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Ost und West · 1914-01-01 · Heft 1 (Januar 1914) · p. Seite 15 - 16

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 1 (Januar 1914)
Article
Die "Fremdenfrage"
Date
1914-01-01
Page
Seite 15 - 16 (sequence 4)
Language
German
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15 Fabius Schach: Die «Fremdenfrage" 16 Steuerleistung das Wahlrecht, und zwar nur das aktive, verleiht. Das Beschämendste aber erlebten wir jüngst in Duisburg. Dort siegte bei der letzten Wahl die konservative Richtung mit Hilfe der Ausländer und der Zionisten, und nun denunzierten die vom Piedestal herabgestürzten liberalen Heroen die Ausländer bei der Behörde als bestechliche Subjekte, als Anhänger einer wilden Sekte, die nichts „mit den rechtgläubigen" Juden zu tun haben. Diese Herren scheinen nicht zu wissen, daß es im Judentum Sekten überhaupt nicht gibt, und daß die Chassidim sich nur durch andere Gebetformen und durch eine psychologisch anders geartete religiös-philosophische Weltanschauung von den anderen Juden unterscheiden. Im Judentum aber ist die Unwissenheit die Wurzel alles Uebels, und daher sicherlich kein Milderungsgrund. Wer nichts vom Judentum und seinem Wesen versteht, der sollte wenigstens so viel Anstand und Klugheit besitzen, um zu schweigen. Wir sind weit davon entfernt, die liberale Richtung, die übrigens gar viele Schattierungen hat, für den im höchsten Grade bedauerlichen Schritt einiger Personen verantwortlich zu machen. Traurig aber bleibt es, daß Leute, die sich liberal nennen, eine solche intolerante und gehässige Gesinnung zeigen. So ist leider diese Fremdenfrage aktuell geworden, und es tut not, allen Nebel zu verscheuchen und dieses Problem richtig zu erfassen. Es tut dies um jso mehr not, da man selbst juristisch anfängt, die Sache zu diskutieren und durch lange geistreiche Deduktionen den Beweis zu führen, daß es nicht im Sinne des Gesetzes gelegen habe, den ausländischen Juden das Wahlrecht einzuräumen. Das sieht wissenschaftlich und objektiv aus und bildet doch den Boden für engherzige Bestrebungen einer entarteten jüdischen Denkweise. Ist es nicht merkwürdig, daß die preußischen und sächsischen Regierungen, die doch sicherlich nicht mit schwärmerischer Liebe an den ausländischen Juden hängen, nicht mit solchen Anregungen und Auslegungen kommen, und daß die Juden, die sich über das preußische Wahlrecht beklagen, hier reaktionärer als die Reaktion sein möchten? Umgekehrt: würde die Regierung uns zumuten, die Ausländer zu Gemeindemitgliedern zweiten Ranges zu degradieren, dann müßten wir energisch dagegen kämpfen — im Interesse der moralischen Gerechtigkeit, im Interesse der Zukunft unserer Gemeinschaft. Man schämt sich beinahe, als moderner Mensch gegen dieses Gespenst zu Felde ziehen zu müssen. Man muß ja dabei trivial werden. Und doch tut es in einer Zeit der Verwirrung not, Klarheit zu schaffen und die schiefe Logik und das verkrüppelte Rechtsgefühl dieser merkwürdigen Reformer ad occulus zu demonstrieren. Wir Juden sind ja. wenn auch nicht als Partei, so doch in der Gesinnung von Beruf liberal und tolerant. Eine lange Leidensschule hat uns dazu erzogen. Wir, denen die dunklen Vorurteile alter und neuer Zeiten die tiefsten Wunden geschlagen, haben die höchste Pflicht, gerecht zu denken und uns von blinder Voreingenommenheit frei zu halten. Wir leben in einer Zeit, wo der demokratische Grundsatz „Gleiche Rechte, gleiche Pflichten!" überall nach Herrschaft ringt. Sollen wir da dieses Prinzip, das auch echt jüdisch ist, in unserer eigenen Mitte verleugnen? Muten wir den ausländischen Juden, die bei uns leben, zu, an den Gemeindelasten mitzutragen, ist es dann nicht selbstverständlich, daß wir ihnen auch gleiche Rechte einräumen und sie über die Gestaltung und Entwicklung der Gemeinde mitbestimmen lassen? Aber die Steuerleistung allein bedeutet im Judentum nicht alles. Maßgebend ist das innere Interesse am Gedeihen der Gemeinde, die Liebe zum Judentum. Wer darf es nun wagen, den ausländischen Juden die Liebe zum Judentum und die tiefe Religiosität abzusprechen? Sie haben meistens eine echt jüdische Erziehung genossen, besitzen leidliche jüdische Kenntnisse und empfinden jüdisch warm. Sind diese Attribute nicht genügend, um bei der Wahl der Repräsentanten mitzusprechen? Und diese ausländischen Juden müssen nicht nur aus Gerechtigkeit geduldet werden. Wir bedürfen ihrer im eigenen Interesse, im höheren Interesse der großen jüdischen Gemeinschaft. Wir bedürfen dieses Elements in physischer und in geistiger Beziehung. Die Zahl der Juden in Deutschland droht, wie die Statistik beweist, bald nicht nur relativ, sondern auch absolut zurückzugehen. Durch den Rückgang der Geburten, durch Taufen und Mischehen wird die Judenheit immer mehr geschwächt. Sollen wir da nicht die ausländischen Brüder mit Freuden begrüßen und, statt ihre Rechte zu verkümmern, sie näher an uns heranzuziehen suchen? Sie könnten bei einer richtigen Erziehung schon in der zweiten Generation das beste Material zur Regenerierung der Judenheit bieten. Ja, wir bedürfen dieser Regenerierung durch Zuführung neuen pulsiererden Lebens, und was wir für das deutsche Volk wurden, ein anregendes, weckendes Element, das können diese Ausländer für uns selbst werden. Sollen wir noch betonen, wie tief beschämend und wie unklug es ist, wenn war die ausländischen Juden durch solche Anträge und deren Begründungen in den Augen der Behörden verdächtigen? Kann man dem jüdischen Ansehen einen größeren Schaden zufügen, als durch solche unseligen Manipulationen? Was sollen die staatlichen Behörden von uns denken, wenn wir gegen die ausländischen Juden all die Gründe vorbringen, die antisemitische Torheit und Bosheit gegen die Gesamtjudenheit schleudert? Haben nicht solche Juden, die ein Ehrenamt im Juden-

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