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Ost und West · 1914-03-01 · Heft 3 (März 1914) · p. Seite 187 - 188

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 3 (März 1914)
Article
Die "Politik" der Alliance Israélite Universelle
Date
1914-03-01
Page
Seite 187 - 188 (sequence 2)
Language
German
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187 Die „Politik" der Alliance Israelite Universelle. 188 denzen wittern, ob diese Richtlinie nicht rein theoretischer Natur geblieben ist und die Praxis sich nicht vielmehr in der Richtung der Stärkung des französischen Einflusses durch die Schulen der Alliance bewegt habe. Zunächst eins: Wir sehen, daß in den außerfranzösischen Ländern eine sehr große Anzahl nicht nur unserer hervorragendsten Glaubensgenossen, sondern auch zweifelloser Patrioten ihres Vaterlandes dem Werke der Alliance die wärmste Sympathie und Förderung angedeihen lassen. Ueber 12 000 deutsche Juden gehören der Alliance an, von denen man gewiß nicht behaupten kann, daß sie einer Institution ihr Interesse und ihre Förderung angedeihen lassen würden, von der sie auch nur annehmen könnten, daß ihr Wirken den deutschen Interessen zuwider sei und im Dienste der französischen Politik stehe. Sechszehn hervorragende deutsche Juden sind zurzeit Mitglieder des Zentralkomitees, also der obersten Leitung der Alliance. Würden sie nicht den energischsten Protest erheben, falls die Alliance französische Politik treiben wollte? Wie erklärt es sich, daß ähnliche Legenden über den Charakter der Alliance in keine m anderen Lande sich bilden konnten, als nur hier bei uns in Deutschland? In Ungarn, wo die jüdische Bevölkerung doch gewiß ein sehr stark ausgeprägtes Nationalbewußtsein hat, ist keinerlei Verdächtigung gleicher Art gegen die Alliance je laut geworden. Würden sich die ungarischen Juden, die Mitglieder der Alliance sind, würden sich die amerikanischen, die holländischen, die italienischen Juden bereit finden, materielle Mittel und den Dienst ihrer Intelligenzen einer Organisation zuzuwenden, die irgendeine nationale Politik treibt? Man weiß dort und überall, wo man nicht mit Voreingenommenheit dem großen Werke der Alliance gegenübertritt, daß die Alliance in der Tat nur eine Politik kennt, die Politik nämlich, die ihr in dem grundlegenden ArtikeJ I ihres Statutes vorgezeiehnet ist. Gestaltung und Ausbau des großartigen und einzig dastehenden Schulwerkes der Alliance sind einzig und allein beherrscht von der Tendenz, die Zöglinge in der Treue zum Judentum und so zu erziehen, daß sie im späteren Leben ihr gutes wirtschaftliches Fortkommen finden. Nicht nationalistische Tendenzen, sondern rein praktische Erwägungen, deren innere Berechtigung aus den tatsächlichen Verhältnissen sich ergibt, haben dazu geführt, daß in den Allianceschulen die französische Sprache als Unterrichtssprache eingeführt wurde. Französisch war bis in die jüngste Zeit die zweite Staatssprache in den meisten Ländern des Orients, besonders der Türkei. Ohne die Kenntnis dieser Sprache war die Möglichkeit des Existenzkampfes nicht gegeben, und ebensowenig diejenige der erfolgreichen Vermittlung europäischer Kultur. Das heißt nichts anders, als: „ohne die Vermittlung der Kenntnis dieser Sprache gab es lange Jahrzehnte nach der Begründung dieser jüdischen Weltorganisation keinen Weg, das vorgesteckte Ziel der Alliance zu erreichen. Der Aenderung der Verhältnisse hat auch die Alliance Rechnung getragen." Wo die Rücksicht auf das Bedürfnis und den Nutzen, den die Kenntnis einer Sprache den Zöglingen ihrer Schulen nach dem Eintritt in das praktische Leben bieten kann, in Frage kam, hat die Alliance nicht gezögert, auch Unterricht in den anderen Fremdsprachen in ihren Anstalten einzuführen. Heute wird überall sorgfältiger Unterricht in der Landessprache erteilt, und in der Türkei hat der türkische Sprachunterricht eine große Ausdehnung gefunden. In den Allianceschulen in Aegypten und Mesopotamien, in Damaskus, Tanger, Mogador, Smyrna und Saloniki ist englischer Sprachunterricht eingeführt. Das Italienische wird in Tunesien und in Tripolis, in den marokkanischen Städten das Spanische gelehrt, deutscher Sprachunterricht wird in fünf Schulen in Konstantinopel, in drei Schulen in Saloniki und in Bulgarien gegeben, ferner in einigen anderen, so in der Knabenschule in Jerusalem, in Adrianopel usw. Wie sehr gerade die Alliance sich in ihrer Sprachen„politik" ausschließlich von praktischen und nicht von nationalistischen Erwägungen leiten läßt, dafür liefert die Einführung des deutschen Sprachenunterrichts in der Handelsschule in Bagdad einen weiteren Beweis. ,,Mit dem Beginn des Eisenbahnbaues", so heißt es in dem jüngsten Berichte des Schulleiters in Bagdad (siehe Februarheft 1914 von „Ost und West"), „ist auch der deutsche Einfluß in Mesopotamien fühlbar geworden. Deshalb soll mit dem Beginn des neuen Schuljahres die Neueinrichtung getroffen werden, daß für diejenigen Schüler, die die Beamtenlaufbahn einschlagen oder Stellungen bei der Eisenbahn später annehmen wollen, Unterricht in Deutsch und Türkisch; für die Schüler, die Kaufleute werden wollen, englischer und arabischer Sprachunterricht erteilt werden." In einem Zirkular an die Direktoren über das Fortbildungsschulwesen, das vor kurzem zur Versendung gelangte, wird über zu veranstaltende Vorträge u. a. gesagt: ,,Der Vortragende kann ganz nach Wunsch die Landessprache benutzen; es ist durchaus nicht nötig, daß er sich der französischen Sprache bedient, wenn diese ihm nicht sehr vertraut ist, oder wenn das Auditorium die Landessprache vorzieht oder besser versteht." Ferner: für die in Vorschlag

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