Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 3 (März 1914)
- Article
- Jüdische Porträtminiaturisten
- Date
- 1914-03-01
- Page
- Seite 199 - 200 (sequence 3)
- Language
- German
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199 Ernst Lemberger: Jüdische Porträtminiaturisten. 200 die berühmte Künstlerfamilie Mengs von Juden ab. Die Vorfahren von Ismael Mengs sollen sich in Sachsen aufgehalten haben. Ob sie schon zum Christentum übergetreten waren, oder ob erst ihr Sohn Ismael sich taufen ließ, läßt sich heute nicht mehr feststellen. (Vermutlich trat Ismael zum Christentum über und wurde Protestant. Erst sein Sohn Anton Raphael trat 1749, als er in Rom weilte, mit seinen beiden Schwestern zum Katholizismus über.) Um 1688 lebten Ismaels Eltern in Kopenhagen, wo er zur Welt kam. 1709 erhielt Mengs den ersten Kunstunterricht von Benedict Coffre, der in diesem Jahre nach Kopenhagen gekommen war. 1710 aber zog Ismael bereits nach Lübeck, um dort bei dem Miniaturmaler Harper seine Studien fortzusetzen. 1713 verließ er Lübeck und ging nach Dresden, wo es ihm sehr rasch gelang, seinen Weg zu machen. Der Kurfürst ernannte ihn 1714 zum Hofmaler. Sechs Jahre später heiratete der Künstler die aus Zittau in Sachsen stammende Charlotte Burman, die ihm vier Kinder schenkte. Eine übertrieben strenge Erziehung veranlaßte den ältesten Knaben, heimlich das Elternhaus zu verlassen. Er ist, unbekannt wo, verdorben, gestorben. Die andern drei wurden zu Talenten herangeprügelt. Anton Raphael Mengs erlangte Weltruhm, und seine beiden Schwestern malten nicht ungeschickt in Miniatur. Ismael Mengs war im Hauptfach Emailmaler, und auf diesem Kunstgebiet erlangte er auch Ansehen. Als Miniaturmaler war er nicht bedeutend. Im Schweriner Residenzschloß entdeckte ich vor einigen Jahren sein aus dem Jahre 1711 stammendes Miniatur-Selbstbildnis. Der Künstler wurde 17G4 Mitglied der reorganisierten Kunstakademie in Dresden, starb aber bereits am 26. Dezember desselben Jahres. Anton Raphael Mengs — man erkennt schon aus dem Vornamen die Absicht, die der Vater mit dem Neugeborenen hatte — wurde am 12. Mai 1728 in Aussig a. E. geboren. 'Der Sonderling wollte nicht, daß seine Frau in Dresden entbinde. Sie mußte gelegentlich der Geburt ihrer vier Kinder immer auf einige Zeit Dresden verlassen.) Anton Raphael malte meist in Oel und nur sehr selten in Miniatur. Die ihm zugewiesenen Miniaturporträts sind fast nie von ihm. Entweder handelt es sich um Arbeiten seiner Schwestern oder um alte Kopien nach seinen Bildern oder um moderne Fälschungen. Das schönste Miniaturporträt von seiner Hand, es handelt sich um ein Selbstbildnis aus dem Jahre 1768, befindet sich in meinem Besitze. Das tiefschwarze Haar ist leicht angegraut, die dunkeln Augen blicken sinnend vor sich hin, und um den schönen Mund liegt ein Zug stiller Resignation. Er starb in Rom am 29. Juni 1779. Sein Katholizismus hatte sich wenigstens gut bezahlt gemacht: Papst Benedikt XIV. ernannte ihn 1754 zum Direktor der neuen Akademie auf dem Kapitol und machte ihn zum Ritter des Christusordens. 1761 wurde er erster Maler des Königs von Spanien. Seine Schwestern Julia und Therese Concordia malten, wie wir hörten, auch in Miniatur. Auch Anton Raphaels Tochter aus seiner Ehe mit Margarete Guazzi, Anna Maria Mengs, war Miniaturmalerin. Julia Mengs ging später in ein Kloster, wo sie 1795 starb. In Bamberg begegnen wir im XVIII. Jahrhundert einer ganzen Reihe von Künstlern, die sich als Miniaturmaler betätigten. Der kurfürstlich bambergische Hofjude Wolf Nathan, der in der zweiten Hälfte des XVII. Jahrhunderts zur Welt kam, über dessen Lebensschicksale wir aber leider nicht unterrichtet sind, hat es sich gewiß nie träumen lassen, daß sein Sohn und seine Enkelkinder als Künstler in Bamberg zu lokaler Berühmtheit gelangen würden. Der Gedanke, sein Sohn werde sich einst als Maler durchs Leber schlagen, hätte ihn gewiß mit größter Besorgnis*) erfüllt. Denn der rechtgläubige Jude mußte sich sagen, daß ein jüdischer Künstler im Deutschland des achtzehnten Jahrhunderts keine Aussicht habe, sein Fortkommen zu finden — solange er Jude sei. Der Sohn des Juden Wolf Nathan, der Jude Jol Nathan, blieb auch unbekannt und wurde vergessen. Er und seine Nachkommen kamen unter anderem Namen auf die Nachwelt. Jol Nathan erhielt, als er auf Veranlassung der Jesuiten seinen Glauben wechselte, wahrscheinlich weil er wider Treu und Glauben handelte, den Namen Joseph Marquard Treu. (Auf so etwas konnte nur ein Jesuit kommen!). Was Dr. G. K. Nagler in seinem bekannten Künstlerlexikon über ihn und seine Kinder schreibt, über- *) Den jüdischen Eltern der damaligen Zeit und selbst noch im ersten Drittel des XIX. Jahrhunderts bereitete der Entschluß eines Kindes, sich der Kunst zu widmen, Sorge und Kummer. Man lese den wie einen Aufschrei klingenden, tiefergreifenden Brief meines Oheims, des Wiener Hofschauspielers Adolf Ritter von Sonnenthal, den er als Schneiderlehrling in Wien an seine in Budapest lebenden Eltern richtete. (,,Adolf von Sonnenthals Briefwechsel", Stuttgart 1912, bei der Deutschen Verlags-Anstalt.) Anton Raphael Mengs: Selbstbildnis. (Im Besitz des Herrn Ernst Lemberger, Berlin.)