichen und geistigen Fortschritt des Landes und dadurch zum allgemeinen nationalen Wohlstand beigetragen. Sie hätten dem Vaterlande noch weit größere Dienste leisten können, wenn die ihnen aufgezwungene Lebensweise nicht Tausende von ihnen ins Elend gebracht oder zur Auswanderung gezwungen hätte. Das rumänische Volk begrüßt heute ein neues nationales Leben, in dem die alten Ungerechtigkeiten und die alte Ausschließungspolitik keinen Platz mehr finden sollen. Eine Enquete über die Juden frage. — Die Voraussetzungen des Problems. — Der jüdische und der rumänische Mittelstand. — Die Befürchtung, daß die zu Bürgern gemachten eingeborenen Juden sich in der Moldau zu Herren der I. und II. Wählerklasse machen könnten. Die eingeborenen Juden sind Rumänen und wollen es sein; es gibt gar keinen Unterschied zwischen ihren Interessen und denen der christlichen Rumänen, denn eine diesbezügliche Verschiedenheit hat überhaupt niemals bestanden. Wer etwas anderes behauptet, kennt die Sachlage nicht und will sie auch nicht kennen lernen. Man hat in letzter Zeit von einer offiziellen Enquete über die Judenfrage gesprochen. Wir wären glücklich, wenn diese Enquete zustande käme, denn sie würde ein für allemal und in nachdrücklichster Form das Unrecht der gegen uns erhobenen Beschuldigungen und die Hinfälligkeit der Befürchtung beweisen, daß die Naturalisierung der Juden den nationalen und wirtschaftlichen Interessen des Landes schaden könnte. Obgleich sie schon sehr alt ist, ist die Judenfrage doch nicht bekannt, und selbst ihre einfachsten Voraussetzungen sind den meisten Menschen fremd. Nur so ist es zu erklären, daß in den letzten Tagen jemand schreiben konnte, die jüdische Bevölkerung bilde eine einzige soziale Klasse für sich, die Bourgeoisie, und die Uebertragung der politischen Rechte auf die Juden würde bei der derzeitigen Einteilung der Wahlbezirke eine vollständige Verschiebung der nationalen Axe der rumänischen Politik zugunsten der Juden bedeuten. Die Wahrheit sieht ganz anders aus. Die große Mehrheit der jüdischen Bevölkerung besteht aus Arbeitern. Bei einer Gesamtbevölkerung von ungefähr 250000 Seelen sind 30 000 jüdische Familienväter Handwerker, und nach der offiziellen Statistik der Ministerien der Industrie und der Finanzen bezahlen 23 000—24 000 Juden Gewerbesteuer. Die Mehrzahl dieser letzteren sind Kleinhändler in den Dörfern und kleinen Städten, in denen sie eher ein Geschäftsproletariat als einen Mittelstand bilden. Nur wenige von ihnen leben in verhältnismäßig günstiger Lage. Wenn man bedenkt, daß die oben angeführten Ziffern offiziell sind, so ist die Behauptung unbegreiflich, daß die jüdische Bevölkerung Rumäniens eine einzige Klasse — den Mittelstand — bildet, die sich der Bildung eines rumänischen Mittelstandes widersetzen könnte. Sind es die 23 000—24 000 gewerbesteuerzahlenden Juden, deren Mehrzahl nur

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