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Ost und West · 1914-02-01 · Heft 2 (Februar 1914) · p. Seite 117 - 118

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 2 (Februar 1914)
Article
Zur Geschichte des Chief-Rabbinats in England
Date
1914-02-01
Page
Seite 117 - 118 (sequence 4)
Language
German
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117 Dr. S. M. Melamed: Zur Geschichte des Chief-Rabbinats in England. 118 fehlte ihm ganz und gar, und es darf nicht wunder nehmen, wenn eine solch ausgesprochene Persönlichkeit, wie es Nieto war, oft in Konflikt mit einem Teil seiner eigenen Gemeinde geriet. Seine Gemeindemitglieder verstanden ihn nicht recht, konnten ihm nicht folgen. Es kam zu unerquicklichen Zwistigkeiten und Auseinandersetzungen. Im Jahre 1728 ist Nieto betagt nach einem kampfreichen und tätigen Leben zu seinen Vätern eingegangen. Nach einem fünfjährigen Interregnum folgte ihm sein Sohn im Amte. Mit dem alten Nieto hatte das Londoner Hahamat seinen Höhepunkt erreicht. Mit Ausnahme von Dr. Gaster hat keiner diesen alten Kämpfer und gelehrten Temperamentmenschen an Fähigkeit und Gelehrsamkeit erreicht. Aber auch die Gemeinde als solche hatte damals, im ersten Drittel des achtzehnten Jahrhunderts, den Zenith ihrer Entwicklung erreicht. Die Erhebung der Gemeindeautorität zu einer absoluten Potenz, so notwendig und verständlich sie anfangs gewesen sein mochte, ist später zum Ruin der Gemeinde geworden. Viele Gemeindemitglieder, die sich mittlerweile anglisiert hatten und an Toleranz schon gewöhnt waren, konnten diesen despotischen Druck der Gemeinde und des Hahamats nicht mehr ertragen und verliessen in der Folge die Gemeinde. So zum Beispiel verliess der Vater Lord Beaconsfields, der alte Disraeli, die Gemeinde samt dem Judentum, weil er sich kein Gemeindeamt aufzwingen lassen wollte..... Nietos Sohn scheint ein unberechenbarer Mensch gewesen zu sein, denn er verliess zuerst sein hohes Amt, trieb sich in der Welt herum, kehrte dann nach London zurück und forderte, in sein Amt von neuem eingesetzt zu werden. Während seiner Abwesenheit bekleidete Moses Gomez da Mesquitta das Amt; nach seinem Tode wurde nicht mehr ein alleinherrschender Haham, sondern ein Beth-Din aus drei Mitgliedern bestehend eingesetzt, von welchen ein jedes den Titel Haham, aber nicht der Haham, führte. Das zentralistischepiskopale Regime hatte sich bereits überlebt, da an Stelle der ersten weitsichtigen Führer eine versteinerte Bureaukratie trat, die nur noch von der Tradition leben konnte. Die grossen Gesichtspunkte, die zur Schaffung des Episkopates geführt hatten, waren verloren gegangen, die englische Toleranz tat das ihre, um dieses Regime zu schwächen und mittlerweile setzte auch in England die Einwanderung von nicht sephardischen Juden ein, die ihre eigene religiöse Chief sRabbi Aaron Hart. Führung suchten. Die Exklusivität der Sephardim bedingte die Bildung von neuen Gemeinden, die später die Herrschaft an sich rissen. Aber die aschkenasischen Einwanderer haben eine geordnete, episkopal zugeschnittene Gemeindeorganisation mit grossen und reich ausgestatteten Institutionen vorgefunden, die für sie in der Folge vorbildlich wurden, und die den Gang der aschkenasischen Gemeindeverhältnisse bestimmen mussten, zumal die Sephardim damals die herrschende und kulturelle Schicht waren, von der die kulturärmeren Aschkenasim viel zu lernen hatten. So wurden das englische Milieu und die vorgefundene episkopal-zentralistisch organisierte sephardische Gemeinde die psychologische und historische Grundlage des heutigen Chief-Rabbinats, dessen Werdegang ich im folgenden Aufsatz skizzieren werde. DIE GLANZZEIT DES OSMANISCHEN REICHES.*) Von Dr. Simon Bernfeld. In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts hatte sich die Lage der Juden auch in einem andern grossen Reich günstig gestaltet. Aehnlich wie in der Türkei befanden sich auch grosse jüdische Gemeinden in P o 1 e n, dessen Grenzen sich damals weit über das eigentliche polnische Reich hinaus ausdehnten. Wie aus Spanien und Portugal, von wo aas sich die flüchtigen Juden *) Siehe „Ost und West", Jahrgang XIII, Heft 11. zumeist nach den Provinzen des mächtigen osmanischen Reiches geflüchtet haben, waren die Juden im 14. und im 15. Jahrhundert in grossen Massen aus Deutschland nach Polen gewandert. Eine solche grosse Katastrophe, wie sie gegen Ende des 15. Jahrhunderts über die spanisch-portugiesische Judenheit herein gebrochen ist, hat zwar die Geschichte der deutschen Juden nicht zu verzeichnen. Denn die politische Zerrissenheit, in der sich damals das heilige römische Reich deutscher Nation

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