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Ost und West · 1914-01-01 · Heft 1 (Januar 1914) · p. Seite 13 - 14

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 1 (Januar 1914)
Article
Die "Fremdenfrage"
Date
1914-01-01
Page
Seite 13 - 14 (sequence 3)
Language
German
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13 Fabius Schach: Die „Fremdenfrage 14 Das tritt mehr oder weniger deutlich auf vielen Gebieten in die Erscheinung. Man fängt immer mehr an, Unterschiede zu machen. In vielen Wohltätigkeitsinstituten werden die Ausländer statutarisch von der Wohltat ausgeschlossen, und während früher das Wort „Pole" soviel wie Märtyrer bedeutete, wird es nun beinahe zum Schimpf. Die Wohltätigkeit gegen die ausländischen Juden läßt wohl nicht nach — dafür sorgen schon die immer wiederkehrenden Katastrophen und d„as jüdische Herz — aber die persönliche Berührung mit den Juden des Ostens gestaltet sich immer mehr zu einer unangenehmen Pflicht. Psychologisch ist es so zu verstehen, daß man nicht erinnert werden möchte, wie die eigenen Vorfahren ausgesehen haben. Natürlich wirkt auch der Antisemitismus dabei mit. Ein mittelalterlicher Spruch lautet: ,,Wie es sich christelt, so jüdelt es sich." Vor der Emanzipation lebte man im eigenen Milieu und spürte seelisch, bei aller politischen Beschränkung, den Antisemitismus weniger. Als man aber äußerlich alle Rechte erlangt hatte und sich dennoch überall zurückgesetzt fühlte, empfand man den Judenhaß in seiner ganzen Bitterkeit und — wurde beinahe selbst zum Judenhasser. Was der Antisemitismus von der Judenheit überhaupt erdichtete, das übertrug man auf die fremden Glaubensgenossen. Erzählte der Antisemitismus schlechte, zynische Witze von den Juden, so fabrizierte man innerhalb der Judenheit die geschmacklosesten Witze von dem „polnischen Juden", und man merkte gar nicht, wie man sich dadurch entwürdigte. All diese Dinge mögen nicht bös gemeint sein, aber sie sind Symptome für die Irrwege, die die jüdische Denkweise wandelte. Es ist der schlimmste Fluch des Antisemitismus, daß manche Juden anfangen, ihre eigenen Brüder mit antisemitischen Augen anzusehen. So trat eine Entfremdung ein und sie nahm immer krassere Formen an. Man fing an zu 1 fragen: „Woher ist er?" und nicht: „Was; ist er?" Diese unselige Entfremdung machte in den letzten Dezennien immer größere Fortschritte und wirkte verheerend. Osten und Westen verstanden einander nicht mehr. Die beiden Hemisphären der Judenheit, die einander so viel hätten geben können, wurden einander künstlich entfremdet, und sie sprachen, wie am Turm zu Babylon, eine fremde Sprache zueinander. Sie hatten'die Sprache des jüdischen Herzens beinahe verlernt. Diese Erscheinung konnte man überall beobachten, und überall trug diese großgezogene Aversion böse Früchte. Und nun kam das System. Die Abneigung verdichtete sich zu einer Fremdenfrage in konkreter Gestalt, und die Frageder Entrechtungder Ausländer im jüdischen Gemeindeleben wurde erst schüchtern erörtert und dann offiziell auf die Tagesordnung gesetzt. In vielen jüdischen Gemeinden Deutschlands fing man an, danach zu streben, den Ausländern das Wahlrecht zu schmälern oder ganz zu rauben. Charakteristisch ist es, daß diese Vorschläge immer als Ausdruck der Rache sich zeigen, als Vergeltung der Besiegten nach einer verlorenen Schlacht. Damit allein ist das Urteil über diese Bestrebungen gesprochen. Denn das Rachegefühl ist ein schlechter Ratgeber und ein noch schlechterer Gesetzgeber. Lange Zeit machten die ausländischen Juden der meisten Gemeinden von ihrem Wahlrecht keinen Gebrauch, sie wußten vielleicht gar nicht, daß sie es besaßen. Sie waren häufig kultuell vereinigt in eigenen Betsälen und bekümmerten sich um die Repräsentantenwahlen nicht. Später aber, als der Kampf der Parteien in den großen Gemeinden immer heftiger wurde, gebrauchte oder mißbrauchte die Opposition diese Ausländer als neuen bisher unbenutzten Faktor, um die Gemeindegewaltigen zu stürzen, und dies gelang ihnen auch hie und da. Da kam die Rache der Besiegten, und man trachtete danach, sich diese unbequeme Hilfe der Opposition der Ausländer vom Halse zu schaffen. Nie wären Vorschlägezur Verkümmerung des Wahlrechtes der Ausländer aufgetaucht, wenn diese Ausländer ihre Hilfe den bisherigen Machthabern geliehen hätten. Diese Erscheinung sehen wir überall. In Köln am Rhein wird der Antrag auf Entrechtung der Ausländer gestellt, nachdem die Opposition den Sieg davongetragen und sogar einen Ausländer zum Repräsentanten gewählt hatte. In der badischen Synode sprach man von einer Aenderung des Wahlrechtes zuungunsten der Ausländer, nachdem Konservative und Zionisten die Majorität erlangt haben. In Köln aber, wie in Karlsruhe, war man gerecht und klug genug, diese Anträge zurückzuziehen. In mittleren Gemeinden dagegen, wo der Wahlkampf sich ja immer etwas kleinlicher und gehässiger abspielt, erinnert man sich dieser Waffe, um durch sie die „revolutionären" neuen Strömungen zu schwächen. In Leipzig existiert seit jeher ein reaktionäres Wahlrecht, das die ausländischen Juden, die eine große Zahl der Gemeindemitglieder bilden und zirka 90 pCt. des Etats durch ihre Steuerleistung decken, ganz ausschließt. Ja, im lieben Leipzig weiß man nicht nur nichts von einer Einheit der Judenheit, sondern nicht einmal von der des Deutschen Reiches. Denn passives Wahlrecht besitzen nur die echten unverfälschten Sachsen. In Chemnitz, wo bei der jüngsten Gemeindewahl eine neue Strömung kam, die den alten Machthabern für die Zukunft unbequem zu werden drohte, klügelte man ein neues Wahlrecht aus, das den Ausländern nur nach einer zehnjährigen Karenzzeit und nach einer ununterbrochenen bedeutenden

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