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Ost und West · 1914-01-01 · Heft 1 (Januar 1914) · p. Seite 65 - 66

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 1 (Januar 1914)
Article
Die Israeliten in Marokko
Date
1914-01-01
Page
Seite 65 - 66 (sequence 3)
Language
German
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65 Die Israeliten in Marokko. 66 der Nähe der für die neue Europäerstadt bestimmten Terrains, dass auch dadurch die vorteilhaftesten Aussichten für die Entwicklung seines Handels vorhanden sind. Die europäische Konkurrenz, die sich auf dem Nachbargebiet ansiedelt, zeigt den Israeliten im Mellah trotz d3S freien und loyalen Wettbewerbs auch neue Wege und Ziele; sie können von den ehrenhaften ausländischen Kaufleuten manches Gute lernen. Als unmittelbare Folge des Zuflusses der Fremden darf die Teuerung der Mieten angesehen werden. Da sie an bequemere Wohnungen gewöhnt waren als die Eingeborenen, haben sie eine Wohnung gern teurer bezahlt, um sie für sich allein zu haben und nicht mit den Nachbarn teilen zu müssen. Auch die Zerstörung des Mellah hat mächtig zur Mietssteigerung beigetragen — seit einem Jahr werden die Preise sich ungefähr verfünffacht haben. Für die Geschäftslokale ist die Hausse noch fühlbarer geworden; man streitet sich im Mellah um gute Läden. Nicht nur die Erhöhung der Mietspreise sind die Folge der neuen Epoche des Judenviertels. Audi auf allen anderen Gebieten ist alles teurer geworden, die Lebensmittel, verschiedene andere Produkte und die Arbeitslöhne. Ein Tischler, der früher mit einem Tagelohne von 4 Francs zufrieden war, verdient heute mit Leichtigkeit 20 Francs. Diese allgemeine Preissteigerung, die neuentstandenen Bedürfnisse, die man zu befriedigen sucht, die grosse Konkurrenz, zwingen die Bevölkerung von Fez zu einem Fleiss, den sie früher nicht kannte und der den Grundstein für eine Vera wirtschaftlichen Aufstiegs bilden muss. Allerdings macht seit einem Jahr der Import- Grosshandel in Geweben, Seidenstoffen, Luxusartikeln, Tee und Zucker, der stets in der Mdina von Fez von grosser Bedeutung gewesen war, eine schwere Krisis durch, denn die übliche Kundschaft der eingeborenen Stämme, die sich früher in Fez versorgt haben, ist jetzt aus verschiedenen Gründen ausgeblieben und das Absatzgebiet der Stadt hat sich dadurch bedeutend verkleinert. Glücklicherweise hat der Mellah sich im Laufe des vergangenen Jahres von den Zerstörungen erholt, die ihn zu Boden geworfen hatten. In bezug auf Sitten, Ortsgewohnheiten, Aberglauben und Gebräuchen ist die Bevölkerung des Mellah dieselbe geblieben, wie sie Ihnen in unseren früheren Berichten geschildert worden sind. An gewissen Zeichen jedoch ist bei der Jugend eine grössere; Geistesfreiheit, das Erwachen selbständiger Fähigkeiten zu beobachten. Wir dürfen hoffen, dass die Gemeinde von Fez bald vollends den Weg des Fortschritts beschreiten wird. Ende 1912 erhielt der Mellah eine Gemeindeverwaltung von 6 gewählten und drei ernannten Beamten. P>ie ersten Wahlen hatten im Monat September stattgefunden. Der Wahlkörper bestand aus fünfzig Notabein, die vordem den Maamad der Gemeinde gebildet hatten. Die Beschränkung des Wahlrechts auf die Personen, denen bisher die Sorge für das Wohl des Mellah obgelegen hatte, war sehr angezeigt und vernünftig. Die sechs gewählten Notabein, von denen z^vei die Funktionen von Nadirs der israelitischen Habus annahmen, erfreuten sich der allgemeinen Beliebtheit. Die Bevölkerung setzt all ihr Vertrauen *mf diese Behörde und erhoffte von ihrer Verwaltung Ordnung und Gerechtigkeit. Man'übertrug den Vorsitz der Gemeindevertretung dem Pascha der Stadt, Caid Mohamed Bagdadi, Offizier der Ehrenlegion, der an seiner Stelle seinen Grosskalifen Hadj Driss ben Abd Ilil abordnete. Dieser Beamte hat in der Handhabung seines Amts den grössten Takt in bezug auf die Israeliten bewiesen. Das Amt eines Schatzmeisters wurde nach dem Wortlaut der konstituierenden Statuten Ihrem Direktor in Fez übertragen, und zwar mit einer beratenden Stimme. Die Stadträte des Mellah haben es sich zur Ehre gemacht, das ihnen anvertraute Mandat mit Würde auszuüben. Sie kamen fleissig zu den Sitzungen und waren bemüht, die lokalen Fragen ohne Rücksicht auf persönliche Interessen zu beraten. Die von ihnen geleistete Arbeit war recht bedeutend. In folgendem gebe ich, nach dem Datum geordnet, einige der wesentlichsten Entscheidungen, die zur Beratung gestanden hatten: 1. Sitzung vom 7. Oktober 1912. Einführung der öffentlichen Beleuchtung für den Mellah. Die Stadtvertretung beschliesst die Anschaffung von ungefähr hundert Petroleumlampen. 2. Sitzung vom 14. Oktober 1912. Neueinrichtung der Verwaltung der israelitischen Habus. Die Einrichtung der Habus im Mellah ist schon sehr alt. Unter Habu-Besitz versteht man die von frommen Leuten der Gemeinde vermachte Spenden, deren Revenuen zum Besten der Armen verwendet werden sollen. Dieser Besitz besteht in Immobilien, die weder verkauft noch mit Hypotheken belastet werden dürfen. Andererseits hatte die Gemeinde in früherer Zeit einzelnen ihrer Mitglieder die Erlaubnis erteilt, etliche ihr im Mellah gehörenden Terrains unter der Bedingung zu erwerben, dass sie ein Drittel der darauf erbauten Häuser den Habus geben. Auf diese WTeise ist ein ganzer Teil des Mellah „habusiert" worden. Auch unsere Schule ist ein Habu-Haus. Die Habus besitzen augenblicklich ein Immobilienvermögen von nach meiner Schätzung 400 000 bis 500 000 Pesetas. (Die bisherigen Einkünfte müssen rund 27 000 Pesetas betragen.) Leider hat es früher und bis in die neueste Zeit grosse Unordnung in der Verwaltung des Habu- Besitzes gegeben. Einige Häuser waren verkauft, andere hypotheziert und der Erlös schlecht verwendet worden. i Die Stadtverwaltung sollte sich dieser Sache annehmen und die Verwaltung der Habus unter ihre Obhut nehmen. Zwei ihrer Mitglieder wurden zu ,,Nadirs" ernannt. Sie sind mit der Vermietung der Häuser, mit den Reparaturen und mit der Verteilung der Hilfsgelder betraut. Der Schatzsekretär übernimmt die Verantwortlichkeit dieses Dienstes. In einem Jahr ist es möglich gewesen, eine Liste aller Besitztümer der Habus aufzustellen, was vordem niemals geschehen war; einen Teil der alten Schulden abzutragen; die bei der Plünderung demolierten Häuser wieder aufzubauen und neue Bauten zu errichten. Die allgemeine Mietssteigerung im Mellah hat auch diese Einnahmen vermehrt und die aufmerksame und ehrliche Vertretung hat ihre Verschwendung verhindert. Wir haben zum Abschluss des Budgetjahrs der Hb aus am vergangenen 30. Nissan in einem Anschlag an allen Synagogen eine genaue Aufstellung der Einnahmen und Ausgaben des Jahres bekanntgeben können, jedermann konnte die Fortschritte feststellen. Nach altem Brauch zahlt die Kasse der Habus den Dajanim ein Gesamtgehalt von 3000 bis 4000 Pesetas.

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