Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1914)
- Article
- Die Israeliten in Marokko
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 63 - 64 (sequence 2)
- Language
- German
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63 Die Israeliten in Marokko. 64 Es wäre deshalb für Fez sehr angezeigt, die Anregung zu Handarbeiten zu geben. Alle Schüler, die den Schulkursus bis zum Schluss absolviert haben, haben durch meine Vermittelung angemessene Stellungen gefunden, zum Teil im Credit foncier und in den angesehensten Geschäftshäusern der Stadt. Andere sind beim französischen Postamt, beim Militärlazarett und bei verschiedenen anderen Behörden untergebracht worden; überall ist man mit ihrem Fleiss, ihren Fähigkeiten und ihren Kenntnissen so wohl zufrieden, dass jedes neubegründete Geschäftshaus, jede neu einzurichtende Verwaltungsbehörde Beamte von uns erbittet. Sie gelangen sehr schnell zu Monatsgehältern zwischen 150 und 250 Francs. Viele unserer früheren Schüler treiben ihre Geschäfte in den Kasernen und haben im Mellah Läden aufgemacht. In dieser Beziehung ist seit dem vorigen Jahre ein ungeheurer Fortschritt zu verzeichnen. Früher hat die in unseren Schulen ausgebildete Jugend nicht so schnell dazu gelangen können, ihre Kräfte zu brauchen und ihre Kenntnisse auszunutzen: die jungen Leute vegetierten im Mellah, heirateten ziemlich jung und stiegen vielfach sehr bald zu dem geistigen Niveau herab, über das die Schule sie erhoben hatte. Heute entfaltet diese Jugend die grösste Tätigkeit und sieht ein weites Arbeitsgebiet vor sich: auch haben die Gebräuche sich geändert und vorzeitige Heiraten gehören nur zu den Ausnahmen. Die Haupttätigkeit, die unseren jungen Leuten jetzt offen steht und für die sie geeignet sind, ist der Handel. Die Gründe, die früher den jungen Israeliten den Zugang zur Erlernung der Gewerke verschloss, bestehen nicht mehr, und ich hoffe, eine Anzahl unserer ausgelernten Schüler dem Handwerk zuzuführen. Einige gute europäische Handwerker, Tischler, Sattler und so weiter haben sich bereits in Fez niedergelassen, und ich denke, es wird mir nicht schwer fallen, einige Lehrlinge bei ihnen unterzubringen. Auf meine Anregung hat sich vor einigen Monaten ein Verein ehemaliger Schüler gebildet; er hat schon ein eigenes Lokal und ist im Begriff, sich eine Bibliothek anzuschaffen. Wenn dieser Verein gut geleitet wird, ist er dazu bestimmt, dem Mellah grossen Vorteil zu bringen. Er steht noch in seinen ersten Anfängen und hat vorläufig erst gegen dreissig Mitglieder. Ich werde diesen Verein für ein sehr bescheidenes Lehrlingswerk interessieren, das wir beim nächsten Schulschluss gemeinsam organisieren wollen. Auch von der allmählichen Annahme der europäischen Tracht im Mellah muss ich Ihnen berichten. Die jungen Leute haben die Anregung dazu gegeben. Wie sie mir eingestanden haben, empfinden sie ein gewisses Unbehagen, wenn sie ich in ihrer Kleidung von den Europäern unterscheiden, mit denen sie in Geschäftsverbindung stehen, und fürchten dieser Kleidung wegen nicht für voll angesehen zu werden. Ich kann sie auf diesem Wege nur ermutigen, denn die Annahme der europäischen Tracht bedeutet mehr als nur eine äusserliche Veränderung. Wenn die jungen Leute mit dem Kostüm nicht auch gewisse unangenehme Gewohnheiten und Neigungen ihrer Vorbilder annehmen wollten, zu denen sie nur zu grosse Lust haben, wäre ich vollständig zufrieden. Ich will hier nicht noch einmal auf die" Ereignisse vom 17. April 1912 und auf die Arbeiten der Hilfskommission zur Heilung des beklagenswerten Zustand es der Juden nach jenen schrecklichen Tagen zurückkommen. Ich möchte nur die Fortschritte verzeichnen, die sich seitdem vollzogen haben, Fortschritte, die zum grossen Teil dem heilsamen Einfluss der Zeit zuzuschreiben sind, die wenigstens in etwas die grausamen Wunden heilt, und auch den Verhältnissen, die dem Mellah besonders günstig gewesen sind. Für die wirtschaftliche Entwicklung des Mellah waren mehrere Faktoren von grossem Einfluss: der Durchbruch eines neuen Zugangstors, die Nachbarschaft der französischen Lager von Dhar Dhibag und Dhar Mahres, die durch Enteignung erlangte Verbreiterung der Hauptstrasse des Mellah und der Zufluss von Europäern, die sich in der Mehrzahl im Judenviertel zusammenfinden, weil dieses zurzeit das einzig bewohnbare ist. Wenn-man den Mellah zu Beginn des Jahres 1912 gesehen hat, erkennt man ihn heute kaum wieder. Es ist nicht mehr der enge Schacht, in dem jede Zirkulation unmöglich ist, wo zwei Lasttiere nicht aneinander vorübergehen konnten und wo an manchen Stellen zwei nebeneinanderstehende Häuser mit gemeinsamem Dach die Strasse sperrten, die bereits durch die Anhäufung übelkeiterregenden Schmutzes fast unpassierbar war; man hat nicht mehr den Eindruck einer durch ein furchtbares Naturereignis zerstörten Stadt, den sie am Tage nach jenem 17. April dem erschreckten Besucher bot. Die Strasse hat sich in ihrer ganzen Länge auf ungefähr 7 Meter verbreitert und bietet jetzt den Fussgängern, Reitern und Automobilen bequemen Verkehr; den Europäern mag sie ja jetzt noch ziemlich eng erscheinen, aber welcher Unterschied gegen die 2—3 Meter Breite der vorhergehenden Zeit! Von allen Seiten können jetzt Sonne und Licht hineinscheinen, das bedeutet die Gesundheit für das Judenviertel. Die mehrmals täglich besprengte, gefegte und gereinigte Strasse zeigt nicht mehr den traurigen Zustand, den wir an ihr gekannt haben. Oie Hausbesitzer sind durch die Enteignungsgelder in den Stand gesetzt worden, ihre Häuser wieder aufzubauen. Mit einigen Ausnahmen sind die während der Plünderung zerstörten Gebäude wieder aufgebaut oder im Neubau begriffen, die Erdgeschosse sind von grossen Verkaufsläden besetzt, die der Strasse das Ansehen einer Geschäftsstrasse geben. An einzelnen Stellen haben sich Cafes aufgetan. Der Strassenverkehr ist ausserordentlich gross. Ausser der jüdischen Volksmenge kommen auch alle Leute, die sich aus der arabischen Stadt in das Soldatenlager he-t geben und von dort zurückkehren, durch den Mellah: Händler, Handwerker, Spaziergänger, Offiziere und Soldaten, Strassenverkäufer und viele Wagen und Automobile kommen vorüber, denn es ist der kürzeste und amüsanteste Weg. Die Ladeninhaber ziehen den grössten Vorteil von diesem lebhaften Verkehr, denn jeder Passant ist in'gewissem Sinne ein Käufer. Um allen Anforderungen zu genügen, entstehen im Mellah neue Geschäfte, die hier früher unbekannt waren: Spezereiwarenhandlungen, die alle Lebensmittel und besonders alle Getränke führen, Papier- und Konfektionsgeschäfte, Quincaillerien und andere Luxusläden. An einem Ende des Mellah liegt ein grosser Platz, der von Kaffeehäusern umgeben ist und als Abendpromenade benutzt wird. Das wird später der Hauptgeschäftsplatz sein. Hinter diesem Platz befinden sich die uns zugestandenen Terrains, die demnächst von einem neuen, zu Wohnzwecken dienenden Stadtteil bebaut sein werden und ungefähr tausend Personen werden beherbergen können. Das Judenviertel hat eine so ausnahmsweise günstige Lage in