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Ost und West · 1914-03-01 · Heft 3 (März 1914) · p. Seite 193 - 194

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 3 (März 1914)
Article
Die "Politik" der Alliance Israélite Universelle
Date
1914-03-01
Page
Seite 193 - 194 (sequence 5)
Language
German
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193 Die „Politik" der Alliance Israelite Universelle. 194 jüdische Hilfsarbeit der Alliance auf anderen Gebieten freigehalten von jeder nationalen Note. Ueberall, wo Juden um ihres Judentums willen litten, hat sie ihre hilfsbereite Hand geöffnet, ist sie eingetreten für die unrecht Leidenden. Sie hat in den letzten drei Jahrzehnten nahezu fünfeinhalb Millionen Franken für die Juden in Rußland verausgabt, im letzten Jahrzehnt über zwei Millionen den rumänischen Juden zugewandt, sie versagte ihre Hilfe nicht den marokkanischen, nicht den türkischen Juden, die so unendlich unter den Unbilden des letzten Krieges litten. Sie hat beträchtliche Opfer auch zur Bekämpfung des Antisemitismus in seinen verschiedenen Aeußerungen und in den verschiedensten Ländern, besonders auch in Deutschland und besonders in Sachen der Ritualmordklagen aufgewendet, sie hat allen großen jüdischen Kulturbestrebungen die fördernde Hilfe angedeihen lassen und ist in ihrer Hilfeleistung bei allen Katastrophen, von denen die Juden betroffen wurden, nie ermüdet. Die 170 Allianceschulen mit ihren 48 000 Zöglingen erfordern allein einen Jahresaufwand von fast eineinhalb Millionen Franken, Handwerker- und Landwirtschaftsschulen und neuerdings Fortbildungsschulen, denen die Fürsorge für die Zöglinge nach dem Austritte aus der Schule obliegen soll, erfordern weitere Ausgaben, die von' der Alliance geleistet werden. In dieser sozialen und kulturellen Großtat, die ganze Generationen von jüdischen Kindern im Geiste des, Judentums und in der Treue zum Väterglauben, zugleich für das praktische Leben und zu nützlichen Gliedern der menschlichen Gesellschaft erzieht, liegt die immense Bedeutung unserer großen, einzigen, universellen Vereinigung, die keine anderen nationalen Aspirationen hat noch je gehabt hat. In diesem Werke liegt zugleich ein bedeutsamer Faktor zur Befreiung und Gleichstellung der Juden in allen Ländern, in denen Allianceschulen bestehen. Daß die Alliance bei ihrem so gewaltigen und ausgedehnten Hilfs- und Kulturwerk der Sympathien der Regierung nicht entraten kann, liegt auf der Hand. Sie erhält sie sich dadurch, daß sie eben keine nationalen, sondern lediglich jüdisch-soziale und allgemein-kulturelle Ziele verfolgt. Wenn sie sich hierbei in ihrem Wirken der Sympathien einzelner Regierungen besonders erfreut, so liegt das wohl zu einem Teile daran, wie schon der verblichene Leiter der Deutschen Konferenzgemeinschaft, Geh. Konimerzienrat Goldberger, einmal 1906 in der „Kölnischen Zeitung" ausführte, daß das gedeihliche und vorbildliche Wirken der Alliance dort eine verdiente Würdigung findet. Daß die Leiter der Allianceschulen als Vertreter für die Interessen der jüdischen Bevölkerung in den Ländern der Allianceschulen anerkannt werden und in hohem Ansehen stehen, das verdanken sie — wir zitieren wörtlich — „dem nie versagenden Entgegenkommen, der steten Hilfsbereitschaft, der diplomatischen oder konsularischen Repräsentation Englands und namentlich Frankreichs. Daß von deutscher Seite je nur ein ähnlicher humanitärer Dienst geleistet worden wäre, davon hat in mehr denn vierzig Jahren nichts verlautet! Wir würden uns unserer Glaubensgenossen, wo immer sie weilen, schämen, Venn sie Gutes nicht in aufrichtiger Dankbarkeit vergolten hätten oder vergelten würden . . . Wir können nur wünschen, daß Deutschlands Vertreter durch gleiche Aussaat gleiche Ernte gewinnen." Das Gefühl der Erkenntlichkeit, das für geleistete Dienste ein natürliches ist, ist aber immer noch etwas ganz anderes als der Ausdruck einer solchen Erkenntlichkeit durch Dienste nationalpolitischer Art. Eine solche Verbindlichkeit hat die Alliance nie anerkannt und auch nie betätigt. Auch die diplomatischen Aktionen, die von seiten der Alliance Israelite Universelle in seltenen Fällen unternommen wurden, lagen, wie dokumentarisch nachweisbar, immer nur in der Richtung, die Regierungen, an die man sich wandte, für notleidende oder bedrückte Juden zu interessieren. Die Alliance Israelite Universelle ist die älteste und erste große jüdische Vereinigung, die den Gedanken der jüdischen Solidarität auf humanitärem und kulturellem Gebiete erstmals proklamierte. An ihrem Beispiel haben sich die anderen Organisationen gebildet. Ihre Geschichte ist fast die Geschichte der Juden, ihre Verdienste, die sie sich um das Judentum erworben hat, können ihr vor dem Richterstuhle der Geschichte nicht abgesprochen werden. Unseren Großvätern und Vätern war sie etwas Heiliges, die Enkel werden ihr die Treue wahren, in welchem Lande sie immer leben, denn sie dient heute wie von Anbeginn ihres Bestehens unseren Glaubensbrüdern, deren moralische und kulturelle Hebung, deren wirtschaftliches Fortkommen ihr allein am Herzen liegt, ihre einzige „Politik" war, ist und immer sein wird!

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