Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1914)
- Article
- Zur Geschichte des Chief-Rabbinats in England
- Date
- 1914-02-01
- Page
- Seite 113 - 114 (sequence 2)
- Language
- German
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113 Dr. S. M. Melamed: Zur Geschichte des Chief-Rabbinats in England. 114 schon ihre Tradition hatten und auf der Höhe der Kultur ihrer Zeit standen. Ihre Niederlassung in England war nicht bloss wirtschaftlich begründet; sie wollten nicht bloss ihr Vermögen vergrössern, sondern in erster Reihe die Möglichkeit haben, ihrem Judentum leben zu können. Bald nach ihrer Niederlassung machte sich bei ihnen eine Sehnsucht nach einem geordneten Gemeindeleben bemerkbar. Die meisten Ansiedler waren Leute, die eine gute Kinderstube genossen hatten, einige von ihnen waren geborene Führer und ausgesprochene Herrschernaturen grossen Stils. Die episkopalen Kirchenorganisationen der Länder, in denen sie früher gelebt undgewirkthatten,konnten auf ihre eigenen gemeindepolitischen Anschauungen nicht ohne Einfluss geblieben sein. Zum grössten Teil waren sie von katholischen Ländern gekommen, woaein rigoroser Episkopalismus herrschte. Der tragische Typus der Marranos, wie er in Spinoza und Uriel Acosta seine Verkörperung gefunden, die blasphemischen Ausschreitungen;mancher bekanntgewordener Mar ranos, die die Lebensinteressen der sephardischen Judenheit arg bedrohten, musste noch diese nach Freiheit und Würde sich sehnen den stolzen und konservativen Juden in ihren Anschauungen und Neigungen bestärken. Ihr erstes Streben war, im eigenen Hause Ordnung und Ruhe zu schaffen. Bei den stark ausgeprägten individualistischen Neigungen dieser Marranos war Ueb er ein Stimmung in Anschauungen, Zielen und Bestrebungen nicht so leicht zu erreichen. Die Leute waren durch ihre traurigen Schicksale seelisch und religiös ausser Rand und Band gekommen und folgten vielfach, wie aus verschiedenen Massnahmen der Vertreter der sephardischen Gemeinde in London zu jener Zeit zu ersehen ist, entgegengesetzten Tendenzen und Richtungen. Aber eine göttliche Fügung wollte es, dass, je grösser die Anarchie sich nach unten hin bemerkbar machte, desto energischer gingen die obersten Führer der jungen Gemeinde zu Werk. Autorität wurde das Losungswort. Die Autorität musste aber in Anbetracht der immer mehr und mehr einreissenden Anarchie eine absolute sein. Daher die Erscheinung, dass die Gemeinde jeden, der sich nur relativ geringe Ausschreitungen auf religiösem Gebiete zuschulden kommen liess, mit der höchsten Strafe, mit dem Bannstrahl, zu belegen pflegte. Diese führenden Männer waren, von vornherein bestrebt, die konservative autoritäre Idee zum obersten 7^ l^ttW- Prinzip zu erheben, um so der Gemeinde Bestand zu verleihen. Stolz, wie der sephardische Jude ist und war, wollte er sich mit keinem anonymen Judentum und mit keiner Gemeinde unter Ausschluss der Oeffentlichkeit begnügen, denn der Zweck seiner Niederlassung in England war ja der, dass er seinem Judentum offen und unangefochten leben wollte. Es ist interessant, dass das erste historische Dokument von Wichtigkeit, das die sephardische Gemeinde in London besitzt, eine Antwort Königs Karl IL auf eine Petition der Vertreter der damaligen Gemeinde, Emanuel Martinez, Elias de Lima und Moses Baruth, ist, in der der König den Juden religiöse Freiheit zusichert. Erst nach dem Empfange dieser Versicherung gingen die Führer an das Werk der Organisation und Konstitution der Gemeinde. Für die zentralistischen Bestrebungen der Führer ist eine Satzung in der Verfassung der Gemeinde charakteristisch, die unter Androhung der höchsten Strafen, kommunale Trennung und selbst die Abhaltung eines Privatgottesdienstes verbietet. Zuwiderhandlungen'sollten mit „Cherem" bestraft werden. Diese zentralistisch-episkopalen Bestrebungen waren auch durch die vielfach hervorgetretenen Differenzen innerhalb der Gemeinde bedingt. Schon in Amsterdam traten diese ethnischen Differenzen in der dortigen sephardischen Gemeinde, die zu verhängnisvollen Spaltungen geführt hatten in sehr bedenklicher Weise hervor. In Amsterdam existieren als deren Produkt nicht weniger als drei, sephardische Sondergemeinden. Sobald sich die junge Londoner Gemeinde konstituiert hatte, deren Bethaus zuerst in einem kleinen Privathaus und später in einem grösseren gemieteten Hause untergebracht wurde, traten die Aeltesten der Gemeinde in Unterhandlung mit dem damals berühmten Haham Jacob Sasportas, um ihn zur Uebernahme des Londoner Hahamats zu bestimmen. Jacob Sasportas, der auch der erste Haham der Londoner sephardischen Gemeinde wurde, entstammte einem alten Oranischen Gelehrtengeschlecht und wurde schon im jugendlichen Alter von 24 Jahren zum Rabbiner einer bedeutenden jüdischen Gemeinde in Marokko ernannt. Er gehörte zu jenem alten, ich möchte fast sagen klassischen Rabbinertypus, der die Eigenschaften des grossen Führers, Politikers und Organisators in sich vereinigte. Es fiel der Verdacht politischer Umtriebe auf ihn, und er wurde von seinem Landesfürsten einl\ ChiefcRabbi Dr. Hertz