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Ost und West · 1914-03-01 · Heft 3 (März 1914) · p. Seite 191 - 192

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 3 (März 1914)
Article
Die "Politik" der Alliance Israélite Universelle
Date
1914-03-01
Page
Seite 191 - 192 (sequence 4)
Language
German
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191 Die „Politik" der Alliance Israelite Universelle. 192 ruhende Behauptung aufgestellt, daß das Lehrerpersonal der Allianceschulen sich ausschließlich oder doch in der überwiegenden Mehrzahl aus Franzosen zusammensetze- In Wirklichkeit besteht das Lehrpersonal fast ausschließlich aus Angehörigen des Landes, in dem die Schule gelegen ist; es wird fast immer aus der einheimischen Bevölkerung genommen. Unterricht erteilen an den Allianceschulen aber auch Deutsche, Engländer, Italiener, aber am allerwenigsten Franzosen. Ein Lehrerimport findet weder aus Rußland, noch Rumänien, noch Frankreich oder sonstwo her statt; die einheimische Bevölkerung stellt sie in der übergroßen Mehrzahl. Die Lehrerfolge sind darum so hervorragend, und darum auch werden die Lehranstalten der Alliance fast ausnahmslos von dem Wohlwollen der Landesregierungen getragen, gerade weil diese Landesregierungen sich selbst davon überzeugt haben, daß keinerlei fremdnationalistische Bestrebungen im Spiele sind. Nur hieraus und aus der Vorzüglichkeit des Unterrichts selbst läßt sich erklären, daß vornehme mohammedanische Familien, nicht selten sogar hohe Würdenträger, ihre Kinder die Allianceschulen besuchen lassen. Die Treue der Schüler und die Anhänglichkeit der jüdischen Bevölkerung, die vielfach ihre Kinder schon in der zweiten und dritten Generation den Allianceschulen anvertraut, bildet wohl gleichfalls einen Beweis für die Anerkennung der nationalen Uninteressiertheit der Alliance und der segensreichen Wirksamkeit ihres Schulwerkes. Sucht man nun bei dieser Sachlage nach den tieferen psychologischen Gründen der Entstehung der Legende von dem französierenden Einfluß der „Alliance Israelite Universelle", so mag zum Teil Unkenntnis der tatsächlichen Verhältnisse die Ursache des Glaubens an jene Unterstellung sein. Letzten Endes mag gerade die absolute politische Uninteressiertheit der Alliance in, unseren Tagen der Hochspannung des nationalen Gedankens der psychologische Erklärungsgrund sein. Gewiß, die Alliance, die eine rein jüdische universelle Organisation ist und die keine andere Politik kennt und betätigt, als an der geistigen, kulturellen und moralischen Hebung der notleidenden Juden in den Unkulturländern zu arbeiten, lehnt es mit Recht ab, irgendwelchen nationalistischen Anforderungen, mögen sie nun von deutscher, von holländischer, ungarischer oder sonst einer Seite kommen, zu dienen. Sie betrachtet sich ebensowenig für berechtigt und befugt, französische wie deutsche oder englische Politik zu treiben. In einer Zeit, da die Geister aller Welt von hochgespanntem Nationalismus erfüllt sind, mag es den Wenigsten begreiflich erscheinen, daß eine große öffentliche Institution, auch wenn sie den universellen Charakter auf das schärfste betont, in Wirklichkeit in nationalistischer Hinsicht völlig neutral bleiben könne. Das will unsere Zeit mit der überaus starken nationalen Note nicht recht glauben. Lehnt man es ab, in einem nationalistischen Sinne zu wirken, so wird das gern so gedeutet, als ob man nach anderer nationalen Seite engagiert sei. Eine solche Argumentation liegt in der menschlichen Schwäche, und darüber übersieht man gern offenkundige Tatsachen. Eine universelle jüdische Vereinigung, deren Motto der hehre Satz ist: „Alle Israeliten bürgen für einander", deren Mitglieder und Verwaltungskörper sich aus Glaubensgenossen aller Länder und Staaten zusammensetzen, wäre längst dem Untergange verfallen, wenn durch nationalistische Tendenzen je derSamen der Sprengung und des Zerwürfnisses ausgestreut worden wäre. Im Gegensatz hierzu sehen wir die Alliance Israelite und ihr grandioses Werk in steigender Blüte. Unbekümmert um die legendären Angriffe und Unterstellungen hat die Alliance Israelite nie aufgehört, ihre Liebestätigkeit, ihre große Kulturarbeit in immer umfassenderem Maße auszuüben. Man wird, wo immer Juden leben, uns nicht die Empfindungen der höchsten Genugtuung rauben, wenn wir daran denken, daß heute mehr als 48 000 jüdische Kinder tagaus, tagein der Segnungen eines geordneten Schulunterrichts teilhaftig werden, daß eine sehr große Anzahl dieser Kinder, deren Eltern auf der tiefsten Schattenseite des Lebens stehen, dank der Liebestätigkeit unserer Alliance selbst mit Speise und Kleidung versehen werden, wenn wir wahrnehmen, wie das große Kulturwerk der Alliance in systematischer Weiterbildung begriffen ist und die jüdische Bevölkerung jener Länder, in denen Allianceschulen bestehen, immer mehr der-westeuropäischen Kultur nähergeführt, ihr die Möglichkeit einer menschenwürdigen Existenz erschlossen wird. Die Genugtuung, an solchem Werke mitzuwirken, wird sich kein Jude durch unbegründete, aus der Luft gegriffene Ausstreuungen über Nebentendenzen der Alliance rauben lassen. Aber wir empfinden solche Ausstreuungen als eine Beleidigung zugleich jener tausende von Juden, die in ihrer Vaterlandsliebe sich von niemand übertreffen lassen, und die mit Entrüstung die Unterstellung zurückweisen müssen, als ob sie durch ihre treue und berechtigte Mitarbeit an einem so großen humanitären, rein jüdischen Kulturwerk eine Institution unterstützen, die die Interessen eines anderen Staates fördere. Wie in dem großartigen Schulwerk sich nirgends eine Spur nationalistisch französischer Tendenz findet, so hat sich auch die allgemein

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