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Ost und West · 1914-03-01 · Heft 3 (März 1914) · p. Seite 189 - 190

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 3 (März 1914)
Article
Die "Politik" der Alliance Israélite Universelle
Date
1914-03-01
Page
Seite 189 - 190 (sequence 3)
Language
German
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189 Die „Politik" der Alliance Israelite Universelle. 190 gebrachte Einrichtung von Bibliotheken und Klubs für das jetzt neuerdings in Angriff genommene Fortbildungswerk der ehemaligen Allianceschüler wird nicht nur auch deutsche Literatur, sondern ferner „Zeitungen, die in Deutschland, Frankreich und England erscheinen", zur Anschaffung resp. Auslegung empfohlen. Wo immer wir hinschauen mögen, überall tritt uns gerade in dem großen Schulwerk der Alliance die gewissenhafte objektive, von jeder nationalistischen Einseitigkeit freie Prüfung der tatsächlichen Bedürfnisse und geeignetsten Mittel, um der jüdischen heranwachsenden Generation, deren Erziehung den Allianceschulen anvertraut ist, eine geistige und moralische Ausrüstung für das Leben mitzugeben, sie in der Treue zum Judentum und zu ihrem Vaterlande, in dessen Mitte sie lebt, zu erziehen. Das, was man anderswo erst hat lernen müssen, hat gerade die Alliance in großzügiger Weitsichtigkeit von Anbeginn geübt. Die Väter des Alliancegedankens haben es von allem Anfange abgelehnt, diese große jüdische Organisation auf einen einseitigen national-französischen Boden zu stellen. Der universelle Gedanke war immer der Stolz der Alliance und ihr kostbarstes Kleinod, für dessen Erhaltung man kein Opfer scheute. Daß sie die Förderung einseitger parteipolitischer Bestrebungen oder einseitiger religiöser Richtungen von allem Anfang an prinzipiell ablehnte, ihr zur Mitarbeit an ihrem großen humanitären und Kulturwerk, das schlechthin jüdisch und nur jüdisch war, aber alle Richtungen und Parteien willkommen waren und noch heute sind, hat ihr gerade von jenen Seiten, die tendenziöse Ziele verfolgen, manche Gegnerschaft und selbst Befehdung zugezogen. Das große Erziehungs- und Kulturwerk der Alliance Israelite ist das erste und mit das älteste auch in dem osmanischen Reiche. Bereits die zweite Generation der türkischen Juden, die ehemals Zöglinge der Allianceschulen waren, ist herangewachsen. Niemand wird leugnen, daß die jüdische Bevölkerung der Türkei nicht nur ein wichtiger Faktor im Wirtschafts-, sondern auch im allgemeinen politischen Leben des türkischen Staates ist. Hätte die Alliance wirklich, wie die Legende ihr andichten möchte, französierende Tendenzen mit ihrem Kulturwerk verfolgt, wie wäre es da möglich gewesen, daß, wie erst die jüngste Zeit das so offenkundig bezeugte, in der Türkei gerade der deutsche Einfluß, gerade die Sympathien für Deutschland erheblich größer waren als für Frankreich. Insbesondere ist die gewerbliche und kommerzielle Betätigung Deutschlands in allen Gegenden der Türkei enorm gewachsen; Deutschlands Handel nach der Türkei hat nie dagewesene Dimensionen angenommen. Und das gerade in der Periode, in welche auch die Blütezeit und der große Aufschwung der Allianceschulen fällt. Den hier angeführten Tatsachen, die das Beweismaterial bei weitem nicht erschöpfen, die uns aber zur Genüge zeigen, daß von einer französisierenden Tendenz der Alliancearbeit keine Rede sein kann, steht auch nicht eine einzige gegenüber, die geeignet wäre, auch nur den Verdacht einer solchen Tendenz zu stützen. Immer und immer wird nur hervorgehoben, daß die französische Sprache die Unterrichtssprache der Allianceschulen sei, dabei aber verschwiegen oder übersehen, daß z. B. zurzeit weit über 6000 Zöglinge deutschen Sprachenunterricht, andere Tausende englischen, italienischen, spanischen, türkischen, arabischen usw. erhalten. In einem erst kürzlich zur öffentlichen Kenntnis gelangten Rundschreiben, das an sämtliche Direktoren der Allianceschulen gerichtet worden ist, werden ganz bestimmte Instruktionen erteilt, auf die Pflege des Türkischen und des Hebräischen besondere Sorgfalt zu legen. „Sie müssen", so heißt es dort vom türkischen Sprachunterricht, „diesem Unterricht Ihre ganze Aufmerksamkeit schenken, denn er ist im türkischen Reiche von außerordentlicher Bedeutung." Und vom Hebräischen heißt es: ..Die Schüler und selbst die Eltern legen oft nur wenig Wert auf das Hebräische, weil die Kenntnis unserer heiligen Sprache praktischer Betätigung entbehrt. Gegen diese Tendenzen, die das tiefreligiöse Empfinden verletzen, das in den Augen eines treuen Israeliten von der Kenntnis des Hebräischen untrennbar ist, müssen Sie energisch kämpfen. Um in den Herzen unserer Schüler die einem Israeliten obliegenden Pflichten zu befestigen, bestehen wir darauf, daß alle unsere Schulleiter, alle unsere Lehrer sich für den Unterricht in der Sprache unserer Väter von diesen Gedanken leiten lassen." Was hier über die hebräische Sprache und ihre Bedeutung auch in religiöser Hinsicht gesagt ist, bezeugt am besten, was auch von vielen anderen berufenen Seiten festgestellt ist, wiesehr es sich die Alliance angelegen sein läßt, das heranwachsende Geschlecht in der Treue zum Väterglauben zu erhalten, zu festigen und zu stärken. Tüchtige Menschen, gute treue Juden und dankbare Söhne ihres Vaterlandes zu erziehen, das allein ist die Tendenz der großen Hilfsarbeit der Alliance Israelite Universelle; auch aus dieser neuesten Kundgebung geht das hervor, nicht die Absicht, französisch-nationalistischen Interessen zu dienen. Es wird weiter, wenn man nach den Gründen für die hier behandelte Legende gefragt wird, die auf Unkenntnis des wahren Sachverhalts be-

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