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Ost und West · 1914-02-01 · Heft 2 (Februar 1914) · p. Seite 109 - 110

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 2 (Februar 1914)
Article
Das Gottesreich
Date
1914-02-01
Page
Seite 109 - 110 (sequence 3)
Language
German
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109 Ceh. Reg.-Rat Prof. Dr. Hermann Cohen: Das Gottesreich. 110 Wie sehr dieser Gegensatz das Deuteronomium beherrscht, wird an der veränderten Fassung erkennbar, welche in ihm dem Sabbatgesetze gegeben wird. Der Schöpfungsgedanke aus dem zweiten Buche tritt hier zurück gegen die Begründung: „Auf daß dein Knecht und deine Magd ruhe wie du selbst . . . Darum hat dir der Ewige, dein jGott, geboten, den Sabbattag zu halten" (5, 14, 15). In der Ruhe von der Lohnarbeit soll dieser härteste Gegensatz unter den Menschen geschlichtet werden. Und bedeutsam tritt hier dasselbe anspruchsvolle Wort: „wie du selbst" auf, das in dem Gebote der Nächstenliebe erdacht worden war. Hier kommt der soziale Gesichtspunkt zu unmittelbarer Evidenz. Daher könnte man in Analogie zu dem kühnen Gedanken Ben Asais das Sabbatgesetz wegen dieser seiner weltgeschichtlichen Aktualität sogar über das Gebot der Nächstenliebe stellen wollen. Denn dieses Gebot bleibt doch immer die Abstraktion eines Affektes, und der Affekt ist ein unsicherer Wegweiser. Mit der Liebe kann die sittliche Ebenbürtigkeit der Menschen nicht zuverlässig begründet, der Begriff des Menschen nicht unzweideutig bestimmt werden. Eine gleiche Befreiung von der Arbeit dagegen bringt ein gleiches Maß in das menschliche Getriebe. So vertritt der Sabbat das Ideal der Einheit der Menschen in der Ausgleichung dieser Grundgegensätze aller Menschengeschichte. Einen weiteren Gegensatz bilden die Völker und die Menschheit, und er wird scheinbar noch verschärft: Israel trägt als seinen Beruf die Erwählung zur Verbreitung des Gottesglaubens: ein einzelnes Volk tritt damit in einen Gegensatz zur gesamten Menschheit. Aber der Gegensatz soll auch hier nur zur Einheit führen. Dies einzige Volk soll zur Menschheit werden, sofern es seinen Beruf erfüllt: die Einheit Gottes über die ganze Menschheit auszubreiten. Die Menschheit, die einig den einzigen Gott bekennt, soll das Vaterland des einzigen, zur Verbreitung des Qottesglaubens erwählten Volkes werden. Das ist keine neue Weisheit für uns, geschweige, daß eine Polemik sie erweckt hätte. Durch unsere Philosophie, die zugleich unsere Glaubenslehre ist, ist sie längst entdeckt worden. Der Begründer der jüdischen Philosophie, der Gaon Saadja, hat es schon im neunten Jahrhundert ausgesprochen: „Unsere Nation ist nur Nation durch ihre Lehre". Nur der Lehre wegen sind und bleiben wir Nation; aber der letzte Sinn und Inhalt unserer Lehren ist die Unterwerfung der Nation unter die Menschheit. Kein Höhepunkt unserer Religion ist in den neueren Zeiten zu solcher Anerkennung gekommen wie der Begriff des Messianismus. Und dennoch fehlt noch viel daran, daß das Verständnis dieser Idee und des Gegensatzes in ihr völlig durchgedrungen wäre. Unser großer Philosoph Maimonides, in allen Beziehungen der weise und klare Führer unseres Rationalismus, hat auch hier die Richtung vorgezeichnet: indem er die Zukunft (leatid labo) unterschied vom Jenseits (olam haba). Der Messianismus wird erst dann völlig verstanden werden, wenn vom Begriffe der messianischen Zukunft jeder Jenseitssinn abgetrennt sein wird. Die Zukunft, welche die Propheten im Symbol des Messias vorzeichnen, ist die Zukunft der Weltgeschichte. Sie ist das Ziel, sie ist der Sinn der Geschichte, welche den Gegensatz bildet zur Geschichte in ihrer isolierten Wirklichkeit. Und die Menschen selbst sind es, welche dieses Zeitalter des Messias herbeizuführen haben. Das Ideal des menschlichen Daseins, der Individuen, wie der Völker, die Zukunft des Messias, müssen die Menschen der Kultur erst denken und ersehnen lernen in der Zukunft des Menschengeschlechts. Die Verwirklichung der Sittlichkeit auf Erden, ihrer Aufgaben und ihres ewigen Zieles, dies und nichts anderes bedeutet uns die Idee des Messias. Dem geschichtlichen Leben der Menschen und der Völker, ihrem Recht und ihren Staaten gibt die Idee des Messias die neue Verfassung des ethischen Ideals. Das Reich des Messias, das ist das Gottesreich. Nicht ein persönlicher Herrscher ist der Messias in jener Zukunft, nicht ein Heros, aber der Geist Gottes ruhtiauf ihm, und er bringt den Völkern das Recht. In den Tagen des Messias erhoffen wir die Aufrichtung des Gottesreiches, in dem Gottes Herrschaft allein die Wirklichkeit bestimmt. Wie sehr immer .unser ältestes Schrifttum bereits die Stiftung von Recht und Gesetz, und so die Anerkennung des Staates klar und tief begründet hat, so weist doch über alle Rechte, Gesetze und Staaten der Wirklichkeit hinaus die Staatsidee der messianischen Zukunft. Diese Bedeutung hat das Gottesreich als das Ideal der Weltgeschichte. Und dieses Ideal ist im strengsten Sinne das ethische Ideal. Wie sehr immer die Propheten mit ihrer poetischen Phantasie den Naturfrieden im Völkerfrieden besingen, und der Psalmist auch die Unschuld der Lebensfreuden in dieses Zukunftsbild hineinwebt, so hat auch hier wiederum Maimonides vor der Gefahr des Eudämonismus gewarnt. Nicht ein Schlaraffendasein, nicht ein Utopien sollte den geschichtlichen Begriff der messianischen Zeit entstellen; aber allerdings fordert er mit Klarheit die unerläßliche Bedingung;

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