Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 3 (März 1914)
- Article
- Aus dem geistigen Leben der jemenischen Juden
- Date
- 1914-03-01
- Page
- Seite 217 - 218 (sequence 3)
- Language
- German
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217 A. Z. Idelsohn: Aus dem geistigen Leben der jemenischen Juden. 218 Vielleicht ist die geistige Gärung der Kabbalisten, die im 16. Jahrhundert ihr Domizil in Nordpaläs ina aufgeschlagen und den schlummernden Orient angeregt haben, auch bis nach Jemen gedrungen und wirkte auf die schmachtenden, nach Erlösung sich sehnenden Seelen wie eine Messiasbotschaft. Diese von Jishaq Luria ins Leben gerufene, von den spanischen Flüchtlingen mit Enthusiasmus aufgenommene und geförderte kabbalistisch-mystische Bewegung, die, zu einer Richtung geworden, ihren Höhepunkt in dem Pseudomessias Sabbataj Sebi1) erreicht hat und von ihm schließlich zu Grabe getragen wurde — erfaßte damals die ganze Judenheit des Orients. Diese Bewegung rief viele Schwärmer und Phantasten hervor, von denen jeder versuchte, seine Gefühle und Illusionen in Versen wiederzugeben, wohl nach dem Muster des göttlichen Begründer dieser Schule, Jishaq Luria, der selbst unzählige Gedichte, meist im Aramiäschen verfaßt hat. Es entstand somit zu jener Zeit im Orient eine neue Aera für die jüdische Poesie; eine ganze Schar von Dichtern tauchte im Orient auf, deren Poesien, wie die der Dichter Israel Nagära, Salomo Alqabes, Simcon Sabi u. a. die weiteste Verbreitung gefunden haben. Wenn man den Inhalt der jemenischen Poesie näher untersucht, so erkennt man, daß derselbe von dem mystischen Geiste jener kabbalistischen Schule durchweht ist. Der überwiegendste Teil ihrer Poesien sind Hochzeitslieder, die für die Zeremonien der Hochzeit und für die Festmahle, welche während der ersten AVoche nach der Hochzeit alltäglich gegeben werden, bestimmt sind. Nur sind sie nicht im gewöhnlichen Sinne Hochzeitslieder, sondern die Hochzeit wird in ihnen symbolisiert. Der Dichter spricht wohl von Braut und Bräutigam, meint aber damit keineswegs das junge, menschliche Paar, sondern im Sinne der Kabbala ist in dem Brautpaar Gott als Bräutigam und das Volk Israel als Braut personifiziert. Fast alle Hochzeitslieder haben denselben Stoff zum Inhalt: Die Klagen und Leiden der Braut „Israel" einerseits und die Verheißungen und Strafen, Verzeihung und Sehnsucht des Bräutigams — „Gott". Noch eine dritte Figur spielt darin eine Hauptrolle, nämlich Palästina oder vielmehr Jerusalem, konzentriert im Tempel. Der Gedankengang ist folgender: Das Paar, das bald als Brautpaar, bald als Ehepaar bezeichnet wird, ist in Konflikt geraten und geht auseinander. Dabei ist selbstverständlich die Braut resp. Gattin der schuldige Teil. — Dieses hat zur Folge, daß der *) Auch im Jemen tauchte zur Zeit des Sibzi ein Pseudomessias auf, vor welchem der Dichter seine Glaubensgenossen warnte. Bräutigam resp. Gatte seine Geliebte aus seinem Hause — Palästina resp. der Tempel — verweist Da es ihm nun im Hause allein unbehaglich wird, verläßt auch er das Heim, das dann öde bleibt. — Sobald aber die Aussöhnung des zürnenden Gatten mit seiner Geliebten stattfinden wird, wird das Paar in sein altes Heim wieder zurückkehren. Dieser Gedankengang durchzieht den größten Teil der Hochzeitsgedichte, und, um ihn poetisch auszudrücken, wurden mehrere Kunstformen verwendet. So ist für diejenige Poesiegattung, in welcher die Sehnsucht und die Klagen der Braut geschildert werden, die Form „Nesid", für die Liebeslieder des Bräutigams die Form „►Sira", iür den Marsch zur Aussöhnung die Form „Zäfat", für die Freude nach der Aussöhnung „Hiddujot" verwendet worden, und als Zwischenspiel, Eröffnung oder Nachspiel dienen die „Halelot". 1. Fiale 1 o t. Von den etwa 30 im Gebrauche befindlichen Halelotpoesien ist nur ein Stück aramäisch, und zwar das bekannte Lied Had gadja, alle anderen sind hebräisch. Sie beginnen immer mit dem Worte „Wehaleluja" und schließen mit demselben, daher der Name dieser Gattung. Diese Poesien haben einen Endreim, sind teils aus Psalmversen zusammengestellt, teils solchen nachgebildet. Außer in den oben erwähnten Fällen werden Halelot beim Anlegen der Kleider gesungen, welche die Braut dem Bräutigam als Hochzeitsgeschenk 'sendet. Diese Gattung scheint alt zu sein, auch im Gebetbuche finden sich einige Halelot. (Vgl. oben A.) 2. Zäfat. Dieser arabische Name bedeutet „Hochzeit". Die Lieder dieser Gattung werden beim Gange des Bräutigams nach dem Hause der Braut gesungen. Von den zwölf bekannten Zäfat-Liedern beginnen drei mit „Komm, o Bräutigam, in Frieden", und zwei Lieder haben „Gesegnet sei bei deinem Austritte" als Anfang. Alle Zäfat-Lieder drücken die Floffnung aus, daß durch die Versöhnung des Geliebten der Messias nach Zion kommen werde. — Sieben Lieder sind rein hebräisch, zwei rein arabisch und drei hebräisch-arabisch.1) Zäfat wird sonst auch beim Haarschneiden gesungen. J) Abgesehen von Form und Inhalt haben die jemenischen Dichter eine neue Gattung hinsichtlich der Sprache geschaffen. Sie bedienen sich in ihrer Poesie der arabischen ebenso wie der hebräischen Sprache. Auch haben sie die Eigentümlichkeit, beide Sprachen gleichzeitig abwechselnd Strophe um Strophe oder auch innerhalb einer und derselben Strophe Zeile um Zeile zu verwenden; ja sogar in einer und derselben Zeile wechseln hebräische und arabische Wörter mitunter ab. Etwa der fünfte Teil ihrer Poesien ist rein arabisch und ungefähr die Hälfte hebräisch-arabisch. Sie haben auch dreisprachige Gedichte, nämlich hebräisch-arabisch-aramäisch. Auch haben sie die hebräische Sprache durch neue Wortbildung bereichert. Darüber Bacher, Die hebräische und arabische Poesie der jemenischen Juden, V ff. (Schluß folgt.'-