Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 3 (März 1914)
- Article
- Aus dem geistigen Leben der jemenischen Juden
- Date
- 1914-03-01
- Page
- Seite 215 - 216 (sequence 2)
- Language
- German
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215 A. Z. Idelsohn: Aus dem geistigen Leben der jemenischen Juden. 216 Durch seinen Reichtum und seine geistige Ueberlegenheit erwarb er sich großes Ansehen nicht nur bei den jemenischen Juden, sondern auch bei den Arabern und sogar beim Imam von Sancaa selbst. Saphir erzählt Einzelheiten über'Iraki und seine Taten, unter anderem, daß er den Stammbaum der Juden San aas verbrannt hat1). Der Stammbaum soll nachgewiesen haben, daß die Juden in San aa rein jüdischer Abstammung seien, und zwar von den zehn Stämmen Israels, dagegen sollen die jüdischen Dorfbewohner Jemens mit den Arabern sich vermengt haben. Als Ahron lIraki für seinen Sohn eine Frau aus der jüdischen Bevölkerung San'aas nehmen wollte, wurde es ihm verweigert mit der Begründung, daß Jemeniten sich nur mit reinjüdischen Abkömmlingen verheirateten. Darüber aufgebracht, ließ lIraki ihren Stammbaum verbrennen mit der Bemerkung, daß alle Israeliten adliger Herkunft seien. Indessen soll sich ein Familienstammbaum in Jder Familie „Alseli", wie einige Mitglieder derselben mir erzählten, erhalten haben2). Damit noch nicht beruhigt, beschloß Iraki den uralten jemenischen Ritus und die herkömmlichen rituellen Gebräuche der Jemeniten auszurotten und den sefardischen Ritus einzuführen, damit die Jemeniten von ihren Glaubensgenossen sich nicht mehr absondern sollten. Zu diesem Zwecke baute er eine Synagoge, die noch bis heute erhalten ist und führte in ihr den sefardischen Ritus ein, der „Nusah Sami"3) — palästinensischer Ritus genannt wurde, als Gegensatz zu dem jemenischen Ritus, welcher „Nusah bälädi" — lokaler Ritus hieß. Da aber Mraki die ganze Gemeinde, wo er bald Anhänger fand, zum sefardischen Ritus bekehren wollte, £0 forderte er das Rabbinat auf, den sefardischen Ritus ofriciell anzuerkennen. Diese Forderung führte zu Zwistigkeiten zwischen ihm und dem damals in Sanfaa als Oberrabbiner fungierenden Rabbi Salah, der hartnäckig die von den Urahnen überlieferten Gebräuche verteidigte.4) Als Iraki sah, daß er auf diese Weise nichts auslichten würde, wandte er sich an dem ihm wohl" gesinnten Imam, der dem Oberrabbiner auch gleich befahl, den sefardischen Ritus anzunehmen. Dieser fürchtete aber mehr Gott als den König und befolgte dessen Gebot nicht, worauf er eingesperrt wurde. x) Vgl. Iben Saphir I, Kap. Jemen ff. 2) Wie die Jemeniten versichern, soll ein altes Archiv in »San aa sich befunden haben, welches viel geschichtliches Material enthielt, dieses wurde durch die wiederholte Vertreibung und Demolierung des jüdischen Viertels vernichtet. 3) Das nördlich von Mittel-Arabien liegende Palästina und Syrien wird arabisch „Sami" — das linke, das südliche Gebiet — ..Jemen'' das rechte genannt. 4) Rabbi Salah sowohl als sein Enkel haben bezüglich der Unterschiede des jemenischen Ritus vom sefardischen mehrmals Anfragen an das Rabbinat in Kairo geschickt, letzteres antwortete ihnen, daß sie ihre überlieferten Gebräuche usw. beibehalten sollen. Vgl. Taklal I, 92 a (Kommentar). Selbstverständlich ließ die Gemeinde ihren geliebten und göttlich verehrten Rabbi im Kerker nicht lange schmachten und löste ihn für schweres Gold aus. Da entspann sich erst recht ein heißer Kampf, der bis zum Ableben des Ahron 'Iraki dauerte. Als Ursache des bedauernswerten Schicksals seiner Nachkommen, die bettelarm sind, wie Saphir berichtet1), wird die Wirkung eines Fluches des göttlichen Rabbi Salah vermutet2). Dennoch sind die Bemühungen des Ahron 'Iraki nicht ohne Folgen geblieben. Denn abgesehen davon, daß ein großer Teil der Gemeinden Jemens den sefardischen Ritus akzeptiert hat, hat derselbe aut den jemenischen Ritus selbst einen großen Eintluß ausgeübt. Viel Sefardisch.es wTurde aufgenommen, namentlich bei der letzten Redaktion des Gebetbuches, welche von dem Kommentator Ende des 18. Jahrhunderts vorgenommen wurde. Eine Schilderung der rituellen Gebräuche gibt Iben Saphir I : ebenso ist mehreres in einem hebräischen Aufsatze vom Schreiber dieses im „Palästina Almanach" 1908 und ferner im Jahresbericht der Alliance Israelite Universelle 1910 zu finden3). B. Die ausser s y na gogale Poesie. Wenn die jemenischen Produktionen auf dem Gebiete der synagogalen Poesie gering sind, so haben die Juden Jemens um so mehr in der aussersynagogalen Poesie geleistet. Im 16. Jahrhundert begann die poetische Ader in diesem Gliede des zersplitterten jüdischen Volkskörpers kräftig zu schlagen. Eine Reihe genialer und talentvoller Dichter entstand innerhalb der jemenischen Judenheit, die die jüdische Poesie mit neuen Kunstformen bereicherten. Ihren Höhepunkt erreichte diese Epoche in dem genialen Dichter Solem Sibzi4), welcher mehrere hundert Gedichte in verschiedenen Formen und mannigfachen Inhalts gedichtet hat. Was mag wohl die Juden Jemens damals angeregt haben, sich zu frischem Leben aufzuraffen, nachdem sie seit ihrer völligen Besiegung durch Mohammed fast tausend Jahre lang unmenschlichen Verfolgungen und Unterdrückungen preisgegeben waren? — Jedenfalls war es keine Erlösung aus ihrer sozialen Not; denn der Haß ihrer arabischen Unterdrücker äußerte sich zu jener Zeit in ebenso bestialischer Weise wie ehedem5).!) a. a. O. 2) Die erste Ursache des Streites war die Frage, ob man an den Sefiratagen das Haar schneiden darf, was 1 Iraki erlaubte, das Rabbinat aber entschieden verbot. 3) Ebenso in der Reisebeschreibung „Minhat Josefa, von einem Adener Jemeniten verfaßt (Jerusalem 1908?). 4) Wirkte um die Mitte des 17. Jahrhunderts. Ich transkribiere den Namen dieses Dichters nach der Aussprache der Jemeniten. 5) Zur Zeit des Dichteis Sibzi wurden sie aus San aa vertrieben, worauf der Dichter Klagelieder schrieb. Auch Niebuhr a. a. O. erzählt von diesem Ereignis.