Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1914)
- Article
- Die Israeliten in Marokko
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 67 - 68 (sequence 4)
- Language
- German
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67 Die Israeliten in Marokko. 6' 3. Sitzung vom 28. 0 k t o b e r. Organisation des Reinigungsdienstes im Mellah. Fortschaffung der Wirtschaftsabfälle mit" Hilfe von Karren, Ausfegen und Begiessen der öffentlichen Strassen. Ein Beamter wird an die Spitze des Beleuchtungs- und Reinigungsdienstes gestellt. Ein zu diesem Zweck ausgearbeitetes Reglement setzt die Massnahmen für solche Anwohner fest, die Schmutz auf die Strasse werfen. 4. Dieselbe Sitzung. Organisation einer städtischen Poliklinik nebst Apotheke. Nach einem ersten Versuch des Herrn Dr. Klein, der aus Gesundheitsrücksichten von Fez abreisen musste, ist diese Poliklinik heute bestens organisiert und befindet sich unter der Leitung des Herrn Dr. Bruneau, der dem Mellah seitens der Residentschaft empfohlen worden war. Herr Dr. Bruneau hat sich in kurzer Zeit das Vertrauen und die Sympathie der israelitischen Bevölkerung zu erwerben verstanden, was bei seiner Hingabe, seinem sanften Charakter und der ausserordentlichen Fürsorge für seine Kranken nicht zu verwundern ist. Die Poliklinik ist provisorisch in einem Haus der Keschla des Djebala untergebracht und soll später dank dem vom Zentralkomitee der Alliance bewilligten Kredit von 40 000 Francs neu erbaut werden. Sie leistet der jüdischen Bevölkerung vorzügliche Dienste und wird von der Stadt mit jährlich 6000 Pesetas unterstützt. Alle übrigen Kosten bestreitet das Protektorat. 5. Sitzung vom 11. November 1912 Aenderung des Abfuhrsystems des Mellah und Neubau eines grossen Sammelkanals. 6. Dieselbe Sitzung. Zum Austausch gegen den alten Friedhof der Keschla des Djebala hatte der Sultan Muley Hassan dem Mellah ein neues Terrain für einen Friedhof zugesagt. Auf einem Teil dieses Terrains hatte sich später der Stadtteil Nouail angesiedelt. In Folge von ungesetzlichen Verkäufen und Missbräuchen behaupteten einzelne Privatpersonen, dass wesentliche Parzellen dieses Terrains ihnen gehörten und führten auch auf diesen Gebieten verschiedene Bauten auf. Da dieses Terrain aber unbestreitbarer Besitz der Gemeinde war, beschloss die Verwaltung, ihr Recht geltend zu machen. Sie zwang die Inhaber der Parzellen im Stadtteil Nouail, den Wert des Bodens zu bezahlen und lieferte ihnen danach die Besitztitel aus. Dieses Verfahren ist heute beinahe beendet und wird ohne viel Widerstreben und, was noch besser ist, ohne jeden Prozess der Gemeindekasse die Summe von beinahe 100 000 Pesetas zuführen, die im Jahre 1914 zahlbar sind. 7. Sitzung vom 18. N o v e m be r 1912. Bau eines öffentlichen Schlachthauses, das ausgiebig mit fliessendem Wasser und mit dem nötigen Material zur hygienischen Behandlung des Fleisches versehen ist. Der Bau dieses Schlachthauses wurde auf dem Wege der Submission vergeben und ist^ bereits seit zwei Monaten in Betrieb. j(8. Sitzung v o m " 25. Nove m'b e 1912. Begründung einer Standesamtsliste (Geburten,^ Heiraten, Sterbefälle) mit der allgemein gültigen' Verpflichtung, alle vorgesehenen Erklärungen abzugeben; Verhinderung der vorzeitigen Heiraten durch Feststellung des Minimalalters der zukünftigen Eheleute. Ich brauche nicht darauf hinzuweisen, wie wohltätig diese Reform wirken wird und wie notwendig siegewesen ist. 9. Dieselbe Sitzung. Begründung einer städtischen Polizei. Diese Polizeikörperschaft besteht aus 8 Beamten, algerischen und marokkanischen Mohammedanern; je 4 Personen bilden eine Brigade, die von je einem Vorgesetzten geleitet wird. Die Männer tragen Uniform und stehen unter dem direkten Befehl der Gendarmerie und des Nai'b vom Mellah. Diese Polizei leistet dem Stadtteil sehr grosse Dienste, hält die Ordnung aufrecht, bewacht den Getränke-Ausschank, die öffentlichen Häuser und Mädchen; sie sichert die Ausfübnmg der städtischen Verfügungen. 10. Dieselbe Sitzung. Um den Verkauf und den Verbrauch von Alkohol zu vermindern, hat die Stadtverwaltung den Schänken eine bestimmte Monatssteuer auferlegt. Sie verbietet ebenfalls sämtliche Geldspiele. 11. D i e s e 1 b e S i t z u n g. Es wird ein Reglement zur Ueberwachung der unter Kontrolle stehenden Mädchen und gegen die Verbreitung ansteckender Krankheiten veröffentlicht. 12. Sitzung vom 2. Dezember 1912. Die Behörde trifft Massregeln gegen das Vagabondieren der schulpflichtigen Kinder und der jungen _Leute, die in die Lehre gehören. 13. Sitzung vom 23. D e z e m b e r. Die Stadtbehörde beschliesst, dass ein Katasterplan des Mellah aufgenommen und ein Hypothekenregister eingerichtet werden soll. - 14. Sitzung vom 19. März 1913. Die Behörde beschäftigt sich mit der Wohnungskrise im Mellah und bringt ca. 100 obdachslose jüdische Familien in der Kesba de Djebaba unter. {j 15. Sitzung vom 3. April 1913. Sie verlangt von den Hausbesitzern im Mellah, dass das Innere ihrer Häuser mindestens einmal jährlich mit Kalk geweisst und dass die Synagogen mindestens einmal wöchentlich gründlich gescheuert werden. 16. Sitzung vom 19. Mai 1913. Die Behörde beschliesst den Bau einer Umschliessungsmauer um den Friedhof, weil dieser Ort früher vielfach dem ganzen Stadtteil als Schmutzablage und den jungen Leuten als Stelldichein diente. Alle diese Beschlüsse der Stadtbehörde und alle ihre Beratungen werden in ein besonderes Register eingetragen, das vom Präsidenten unterschrieben und vom Bezirkskommandeur gegengezeichnet wird. Ich habe Ihnen nur die wichtigsten Beschlüsse der Stadtbehörde des Mellah gemeldet. Beim Nachlesen des Diskussionsbüchleins bemerkt man mit Erstaunen, dass die Behörde sich mit grösstem Eifer mit allen Kundgebungen des öffentlichen Lebens beschäftigt, die geringsten Einzelheiten beachtet und alle Interessen der Bevölkerung sich zu Herzen genommen hat. Bei allen ihren Beschlüssen hat sie sich von aufrichtigem Pflichtgefühl und von dem Wunsch leiten lassen, stets unparteiisch und nutzbringend zu handeln.