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Ost und West · 1914-03-01 · Heft 3 (März 1914) · p. Seite 213 - 214

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 3 (März 1914)
Article
Aus dem geistigen Leben der jemenischen Juden
Date
1914-03-01
Page
Seite 213 - 214 (sequence 1)
Language
German
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213 A. Z. Idelsohn: Aus dem geistigen Leben der jemenischen Juden. 214 AUS DEM GEISTIGEN LEBEN DER JEMENISCHEN JUDEN. Von A. Z. Idelsohn. Poesie und Sitten. Die Poesie der jemenischen Juden zerfällt in zwei Arten, in synagogale und außersynagogale Poesie. Poesie weltlichen Inhalts besitzen sie (mit wenigen Ausnahmen) überhaupt nicht1). A. Die synagogale Poesie umfaßt ihr Gebetbuch „Tikläl" auch „Takläl" genannt, was „alles umfassend" bedeutet, da dasselbe alle für das ganze Jahr üblichen Gebete und Poesien enthält2). Das Gebetbuch ist mit dem Kommentar eines Rabbiners in San'aa, Rabbi Jahja Salah, versehen. Der uralte Gebetkodex, wie er beim Abschluß des Talmuds festgesetzt worden ist, ist nachher mannigfachen Redaktionen und Neuordnungen unterzogen worden. Die Jemeniten haben die Gebetordnung des Rab cAmram Gaon (gestorben um 875 n. c. Z.) sowie die Poesien des von ihnen hochverehrten Sa'adja Gaon (892—942) und hauptsächlich die Gebetordnung des Maimuni angenommen3). Ebenso akzeptierten sie Dichtungen der berühmten jüdisch-spanischen Dichter Salomo ben Gabirol, Mose ibn cEzra, Jehuda Halewi und Abraham ibn cEzra sowie einiges von Rab Hai Gaon. Von ihren eigenen Dichtern haben sie in ihr Gebetbuch äußerst wenig aufgenommen. Nur 13 Stücke sind ausdrücklich als Produktionen jemenischer Dichter bezeichnet, von denen zehn Stücke vom Großvater des Kommentators des Gebetbuches, Rabbi Salah ibn Jahja4) herrühren. Diese Stücke sind Selihot5). Weitere zwei Stücke, eine in „Keter malhut" eingeschobene Hymne ..Adonaj mij jaggid" (Taklal II, 109) und eine Poesie x) Die Poesie der jemenischen Juden hat W. Bacher in z xei Aufsätzen eingehend bebandelt, die synagogale Poesie in seinem Aufsatz „Der südarabische Siddur" (Jewish Quarteiiy Review Vol. XIV, 1902) und die außersynagogale Poesie in seiner Abhandlung „Die hebräiscbe und arabische Poesie der jemenischen Juden", Budapest 1910. 2) Dieses Gebetbuch [ist zum ersten*Male in Jerusalem 1-S94—98 erschienen. 3) Ueber Ordnung, Entstehung und Entwi< kltmg der Gebete sowie der synagogalen Poesie ist bereits eine reichhaltige Literatur geschaffen worden, deren Kenntnis hier vorausgesetzt wird. Die hier von mir gebrauchten Termini sind „Tefilla" Jür die 18 Benediktionen (cAmida), „Joser" für die Benediktionen des „Sein a", „Zemirot" für die aus Psalmversen bestehenden Lobgesänge vor Joser. Diese drei Gattungen sind nicht später als vor dem 5. Jahrhundert entstanden. Ich nenne sie „Gebete" als Gegensatz zu den anderen Gattungen wie „Hosacanot" (für das Laubhüttenfest), „Selihot" (für die Büß- und Fasttage), ebenso „Qinot" (Klagelieder lür den 9. Ab) und überhaupt alle Stücke, welche Rhythmus und Reim aufweisen und erst vom 9. Jahrhundert ab entstanden sind, diese Gattungen bezeichne ich mit Poesie (Pijutim). 4) Er wirkte wahrscheinlich am Anfange des 18. Jahrhunderts. 5) Vgl. Taklal II, S. 158b—164b. fürs Tborafest (Taklal II, 85 b), gehören einem Rabbi Jahja Aldahari1). Eine Qina hat der Kommentator verlaßt (Takläl 18b). Auch einige Litaneien für dasThorafest scheinen jemenischen Ursprungs zu sein. Im allgemeinen ist der jemenische Gebetritus dem sefardischen ähnlich. Abgesehen von einigen Varianten im Texte selbst unterscheidet sich jedoch dieser Ritus vom sefardischen in folgenden Punkten: 1. Die Qedu-a hat ico jemenischen Ritus immer (in allen Gebeten) die Teile Nakdisah wena'arisah, Kebodo wehodo mole lolam, mimkomeha malkenu tofi'a (wie im aschkenasischen Ritus), das Semla in der Musafqedusa haben sie nicht; die Qedusa in Saharit und Musaf ist dieselbe. 2. Die Benediktion „Baruh ädonij le'olam" wird im Abendgebet eingeschaltet. 3. Im Musaf wird anstatt „Tikanta sabbat" „lemöse siwwita" gesagt. 4. Auch am Neumondtage wird im Musaf „Umipnej hataenu" gesagt. 5. haben sie für den Osterabend einen Qiddus2). 6. haben sie weder in Joser noch in die Tefilla Poesien eingeschoben. Die Beteiligung der jemenischen Autoren an ihrer synagogalen Poesie ist, wie oben nachgewiesen, eine minimale und dann auch aus einer späteren Zeit, wie denn überhaupt ihre literarische und speziell poetische Wirksamkeit und Blüte erst um das Ende des 16. Jahrhunderts beginnt und mit dem 18. Jahrhundert abschließt. Bemerkenswert ist es, daß der jemenische Siddur nichts von Eliezer Qalir enthält, während er sogar die Dichtungen der nordpalästinischen Kabbalisten, Jishaq Luria, Salomo Alkabes und Israel Nagära, aufgenommen hat. Dieses beweist, daß Qalir in Jemen unbekannt und nur dem Kommentator durch die gedruckten aschkenasischen Gebetbücher zugänglich war (vgl. Takläl 1,5b). Aber auch der eigentliche sefardische Ritus hat seinen Weg nach Jemens Hauptstadt, San aa gefunden und sich dort eingebürgert. Darüber lebt eine Tradition im Volke und der Großvater des Kommentators, Rabbi Salah, hat die Geschichte des Eindringens des sefardischen Ritus und der sefardischen rituellen Gebräuche in Jemen in seinem Werke „Peculot saddiq" niedergeschrieben3). Anfang des 17. Jahrhunderts kam nach San1 aa ein reicher Jude aus Aegypten, namens Rabbi Ahron 'Iraqi4). 1) Soll in der zweitem Hälfte des 16. Jahrhunderts gewirkt haben, vgl. Bacher, „Der südarabische Siddur", a. a. 0.607. 2) Ueber diesen Qiddus siehe Bacher a. a. O. und die dort ausgeführte Literatur. 3) Dieses Werk, welches der Kommentator mehrfach zitiert, befindet sich im Manuskript in San aa in der Synagoge des Verfassers, „die Synagoge Mose Salah" genannt. 4) Der Name lIraqi ist auch in Aden, Kalkutta und Bombay verbreitet, und zwar nur unter den dort wohnenden Jemeniten. Ob dieser Name auf die ursprüngliche Herkunft aus cIraq (Süd-Mesopotamien) hinweist bleibt dahingestellt. Nach Angabe der Jemeniten rührt dieser Name von einer Ortschaft in Aegypten her.

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