Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1914)
- Article
- Zur Geschichte des Chief-Rabbinats in England
- Date
- 1914-02-01
- Page
- Seite 115 - 116 (sequence 3)
- Language
- German
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115 Dr. S. M. Melamed: Zur Geschichte des Chief-Rabbinats in England. 116 ChiefcRabbi Dr. Nathan Adler. gekerkert, entkam aber bald nach Amsterdam, um in kurzer Zeit vom Prinzen Benbukor zurückgerufen und mit einer diplomatischen Mission nach Madrid betraut zu werden. Er kehrte nach Amsterdam zurück, arbeitete dort eine Zeitlang literarisch zusammen mit dem berühmten Menasse Ben Israel, und wurde dank der Vermittlung einiger Londoner Sephardim, die geschäftlich nach Amsterdam zu kommen pflegten und seine Bekanntschaft machten, zum Londoner Haham, d. h. zum Oberhaupte der sephardischen - Gemeinde gewählt. Der erste Haham hatte für das kärgliche Gehalt von 50 Pfd. Sterl. im Jahre gar mannigfache Funktionen zu versehen. Er war Prediger, Lehrer, Organisator, Kaschruth-Inspektor und musste noch obendrein seinen Sohn, der Schächter der Gemeinde war, besolden. Jacob Sasportas blieb jedoch nur zwei Jahre auf seinem Posten. Er ging zuerst nach Amsterdam und später nach Hamburg, wo er eine grosszügige Campagne gegen die Sabatai-Zewi-Bewegung einleitete. Im Jahre 1698 ist er als Haham der nachträglich vereinigten Amsterdamer sephardischen Gemeinde gestorben. In London wurde ein Freund Sasportas, der seinerzeit bekannt gewesene Talmudist Da Sylva, zum Haham ernannt. Da Sylva, der 10 Jahre diesen Posten bekleidete, ist in der Geschichte seiner Gemeinde als grosser Erzieher und Organisator bekannt. Die Führer der Gemeinde arbeiteten mit ihm an dem Ausbau aller Gemeindeorganisationen, und insbesondere an dem der Erziehungsinstitute. Das Hahamat hatte sich aber nach und nach zu einem wahren Episkopat ausgebildet. Der Haham hatte nicht mehr so viele Funktionen zu verrichten wie früher, dafür wuchs seine Macht und Autorität von Tag zu Tag. Auf Da Sylva folgte ein anderer Freund Sasportas, Jacob Abendana, ein geborener Hamburger, im Amte des Hahamats. Jacob Abendana stand nur eine kurze Zeit, etwa vier Jahre, der Londoner Gemeinde vor, da er an einem Rosch-Haschono plötzlich verschied. In welch hohem Ansehen der dritte Haham schon gestanden, kann aus der Tatsache ersehen werden, dass seine Gemeinde für seine Bestattung die für jene Zeit relativ hohe Summe von 20 Pfd. Sterl. und 9 Schilling auszugeben für gut befand. Dieser so plötzlich verstorbene Haham hatte die Mischna und auch Haie vis Kusari ins Spanische übersetzt. Nach einem kleinen Interregnum wurde der Venezianer Arzt und Rabbiner Nieto von der Londoner Gemeinde als Haham berufen. Nieto war zuerst Haham in Leghorn, wo er auch als Gemeindearzt fungierte. In London musste er laut Kontrakt die ärztliche Praxis aufgeben. Nieto war wohl bis auf den gegenwärtigen Haham, Dr. Gaster, die interessanteste und gelehrteste Persönlichkeit, die in London als Haham gewirkt hat. Neben seinem erstaunlichen Wissen und seiner enzyklopädischen Bildung war er eine ausgesprochene Kampfnatur, ein Apologet, Religionsphilosoph, Metriker, Schriftsteller und Agitator; er schrieb eine rahbinische Enzyklopädie, übersetzte den Sohar, verfasste viele religionsphilosophische und apologetische Schriften und kämpfte unermüdlich gegen Karaitentum und Sabatai-Zewi. Dazu war er ein Organisator und Philantrop, wie keiner seiner Vorgänger und Nachfolger auf dem hohen Posten. Allein die Hauptsache, das diplomatische Geschick — ■ Chie&Rabbi Salomon Hirscheil.