Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1914)
- Article
- Die Schulen der Alliance in den Jahren 1911 - 1913
- Date
- 1914-02-01
- Page
- Seite 151 - 152 (sequence 4)
- Language
- German
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151 Die Schulen der Alliance in den Jahren 1911—1913. 152 oder ihnen zum Abiturium oder zum Lehramtszeugnis zu verhelfen, sondern er sollte ganz einfach zur Vervollständigung der noch unvollkommenen praktischen Kenntnisse dienen, die sie sich in der Schule erworben haben. Das Programm dieses Spezialkurses müßte die Handelswissenschaften, Buchführung, Arithmetik, geschäftliche Korrespondenz und die ökonomische Geographie Marokkos und der Länder umfassen, mit denen Marokko in Verbindung steht; auch ein Landwirtschaftskursus könnte von Nutzen sein. Nach der Absolvierung eines solchen Kurses würde der Schüler sich in keinem kaufmännischen Bureau fremd fühlen und würde sich schnell in alle einschlägigen Beschäftigungen einarbeiten. Der Handel lockt zurzeit alle unsere Schüler an, weil sie allein auf diesem Gebiete gute Aussichten für die Zukunft haben. Das Handwerk hat gar keinen Erfolg, vielleicht weil es uns noch an großen Werkstätten mit dem erforderlichen Handwerkszeug fehlt. Alle aus unserer ersten Klasse abgegangenen Schüler haben sehr vorteilhafte Anstellungen gefunden, und dabei sind die meisten noch nicht ganz dreizehn Jahre alt! Consta ntine. Man hat wiederholt über die Frage gestritten, ob es für die Verbreitung des Handwerks unter den Juden des Orients richtiger sei, die Lehrlinge in irgendwelche Werkstätten des betreffenden Orts in die Lehre zu geben, wie es von der Alliance fast überall geschieht, oder selbst Spezialwerkstätien für sie einzurichten, wie die Alliance sie in Jerusalem und in Constantine besitzt. In seinem Bericht erwägt Direktor L. Gueron die Vorzüge und die Nachteile beider Methoden: Die Alliance hat in Constantine Werkstätten zur gewerblichen Ausbildung unserer Lehrlinge geschaffen. Das ist eine Neuerung; denn anderwärts hat sie sich mit der Unterbringung der Lehrlinge bei Handwerkern begnügt. Warum nun diese Aenderung? Die Alliance hat dieses Werk in Constantine zu einer Zeit begründet, wo der herrschende Antisemitismus die Unterbringung jüdischer Lehrlinge bei christlichen Handwerksmeistern unmöglich machte. Mit verhältnismäßig geringen Mitteln hat sie unsere Schmiede-, Tischler- und Schneiderwerkstatt eingerichtet. Diese Werkstätten dienen gleichzeitig der Ausbildung von Lehrlingen und dem Erwerb, denn sie müssen zum größten Teil von ihren eigenen Einkünften bestehen. Auf diese Weise sind sie sowohl Schule wie Fabrik und ein sehr geeigneter Platz zur technisch-praktischen wie zur kaufmännischen Ausbildung unserer Schüler. Wenn die Budgetfrage dabei keine Rolle spielte, hätten wir nur Vorteile zu verzeichnen. Aber wir müssen eben rechnen, und diese Notwendigkeit vermindert die günstigen Ergebnisse sehr bedeutend. Trotz dieser Einschränkung sind sie aber doch vorhanden. Vor allen Dingen beweist die Entwickelung dieser Werkstätten, in der unsere Schüler die Geschicklichkeit zur Anfertigung alier Gegenstände lernen, die dort produziert werden — entzückende Damentoiletten, Schmiedeisen, Holzschnitzerei —, daß der Israelit ein ebenso guter Arbeiter ist wie der Christ, daß er sich weder vor der schwierigsten und feinsten, noch vor der groben und schmutzigen -Arbeit scheut. Die Architekten und Bauunternehmer, die unsere Arbeiter und Lehrlinge vor drei Jahren bei der Vergrößerung des Gymnasiums und kürzlich bei dem Bau der "Elementarschule beobachtet haben, sind voller Lob und Anerkennung für ihre Ausdauer und ihren Mut, für ihre Geschicklichkeit und Behendigkeit. Sie fügten Haustore von 2000 Kilo. Gewicht ein; stiegen in die freie Luft und handhabten dort Eisenteile von 900 Kilo und Säulen von 1600 Kilo; schmiedeten und fügten Tausende von Kilo Eisen an Aufzügen und Ankern, Metallgerüsten, Rampen, Trägern und Einzäunungen, und machten alle erforderlichen Schlosserarbeiten. Etwas, was uns als natürliche Kundgebung einer unbestreitbaren Wahrheit ganz selbstverständlich ist — der Beweis nämlich, daß unsere jungen Leute für das schwere Handwerk weder ungeeignet noch zu bequem sind —, wurde für fernstehende, schlechtberichtete und gleichgültige Kreise eine neue Offenbarung. Das Gesamtergebnis beweist demnach ein glückliches Gelingen, die Einzelheiten Jedoch, die zu dieser Gesamtheit führen, müssen besonders betrachtet werden. Sie wissen, mit welchen unvermeidlichen Schwierigkeiten unsere Lehrlinge zu kämpfen haben, die auswärts untergebracht sind: Zeitverlust durch Laufereien und langsame und unzureichende Unterweisung. Diese kommt sowohl von der Besorgnis der Meister vor der selbstgeschaffenen Konkurrenz als auch davon, daß nur wenige Werkstätten vollständiges und tadelloses Werkzeug besitzen, und daß die Meister sich sehr ungern das erste Material von den Lehrlingen verderben lassen. Schließlich ist es den ausgelernten Arbeitern sehr schwer, sich selbst zu etablieren oder Stellung zu finden. Diese Schwierigkeit besteht in Algier ganz besonders für die Schmiede, die am Sabbath kein Feuer anrühren; sie finden keine Meister, die ihnen zwei Feiertage in der Woche bewilligen, den Samstag aus religiösen Gründen und den Sonntag wegen obrigkeitlicher Vorschrift. Das Vorhandensein unserer eigenen Werkstätten beseitigt diese Unzuträglichkeiten und bietet uns die Möglichkeit, die technische Ausbildung unserer Schüler noch besser auszugestalten. Es genügt doch nicht, daß man löten und schweißen kann, das erlernt jeder Lehrling; aber es ist von großem Vorteil, es schnell zu erlernen und mit Methode auszuführen, so daß man seine Bewegungen ohne Kraftverschwendung bei der Arbeit zu regeln versteht, um durch vernünftige Einteilung die Arbeitsleistung zu steigern. Heute, wo für den Arbeiter der Kampf ums Dasein auch einen Kampf gegen die Maschine bedeutet, die ihn zu verdrängen sucht, ist die Sorge um die Schulung seiner Leistungsfähigkeit und Geschicklichkeit, seines Sinnes für vollendete Arbeit ein wesentlicher Teil der technischen Ausbildung. Der Arbeiter muß mit erfinderischem Geschick aus seinem Werkzeug die größtmögliche Leistung herausziehen und gleichzeitig darauf bedacht sein, daß die Materialabfälle möglichst gering sind. Diese Art der Ausbildung kann der mit; seinen eigenen berechtigten Interessen beschäftigte Meister seinen Lehrlingen nicht geben. Anders ist es bei den von uns mit festem Gehalt angestellten Meistern, die sich zwar um die Geschäftslage unserer Werkstätten kümmern können, aber doch für ein vorkommendes Defizit nicht verantwortlich sind. Soli damit gesagt sein, daß unsere Werkstätten außer der Finanzlage gar keine Unzuträglichkeiten