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Ost und West · 1914-01-01 · Heft 1 (Januar 1914) · p. Seite 33 - 34

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 1 (Januar 1914)
Article
Nachwort der Redaktion
Date
1914-01-01
Page
Seite 33 - 34 (sequence 5)
Language
German
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33 Nachwort der Redaktion. 34 einer frischen, durch keine Erfahrung getrübten Munterkeit, die etwas Jugendliches an sich hatte. Die Leiter des Hilfsvereins waren denn auch die ersten, die die jüdischen Angelegenheiten mit der „hohen" Politik verquickten, ja, sie direkt in den Dienst dieser letzteren stellten. Einsichtigere Leute, die aus Geschichte und eigener Erfahrung genau wußten, was schon der Talmud lehrte, daß die großmächtigen Herren „sehr freundlich mit uns tun, solange sie sich Nutzen von uns versprechen, aber nicht daran denken, uns in der Not beizustehen", schüttelten die Köpfe ob dieser neuartigen Methoden, hatten aber keine Befugnis, der Sache zu steuern — zumal keiner den guten Willen der Herren in Zweifel ziehen mochte. — Aber Pflicht der Zionistenführer war es, sich von kleinen Scheinvorteilen nicht ködern zu lassen und genau zu erwägen, wohin der Weg führte, den die Leiter des Hilfsvereins beschritten haben, bevor sie sich von diesen als Vorspann gebrauchen ließen. Inzwischen ist es dahin gekommen, daß die Ansiedlung jüdischer Kolonisten in Palästina und alle Bemühungen der Juden, in dem Lande ihrer Väter festen Fuß zu fassen, sich dort ein Feld ehrlicher Arbeit zu schaffen, von der eingeborenen Bevölkerung, aber auch von den Engländern, Franzosen und Amerikanern verdächtigt werden, im Dienste des Expansionsdrangs Deutschlands zu stehen. Von zahllosen Tatsachen sei hier nur eine hervorgehoben. Als vor nicht langer Zeit eine Gruppe russischer Juden in Rapha an der palästinensischägyptischen Grenze Boden zu kolonisatorischen Zwecken erworben hatte, verweigerte Lord Kitchener die Bestätigung des Kontraktes, mit der ausdrücklichen Motivierung, daß er an der ägyptischen Grenze keine „Agenten des Deutschen Reichs" dulden könne! Russische und polnische Juden, die sich als Bauern im Orient niederlassen wollen, sind also in den Augen des englischen Gewalthabers politische Agenten des Deutschen Reichs! Man kann von englischen Politikern auf Schritt und Tritt diese Meinung hören, und sie erstreckt sich auf den Zionismus und sämtliche Bestrebungen der Juden im Orient im allgemeinen. Die schauvinistischen Franzosen und die Amerikaner bleiben nicht zurück, und jetzt kommt auch die russische Presse hinterdrein! Einzig und allein das Verhalten des Hilfsvereins hat das verschuldet. Die Kolonisationstätigkeit der Juden in Palästina wurde im Orient sowohl als auch in Westeuropa mit Wohlwollen betrachtet. Dem Lande brachte sie nur Segen, und keinem fiel es ein, von ihr politische Komplikationen zu befürchten. Die Judenstaatschimäre der Zionisten trübte keinem die Nachtruhe. Das war anders geworden, seitdem der Hilfsverein die ganze Bewegung in das politische Fahrwasser immer mehr und mehr zu drängen bemüht war. Jetzt werden die jüdischen Kolonisationsbestrebungen in Palästina, ja in einem gewissen Sinne sogar der Zionismus, als „alldeutsche Machination" verschrien, die Juden gelten als „politische Agenten" Deutschlands, als Vortruppen der alldeutschen Invasion, der wirtschaftlichen und politischen Eroberung Vorderasiens durch das Germanentum, welche von alldeutschen Politikern unablässig mit Feuerzungen gepredigt wird. Die jetzigen Vorgänge in Palästina werden diese Stimmung nur in hohem Grade verstärken, und es ist gar nicht zu ermessen, welche Gefahren dies für die Palästinaarbeit mit sich bringen kann. Müssen wir abermals wiederholen, was wir hier vor einem Jahre geschrieben haben: „Hat irgendeine Organisation ein Verfügungsrecht über die Juden im Orient und darf sich herausnehmen, sie der Interessensphäre Deutschlands oder einer anderen europäischen Großmacht anzugliedern? Oder ist es Aufgabe einer jüdischen Kulturorganisation, für die deutschen, französischen, englischen, österreichischen Handels- oder politischen Interessen zu sorgen? Kann sich denn der Patriotismus nicht anders betätigen und ausleben, als indem er die Haut der Juden ferner Länder zu Markte trägt, sie in die politischen Welthändel und Intriguen hineinzieht und unabsehbare Gefahren über sie heraufbeschwört? Soll d as die vielgerühmte jüdische Solidarität sein?« (»Ost und West^' 1912, S. 801.) Das Tragikomische an der Sache ist, daß das jüdische Kolonisationswerk nirgends grimmigere Neider und Hasser hat, als in den Kreisen der Alldeutschen, als deren „Agenten" die palästinensischen Juden sowohl von den Arabern als von den Franzosen und Engländern angesehen werden. Wer die alldeutsche Literatur und Presse verfolgt, weiß dies zur Genüge. In der Nummer 7 der Berliner Zeitschrift „Kolonie und Heimat" (Ausgabe A) kann man unter der Ueberschrift „Deutsche Arbeit im Ausland; Apfelsinenkultur in Palästina", einen heftigen Ausfall gegen die Juden lesen, die dort Boden erwerben und sich als Pflanzer niederlassen. Die in Palästina ansässigen Deutschen betätigen den in ihrer alten Heimat blühenden praktischen Antisemitismus und propagieren ihn auch unter den Arabern und Türken! Auch im Land ihrer Väter dürfen die Juden kein ruhiges Plätzchen finden . . . Man wird also die Auflehnung der palästinensischen Juden wohl begreifen, die sich mit aller Energie dagegen wehren, den Anschein nur noch zu verstärken, als wirkten sie im Dienste alldeutscher Eroberungspolitik, und so den Haß sowohl der Eingeborenen als auch anderer europäischer Machtfaktoren auf sich zu laden und die Arbeit ganzer Jahrzehnte, auf die alle Hoffnung gesetzt wurde, in Gefahr zu bringen.

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