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Ost und West · 1914-01-01 · Heft 1 (Januar 1914) · p. Seite 17 - 18

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 1 (Januar 1914)
Article
Die "Fremdenfrage"
Date
1914-01-01
Page
Seite 17 - 18 (sequence 5)
Language
German
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17 Fabius Schach: Die „Fremdenfrage". 18 tum bekleiden, in erster Reihe die heilige Pflicht, die jüdische Ehre zu schützen? All die vorgebrachten, Gründe gegen die ausländischen Juden zeigen, wie wenig man sie kennt. Die Oberflächlichkeit neigt ja immer zu schabionisieren oder das Wort an Stelle des Begriffes zu setzen. Man hat auch für alles Törichte und Ungerechte noch immer Gründe gefunden. Man muß ihnen daher, wie überflüssig es auch scheinen mag, kritisch entgegentreten. Da wird zunächst der Gegensatz der Kultur hervorgehoben. Die Juden des Ostens besäßen eine andere Kultur und dürften daher nicht über das Schicksal der jüdischen Gemeinde entscheiden. Es scheint aber, als wenn die Leute die Begriffe Kultur und Zivilisation nicht auseinander zu halten vermögen. Sonst könnten sie diese wunderliche Behauptung nicht aufstellen. Kultur bezeichnet, einen Grad der inneren Entwicklung, das geistige Milieu, Zivilisation dagegen die Gesittung, die Verfeinerung der äußeren Lebensformen. An Kultur hat es den Juden des Ostens nie gefehlt, wohl aber hie und da an Zivilisation. Die Juden des Ostens besitzen vor allem eine jüdische Kultur, und von der sollten wir als Juden nicht gering denken. Aber es handelt sich ja hier nur um diejenigen Juden des Ostens, die bereits bei uns leben, häufig seit Jahrzehnten leben, und diese haben meistens auch die westeuropäische Zivilisation längst angenommen. Das Ganze aber wird schon hinfällig, wenn man an den eigentlichen Beruf der jüdischen Gemeinde denkt. Die jüdische Gemeinde hat die Bestimmung, das religiöse Leben zu erhalten und das jüdische Wissen zu fördern. Da hat doch nur das Verhältnis zum Judentum und nicht die Zivilisation mitzusprechen. Die jüdische Gerne indeistfürallejudenda, und jeder Ju|de muß darin sein Interesse, aber auch sein Recht betätigen können. Man hat ferner gesagt, die Ausländer seien mitunserenVerhältnissenunbekannt und können daher nicht ihre Wahl zum Segen der Gemeinde betätigen. Auch das klingt vernünftig, und ist doch in Wirklichkeit weit davon entfernt, es zu sein. Stellt man sich auf den Standpunkt, daß erst die genaue Vertrautheit mit den Gemeindeverhältnissen das Recht gibt, mitzusprechen und zu entscheiden, nun dann führe man eine Wartezeit ein, — aber gleichmäßig für neuhinzugezogene Inwie Ausländer. Es macht doch wirklich keinen Unterschied, ob man in Eydtkuhnen oder Kibauty geboren ist, oder ob man zufällig naturalisiert wurde oder nicht. Gehört wirklich für den Ausländer ein so langes und tiefes Studium dazu, um in die Mysterien des deutschen Gemeindelebens einzudringen? England und Amerika verleihen nach fünfjährigem Aufenthalt das volle Bürgerrecht. Jüdische Gemeinden aber wollen erst nach zehn Jahren das beschränkte Wahlrecht einräumen. Man braucht nur die beiden Tatsachen nebeneinander zu stellen, um zu erkennen, wie absurd diese Zumutung ist. Als letztes und psychologisch wohl wichtigstes Argument wird bald versteckt, bald offen angeführt, daß unter diesen Ausländern viele Zionisten sind. Nun trifft das gar nicht immer zu. Die ausländischen Juden sind wohl ihrer Gesinnung nach zumeist nationaljüdisch, aber sie stehen häufig den zionistischen Bestrebungen unsympathisch gegenüber. Aber selbst, wenn sie alle Zionisten wären, ist das ein Grund, um ihnen mit Ungerechtigkeit zu begegnen? Man braucht nicht gerade für den Zionismus zu schwärmen, um objektiv darüber zu denken. Die Zionisten haben wie jede andere Richtung ihre Fehler und Tugenden. Gewiß hat die zionistische Bewegung in Deutschland manche überflüssige Verbitterung hervorgerufen. Wer aber mag es leugnen, daß die Zionisten ein belebendes Element bilden, und daß sie uns einen Teil der beinahe verlorenen Jugend wiedergewonnen haben. Man vergleiche in Berlin die heutige jüdische Jugend mit der von vor fünfzehn Jahren, und man wird der zionistischen Bewegung große Verdienste auf diesem Gebiete nicht absprechen dürfen. Die Zionisten haben auch, wenn auch nicht durch ihre großen Worte, so doch durch ihre bloße Existenz, die Notwendigkeit der jüdischen Kolonisation den meisten Juden aufgedrängt. Vielleicht geschah es aus Konzession, vielleicht auch nur als Abwehrmittel, aber jedenfalls ist der Fortschritt zu verzeichnen, daß die jüdische Kolonisation Palästinas heute keine Gegner mehr in den jüdischen Reihen hat. Noch vor zwanzig Jahren war dieser Gedanke in Deutschland sehr unpopulär, ja, manchem erschien er direkt ketzerisch. Und vor allem muß anerkannt werden, daß die Zionisten allen denkenden Juden die Ueber zeugung vonder Existenz einer Juden frage beigebracht haben. Es ist bei den Zionisten genau wie bei den Sozialdemokraten: Der Zukunftsstaat wie der Judenstaat ist eine Utopie, aber die Sozialisierung des Lebens, die Hebung des Selbstbewußtseins, die Vertiefung des jüdischen Empfindens, das sind kulturell und sittlich große Errungenschaften. Wenn die Judenheit den Sauerteig der Völker bildet, so ist der Zionismus der Sauerteig des Judentums. Als Ferment der Gährung ist der Zionismus heute gar nicht zu entbehren. In Westeuropa, wo die Judenheit immer träger und blasierter zu werden beginnt, da muß es etwas Gährendes geben, um den Beharrungsprozeß zu unterbrechen. Die Fehler werden mit der Zeit schwinden und aus der Gährung wird früher oder später gesundes Leben hervorgehen. Sieht man die Welt und ihre Erscheinungen nicht mit der blauen Parteibrille an, dann fällt es nicht schwer, auch dem Zionismus gegenüber ohne Fanatismus und ohne Engherzigkeit Stellung zu nehmen. Kein Zionist hat An-

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