Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1914)
- Article
- Die Schulen der Alliance in den Jahren 1911 - 1913
- Date
- 1914-02-01
- Page
- Seite 149 - 150 (sequence 3)
- Language
- German
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149 Die Schulen der Alliance in den Jahren 1911—1913. 150 Schüler zu begründen, wie sie an verschiedenen anderen Plätzen bereits bestehen. Die 500 Schüler, die wir ständig in unseren Schulen haben, hätten eigentlich eine aufgeklärte Jugend bilden müssen, die im Stande gewesen wäre, einen vernünftigen Einfluß auf das Gemeindeleben auszuüben. Leider hat sich unser Schul werk aber von Anfang an fast ausschließlich mit der armen Bevölkerung befaßt. Diese Enterbten sind sicher die interessantesten Schüler, aber die Kinder bleiben zu kurze Zeit in der Schule, um großen Nutzen aus unserem Unterricht zu ziehen. Die meisten verlassen die Schule mit elf Jahren, um ihren Eltern im Kampf ums Dasein beizustehen. Wenn sie wieder in ihr trauriges Heim zurückkehren, vergessen sie bald die auf der Schulbank erworbenen Bruchstücke von Kenntnissen, und als erwachsene Männer haben sie nicht mehr viel von den seelischen Werten zurückbehalten, die wir bei ihnen zu entwickeln begonnen haben. Seit unserer Ankunft in Beirut haben wir wiederholt versucht, die ehemaligen Schüler zusammenzuführen; wir haben für die jungen Männer und die jungen Mädchen verschiedene Vereine begründet: die ,,Freundschaft", die „Wohlfahrt"; wir haben ihnen aus heiteren, lehrreichen und nützlichen Büchern vorgelesen; wir haben es mit Vorträgen über die verschiedensten aktuellen politischen und sozialen Gegenstände versucht; wir haben sie für irgendein Wohlfahrtswerk interessieren wollen — aber die junge Weit hat weder dem Lernen, ,noch den Diskussionen Geschmack abgewinnen können. Diesen zu früh aus der Schule abgegangenen jungen Leuten sind unsere Anschauungen fremd geworden. Nachdem unsere Bemühungen zur Belebung der von uns begründeten Werke sich als vergeblich erwiesen hatten, haben wir darauf verzichten und uns auf den Verkehr mit unserem Lehrpersonal beschränken müssen; die Jugend ist zu ihren Arbeiten und zu ihren oberflächlichen Vergnügungen zurückgekehrt. •Mit Ihrer Zustimmung haben wir zur Bekämpfung dieser Verhältnisse den Versuch gemacht, unseren _ Lehrplan auf eine höhere Stufe zu bringen " und uns eine andere Klientel heranzuziehen. Wir haben uns besonders an den Mittelstand gewendet, an die fleißigen und rechtschaffenen Familien, die gern ein Opfer bringen, um ihren Kindern eine solide Erziehung zu verschaffen. Seitdem haben unsere Schulen ein anderes Aussehen gewonnen. Früher gab es unter dem Schulvolk ein ewiges Kommen und Gehen. Unser Einschreiberegister wies eine große Zahl von Anmeldungen und von Abmeldungen auf. Heute haben wir einen stabileren Schülerstab: Wenn ein Kind in unsere Schule eintritt, so bleibt es gemeinhin bis einschließlich der ersten Klasse bei uns. Dadurch ist es uns gelungen, eine ziemlich gut besuchte und gleichmäßig vorgebildete erste Klasse zu schaffen. Wir dürfen hoffen, daß sich in einigen Jahren, wie in anderen Städten, so auch in Beirut, ein ansehnlicher Stamm von gebildeten jungen Männern und Mädchen gebildet haben wird, der einen „Verein ehemaliger Alliancesehüler" zu begründen und diesen Verein auf gleiche Höhe mit denen anderer großen Städte zu bringen vermag. Brussa. Obgleich die Allianceschulen in Brussa schon seit langen Jahren bestehen, ist die dortige jüdische Gemeinde noch sehr rückständig geblieben. Direktor Leon Semach erklärt diesen Zustand in folgenden Worten: Die Stadt Brussa hat nicht genug Arbeit für alle ihre Einwohner. Unsere Schüler verlassen die Schule mit ausreichender geistiger Vorbildung, ihre Kenntnisse setzen sie in den Stand, sich ihr Brot zu verdienen, aber die Geschäfte der Stadt können nur so geringe Gehälter zahlen, daß; die jungen Leute damit nicht auskommen. Wenn sie unter diesen Verhältnissen hierblieben, könnten sie ihr Leben lang nur vegetieren, deshalb suchen sie anderwärts ihr Brot. Fast alle Knaben gehen nach Absolvierung unserer ersten Klasse nach Konstantinopel, nach Marseille, New York oder Buenos Aires oder nach anderen Großstädten, wo sie ein besseres Feld für ihre Arbeitskraft und ihre Kenntnisse finden. Diese Auswanderung bedeutet eine Wohltat für die Fortziehenden, ist aber gleichzeitig die Ursache des Elends der Zurückgebliebenen. Alles, was die hiesige Gemeinde an Kraft, Energie und Verstand besitzt, zieht in die Ferne. Was soll unter diesen Verhältnissen aus einer Gemeinde werden, die niemanden hat, der einen Anstoß zum Fortschritt geben kann? Das ist die Wurzel unseres ganzen materiellen und sittlichen Elends. Der geringe Flandelsverkehr, die verhältnismäßig unvollkommene Industrie, dazu die häufigen Choleraep:demien und gelegentlichen Erdbeben, haben Brussa verarmt und bringen die Stadt immer mehr herunter. Unsere Jugend bleibt bei der Auswanderung und unsere Schulen arbeiten nur für den Export, wenn man sich so ausdrücken darf. Wie soll da eine Umgestaltung der Gemeinde möglich werden? Casablanca. Das französische Protektorat in Marokko scheint den Israeliten des Landes die Aussicht auf bessere Zeiten zu eröffnen. Die jüdische Gemeinde von Casablanca erbittet von der Alliance immer wieder eine Erweiterung ihrer Schulen, weil die darin erworbene Kenntnis der französischen Sprache allen jungen Leuten einen sicheren Broterwerb verbürgt. Eine Stelle aus dem Bericht des Direktors Sagues sagt darüber: Das Geschäftsleben der Stadt hat sich in so hohem Maße entwickelt, daß man bei allen Behörden, bei allen Finanzunternehmungen, deren Zahl von Tag zu Tag steigt, immer neues Personal anstellen muß. Knaben von 13 bis 15 Jahren, die sich kaum französisch verständigen können, bekommen ein Anfangsgehalt von 50 Frs. monatlich, in manchen Fällen sogar bis zu 80 Frs. Das reizt, den Ehrgeiz unserer Schüler, die gern möglichst bald die Not ihrer oft sehr bedürftigen Eltern erleichtern möchten. .. Der französische Unterricht muß deshalb intensiver gestaltet werden; ich meine damit, daß der von der Alliance vorgeschriebene Lehrplan vollständig durchgeführt und in verhältnismäßig kurzer Zeit durchgenommen werden muß. Die Lehrer dürfen nur bei solchen Gegenständen verweilen, die unseren Schülern sofortigen und wesentlichen Vorteil versprechen; sonst würden sie von der Schule abgehen, ohne sich die hauptsächlichsten Kenntnisse angeeignet zu haben, die wir ihnen beibringen müssen. Zur Hebung der Lehrstufe würde sich die Einrichtung eines besonderen Kursus für die Schüler empfehlen, die ein gutes Abgangszeugnis erhalten haben. Dieser Kursus sollte nicht den Zweck haben, die Schüler zu einem weiteren Examen vorzubereiten