Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1914)
- Article
- Die Israeliten in Marokko
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 61 - 62 (sequence 1)
- Language
- German
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61 62 WNNW"'"""W/I MITTEILUNGEN ™ des Central-Comifesder ffl AIlianceJsrd^liteUniverselle ma m o^my i^eau des Central Comites:Paris.zt5.RuelaBruyere b«"lty Deutsches Bureau. Charlottenburg.Grolman Sir-' DIE ISRAELITEN IN MAROKKO. Direktor Elmaleh der Allianceschulen in Fez hat kürzlich dem Zentralkomitee einen Bericht übersandt, der für unsere Leser grosses Interesse haben dürfte. Er schreibt: Seit meinem letzten Bericht hat es im Mellah von Fez bedeutsame Ereignisse und wichtige Umwandlungen gegeben. Das Jahr 1912—1913 bezeichnet einen bedeutenden Umschwung in der Geschichte Marokkos und in der Geschichte der Juden im Mellah. In letzter Zeit habe ich Ihnen wiederholt berichtet, dass in den Sinn der jüdischen Bevölkerung von Fez ein neuer Geist in bezug auf unsere Schulen und die weltliche Bildung überhaupt eingezogen ist. Nach der gebräuchlichen Anschauung durfte diese früher nur einen unwesentlichen Teil bei dem Unterricht der Knaben und gar keinen in der Erziehung der Mädchen einnehmen. Viele Leute glaubten irreligiös zu handeln, wenn sie ihre Söhne andere als hebräische Studien treiben Hessen. Die Notwendigkeit einer allgemeinen Bildung hat sich erst allmählich bei der grossen Masse Bahn gebrochen. Seitdem im Mai 1911 die ersten französischen Truppen hier eingezogen waren, hat die jüdische Bevölkerung von Fez, die vorher den erzieherischen und sittlichen Wert der Schule nicht einsehen wollte und nur ganz greifbare Erfolge gelten lässt, erkannt, dass nur solche junge Leute von der neuen Geschäftsbewegung profitierten, die die französische Sprache beherrschten und allgemeinen Unterricht genossen hatten, also unsere ehemaligen Zöglinge! Ein Beispiel hat die Gemüter besonders überzeugt, das Beispiel von zwei jungen Associes im Mellah, die im Zeitraum von zwei Jahren, vom Mai 1911 bis zum heutigen Tage, ini Handelsverkehr mit der Militärintendanz ein richtiges kleines Vermögen erworben haben. Alle Kaufleute im Mellah, die etwas Vermögen haben und es nicht richtig anzuwenden verstehen, kurz alle Arbeiter, die als Kinder nicht in die Schule gegangen sind, weil ihre Eltern es nicht zugelassen haben, beklagen jetzt ihre Unbildung und fühlen sich unfähig, an der steigenden Tendenz der Geschäfte teilzunehmen. Mit Neid müssen sie zusehen, wie die in der Schule vorgebildete Jugend überall den ersten Platz im Geschäftsleben der Stadt einnimmt und sie selbst in den Hintergrund drängt. Heute wissen sie die Bedeutung dieses Unterrichts zu Vwürdigen, den sie früher verschmäht haben, und haben den Wunsch, dass ihre Kinder in Zukunft besser gerüstet sein sollen als sie selbst. Daher kommt es, dass im allgemeinen der Schulunterricht bei den Juden im Mellah in grösserer Gunst steht, abgesehen von den voreingenommenen Familien, die nicht sehen und nicht begreifen wollen. Jetzt interessieren die Eltern sich für die Fortschritte ihrer Kinder, die ihnen viel zu langsam scheinen; ihrem neuerweckten Eifer geht es nicht schnell genug, der notwendig langsame und planmässige Fortschritt macht sie ungeduldig. Auch der Besuch der Mädchenschulen hat grosse Fortschritte gemacht. Trotzdem halten viele Eltern immer noch den Unterricht der Mädchen für einen richtigen Luxus, und sie schicken ihre Kinder weniger des Unterrichts wegen in die Schule, als um sie für ein paar Stunden nicht beaufsichtigen zu müssen. Mit grosser Freude kann ich Ihnen berichten, dass die Mädchenklassen einen ungemein angenehmen und lieblichen Anblick gewähren, dank der peinlichen Sauberkeit der Schülerinnen, ihrer einfachen netten Frisuren und ihrer graziösen Haltung. Schon im Alter von sechs Jahren lernt das Mädchen die Achtung vor der eigenen Person, die Reinhaltung des Körpers und daraus entwickelt sich die allgemeine moralische Hebung. Selbst die Kleidung unserer Schülerinnen hat eine Wandlung erfahren: sie haben allmählich und ohne jeden Druck von Seiten ihrer Lehrerinnen die Landestracht der Eingeborenen abgelegt, die aus ihnen zwerghafte Frauen gemacht hatte, und haben, wenn auch nicht europäische Tracht, so doch eine Kleidung gewählt, die sich mehr dem eigentlichen Kinderkleid als dem Gewand der Eingeborenen nähert; ihre Bewegungen sind dadurch graziöser und schmiegsamer und ihr Betragen freier geworden; sie haben sich an Hemd, Höschen und Strümpfe gewöhnt, die sie vor unserer Ankunft überhaupt nicht kannten. Der schwere Kopfputz der Eingeborenen, der „Hantous", den die Mädchen von ihrem fünften Jahre ab trugen, der aus schwarzer Seide über Pappe gearbeitet ist und mit einem Seidentuch bedeckt wird, hat jetzt den einfachen Haarzöpfen Platz gemacht, die mit einem Band zusammengebunden werden. Ausser der Schule gäbe es noch eine moralisierende und befreiende Macht für die hiesigen Frauen: das ist die Handarbeit. In Fez arbeitet die Frau sehr wenig. Sie braucht ihre Finger nur für die Arbeiten des Haushalts. Wenn sie wohlhabend ist und Dienstboten hat, bleibt sie müssig und leidet an den notwendigen Folgen des Müssiggangs, an Ueb er ernähr ung und dem Missbrauch der geistigen Getränke. Es gibt natürlich auch Arbeiterinnen im Mellah, solche, die für sich selbst und für ihre Kinder sorgen müssen, Wäscherinnen, Arbeiterinnen in seidenen Knöpfen und Maschinennäherinnen; diese aber können nicht zuschneiden; das Zuschneiden, auch der Frauenkleider, wird nur von Schneidern besorgt.