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Ost und West · 1914-02-01 · Heft 2 (Februar 1914) · p. Seite 107 - 108

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 2 (Februar 1914)
Article
Das Gottesreich
Date
1914-02-01
Page
Seite 107 - 108 (sequence 2)
Language
German
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107 Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Hermann Cohen: Das Gottesreich. 108 schaftlichen Bedingungen sich stützen will. In dieser Richtung wirkt die eine, die materielle Seite des Begriffs der Gesellschaft. Als man jedoch im 17. Jahrhundert gegen das positive Recht und den bestehenden Staat den Begriff der Gesellschaft aufstellte, da war es nicht dieses wirtschaftliche Moment, welches zu einer neuen Losung wurde; sondern eine zweite Bedeutung der Gesellschaft, die schon im Altertum nicht unbekannt war, wurde jetzt in neuer und universeller Begründung zu einer Macht, zu einer Macht der neuen Zeit. Und nicht etwa Neuerungssucht und Revolutionsbegier waren die Triebfedern hierzu, sondern die Sittlichkeit schlechthin bezeugte ihr neues Leben in dieser ihrer Verjüngung. Worauf beruht es nun, daß den vermeintlich alleinigen Wurzeln des sittlichen Daseins, als welche Recht und Staat in Geltung stehen, in dem Begriffe der Gesellschaft eine neue,Quelle und Bürgschaft der Sittlichkeit entdeckt und den privilegierten Stützen entgegengehalten werden konnte? Recht und Staat sind zwar in unaufhörlichem Wandel und Wechsel; aber es waltet in ihnen unerschütterlich die Fiktion ihrer Beständigkeit und daher ihrer Unverletzlichkeit. Dieser an sich notwendigen Voraussetzung muß nun aber eine andere nicht sowohl entgegenals vielmehr zur Seite treten. Diese andere Voraussetzung vertritt die Idee der Gesellschaft. Sie macht aus der Not von Recht und Staat die notwendige Tugend. Gesetze und Rechte verändern sich unaufhörlich, und Staaten fallen, um an ihrer Stelle neue sich erheben zu lassen. Daß das so geschieht, ist nicht ein unvermeidlicher Nachteil, sondern es ist die Aufgabe und das begriffliche Schicksal von Recht und Staat, daß der ihnen einwohnende Begriff der Beständigkeit ergänzt werde durch den ebenso notwendigen Begriff der Veränderlichkeit. Und es ist dieser Begriff der Gesellschaft, welcher den Begriffen von Recht uhd Staat diese Notwendigkeit der Selbstverwandlung auferlegt. Und es ist ein Begriff der Sittlichkeit, der sich in diesem Begriffe der Gesellschaft entfaltet. Keineswegs ist es der Materialismus der Geschichte, sondern im genauen Gegenteil der ethische Idealismus der Kultur, welcher dem Begriffe des Sozialen diese Macht verliehen hat, zum Regenerationsprozeß aller politischen und rechtlichen Verhältnisse unaufhörlich anzuspornen. Aber wenn wir sonach den guten Sinn in unserem Problem der sozialen Ethik erkennen, so erhebt sich die zweite Frage: Wie mag es zu verstehen sein, daß in unserm Schrifttum kein Wort sich zu finden scheint für diese gemäß dem Zentralbegriffe der geschichtlichen Kultur notwendige Ergänzung und Berichtigung von Staat und Recht? Schon im Altertum, in der Stoa nämlich, regt sich der Sinn der socialitas an der societas: und unser Altertum sollte keine Spur dieser Regung erkennen lassen? Wissen wir doch, daß mannigfache Begriffe des rabbinischen Rechtes die Billigkeit gegen die Gerechtigkeit geltend machen: und für die allgemeinen Verhältnisse und Ziele der Weltgeschichte sollte unserem Schriftwesen die Perspektive der Gesellschaft gänzlich fehlen? — Wer zu dieser Einsicht gekommen ist, daß unsere Propheten in dem Messianismus den Sinn der Geschichte und in ihm das Problem der Weltgeschichte entdeckt haben, der wird es nicht zugestehen können, daß diese Triebkraft der sittlichen Welt in unserer Begriffswelt fehlen könnte. Das Gottesreich ist derjenige Begriff, der alle die sittlichen Motive in sich faßt, welche im modernen Begriffe der Gesellschaft wirksam werden. Das Gottesreich ist der Begriff, aus dem erst der Begriff der Gesellschaft seine innersten Kräfte gesogen hat. In gewaltigen Gegensätzen ringt sich, wie alles Begriffliche, so auch alles Religiöse empor; und nur in Gegensätzen vermag es sich durchzuwirken. So vereinigt der einzige Gott die Gegensätze der Gerechtigkeit und der Liebe in sich. Und so vereinigt der Mensch in seinem Verhältnis zu Gott die Gegensätze der Liebe und Ehrfurcht in sich. Ein Psalmenwort spricht dies in Lauterkeit aus: „Denn bei dir ist die Vergebung, auf daß du gefürchtet werdest" (130, 4). Nicht als der Gott der Strafe und der Heimsuchung wird Gott gefürchtet, sondern als der Gott der Liebe und der Vergebung. Solche Einigung der Gegensätze, welche Gott und Mensch bilden, vollzieht das Problem der Versöhnung, wie es das Judentum in der Grundverfassung seiner Religion darstellt. Die Versöhnung des Menschen mitlGott bleibt das ewige Problem und die stete Aufgabe des Bekenners der jüdischen Religion. Die Gegensätze bleiben und sollen bleiben; sie werden in der Versöhnung nicht etwa zur phanteistischen Aufhebung gebracht: wohl aber zum Ideal ihrer Wechselwirkung. Das Grundelement der gesellschaftlichen Gegensätze unter den Menschen bildet der Unterschied von arm und reich. In demselben Kapitel, gleichsam in einem Atem, sagt das Deutoronomium: „Denn es wird nicht aufhören der Arme inmitten des Landes" (15, 11). Aber vorher: ,,Nur daß bei dir kein Armer sein wird" (15,4). Der leitende Gedanke, nur daß bei dir kein Armer sei, setzt sich in die Zuversicht um, welche seine Wirklichkeit annimmt.

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