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Ost und West · 1914-02-01 · Heft 2 (Februar 1914) · p. Seite 129 - 130

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 2 (Februar 1914)
Article
Die jüdische Gemeinde von Triest
Date
1914-02-01
Page
Seite 129 - 130 (sequence 3)
Language
German
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r29 Prof. A. Freud: Die jüdische Gemeinde von Triest. 130 gewiss vereinzelter Fall — auf Gemeindekosten ein Grundstück als Friedhof für die Juden, um auf diese Weise für die Gleichstellung der Kulte Zeugniss abzulegen. Dieser liberale Sinn, auf den schon mancher Zug früherer Zeiten schliessen lässt, hat sich bis heute erhalten und von Antisemitismus unter der heimischen Bevölkerung kann kaum die Rede sein. Die günstige Lage der Juden im Verein mit dem Rückgange der alten Gläubigkeit und dem Aufkommen der modernen italienisch - nationalen Strömung musste aber zu einer grossen Schwächung des jüdischen Bewusstseins führen: und wirklich hat die Assimilationsbewegimg den Untergang mancher alten Triester Judenfamilie verschuldet. So selten die Taufen auch sind — man kann durch sie hier nichts gewinnen, was man nicht schon hätte und das Christentum steht nicht höher in der Schätzung als das Judentum —, so zahlreich sind die M i s c h - ehen. So manche ist freilich von einem Uebertritte zum Judentum begleitet, aber ob wir damit etwas gewinnen, das kann erst die Zukunft entscheiden; in allerletzter Zeit wächst freilich die Zahl der „arischen" Juden verhältnismässig stark. Ueberflüssig zu sagen, dass in Handel, Industrie und Politik die Juden die grösste Rolle spielen und die führenden Stellen innehaben, so dass ihre Geltung viel grösser ist, als es ihrer Zahl entspräche. Man schätzt diese gegenwärtig auf ca. 7000, worin natürlich auch die in jüngerer und jüngster Zeit zugewanderten „deutschen" Juden inbegriffen sind, ebenso die hauptsächlich dem Proletariat angehörige Kolonie von Corfioten, die sich seit dem dortigen Pogrom von 1891 hier angesiedelt haben. Die Corfioten stellen auch hauptsächlich die Frequentanten der öffentlichen Volksschule der Kultusgemeinde. Diese „Talmud-Thora", bestehend seit 1782, ist vielleicht die ä 11 e s t e jüdische Normalschule Oesterreichs. Denn als Josef II. sich mit dem bekannten Appell an die jüdischen Gemeinden wandte, waren dieTriestiner unter den ersten, die den Wert europäischer Zivilisation zu schätzen wussten. Der Triester Statthalter verwies sie auf Mendelssohn, dieser machte sie auf seinen Freund, den hebräischen Dichter Hartwig Wessely aufmerksam, der bald seinem berühmten Sendschreiben ein zweites an die Triester Gemeinde folgen liess. Auch S. D, Luzzatto, der grosse Erneuerer der jüdischen Wissenschaft, der bedeutendste jüdische Sohn Triests, ist aus dieser Schule hervorgegangen. Eine interessante Figur ist auch Luzzattos Lehrer, der damalige Triester Oberrabbiner Abraham Elieser Levi. Dieser, ein gebürtiger Palästinenser, war ohne die geringste Kenntnis des Italienischen als Sendbote nach Italien gekommen, blieb im Lande und wurde dann Rabbiner in Livorno; später als Neue Synagoge in Triest (Apsis mit Bundeslade). Rabbiner nach Triest berufen, spielte er eine besondere Rolle als Führer der gegen die aus Deutschland kommende Reform gerichteten Bewegung und suchte auf einer zu diesem Zwecke unternommenen Reise mehrere Gemeinden zu einem heftigen Protest zu veranlassenT was ihm auch gelang. Unter den Rabbinern muss auch Abraham Vita di C o 1 o g n a erwähnt werden, ursprünglich Oberrabbiner von Paris und als solcher eines der bedeutendsten Mitglieder des napoleonischen Synhedrions und dessen zweiter Beisitzer, eine Persönlichkeit der europäischen Judenheit, späterOberrabhiner von Triest, woselbst er 1832 starb.*) — Es ist eine bemerkenswerte, aber nicht unerklärliche Erscheinung in unseren Gemeinden, dass man das im Innern Abbröckelnde durch äussere Pracht zu stützen sucht und wenn das jüdische Gefühl stumpf wird, man Prunksynagogen baut. (Damit soll natürlich nichts dagegen gesagt sein, dass unsere Gemeinden würdige Tempel erhalten; nur dass diese allein nicht ausreichen, um Sinkendes zu heben.) *) Der vor y.wci Jahren verstorbene Oberrabhiner von Rom. Castiglioni. der erste Rabbiner, der sieh mit letztwilliger Verfügung; verbrennen liess. war gleichfalls ein Tricstiner und wirkte hier durch Jahre als Vizerabbiner

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