Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1914)
- Article
- Die "Fremdenfrage"
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 11 - 12 (sequence 2)
- Language
- German
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11 Fabius Schach: Die „Fremdenfrage" 12 Nicht nur das Schicksal treibt mit uns Juden sein ironisches Spiel, sondern wir selbst zeigen den unseligen Hang, uns zu ironisieren. Nicht nur durch scharfe Worte, sondern auch durch unselige Taten. Ja, die ganze moderne Fremdenfrage ist eine bittere Selbstironie. Sie zeigt uns, daß wir Fremde geworden sind im Judentum, — daß wir die jüdische Psyche nicht mehr verstehen. Die jüdische Volksseele, die sich rein nur noch im alten Schrifttum erhalten hat, sucht nach einer körperlichen Bekleidung, um im Leben wirken zu können. Und sie findet sie nicht. Eine Volksseele ohne Volk! Gibt es eine größere, tiefere Tragödie? Die hebräische Terminologie kennt wohl das Wort Fremder (Ger, Nachri), aber nicht den Begriff.in rechtlicher Hinsicht. Eine rechtlose Fremdheit gab es in Altisrael nicht einmal gegen Glieder fremder Völker. Wir Juden waren die ersten, die den Grundsatz aussprachen: „Ein Gesetz herrsche für euch wie für den Fremden, der in eurer Mitte wohnt." In Israel brauchte der Fremde sich nicht fremd zu fühlen und sein Recht wurde nicht verkümmert. Er brauchte nicht wie in Hellas, wenn ihm Unrecht geschah, am Gerichte sich durch einen Inländer vertreten zu lassen. „Barbaren" gab es in Juda nicht, das Recht schützte alle, sogar den Sklaven und das Haustier. Ja, wir Juden, denen man die „Auserwähltheit" als Hochmut und Engherzigkeit häufig vorgeworfen hat, — wir haben sie stets nur im Sinne höhererPflichten aufgefaßt. Aber wir haben diese Auserwähltheit niemals anderen zum Schaden mißbraucht. Ein Priestervolk sollten wir nach der göttlichen Bestimmung sein, und wir waren es auch. Denn willig nahmen wir die Bürde hoher sittlicher Pflichten auf uns. Die Pflichten und nicht die Rechte, das Leiden und nicht der Genuß heiligen das Leben. Das war die Lebensphilosophie der jüdischen Lehre. Hellas öffnete der Welt die Pforten der Schönheit, Juda erschloß ihr das Reich der Sittlichkeit. Auch in den späteren Jahrhunderten, das ganze Mittelalter hindurch bis ins 18. Jahrhundert hinein, blieb der Begriff der Fremdheit der Judenheit fremd. Die Grenzen des Landes änderten sich, die Fürsten wechselten gar zu häufig, und man kannte kaum die augenblicklichen Landesgrenzen, und man machte keinen Unterschied zwischen der Judenheit verschiedener Länder. Die ganze Judenheit bildete eine Familie, durch gemeinsame Ideale und gemeinsame Leiden fest aneinandergekettet. Bodenständigkeit gab es nur im geistig-sittlichen Sinne, nicht im materiellen. Es war ein ewiges Hin- und Herwandern zwischen Polen und Deutschland. Es ist bezeichnend, daß der religiöse Ritus der Judenheit des Ostens stets bis auf den heutigen Tag als „Aschkenas" — deutsch — bezeichnet wird. Wie sollte da der Begriff Fremdheit aufkommen können? Lehre und Glauben bis in die feinsten Nuancen waren ihnen gemeinsam, die Lebensschicksale meistens ähnlich. Das Milieu war überall ziemlich dasselbe, und Familienbande schlangen sich hinüber und herüber. Heiraten zwischen polnischen und deutschen Juden kamen häufig vor, Rabbiner wurden von dem einen Lande nach dem anderen berufen, und das Leben in all seinen Zweigen floß ungehemmt zwischen beiden Gruppen. Die Messen und Märkte waren die Kongresse für geistige Berührungen und auch für Familienfeste, und die Responsen waren die diplomatischen Noten, die zwischen den Juden verschiedener Länder ausgetauscht wurden. Auf den Messen kamen Juden verschiedener Länder zusammen und hier wurden die wichtigsten Ereignisse der Gesamtjudenheit besprochen und geistige Pläne zur Erhaltung des Judentums geschmiedet. Hier auch wurden Verlobungen gefeiert und Bündnisse fürs Leben geschlossen. Und in den Responsen besitzen wir eine kulturhistorische Fundgrube zur Beurteilung der damaligen inneren und äußeren Verhältnisse. Die Judenheit der ganzen Welt war damals eine große Gemeinschaft mit vielen Gruppen, ein einheitliches Bild, zu dem jedes Land eine Farbennuance gab. Wem konnte es da einfallen, den Bruder für fremd zu betrachten, weil seine Wiege jenseits der Grenze stand? Noch im 18. Jahrhundert waren fremde Rabbiner und Kantoren in Deutschland eine tägliche Erscheinung, und unter den Trägern der jüdischen Wissenschaft in Deutschland finden wir viele hervorragende Namen von Männern, die im Auslande geboren waren. Wer in eine Gemeinde kam, wo Juden lebten, wer das jüdische Gotteshaus betrat, brauchte sich nicht als fremd zu fühlen. Fremd wird im alten Judentum nur als Ehrenwort bezeichnet. Den Fremden, den „Orach", ehrte man besonders als teuren Gast, er wurde als Bote angesehen, der die Grüße der Brüder aus der Ferne brachte. Und durch alle Wandlungen und Schicksale erhielt sich diese grandiose Auffassung von der jüdischen Gemeinschaft bis in die letzten Generationen. Nur die Juden der maurischen Länder, die „Sephardim", waren hie und da von einem Dünkel beherrscht und sahen von oben herab auf die „Aschkenasim". Kein Geringerer als Abarbanell sah in der Austreibung der Juden aus Spanien die Strafe für diesen aristokratischen Flochmut. Erst viel später, gegen Mitte des vorigen Jahrhunderts, sehen wir das Vorurteil gegen die fremden Juden in Deutschland entstehen. Und diese Aversion hat, wie alles Ungesunde, ihren Ursprung nicht im jüdischen Herzen, sondern im Intellekt und ist als Begleiterscheinung der Politik anzusehen. Man glaubte, im Kampfe um die Emanzipation sich als deutsch legitimieren zu müssen, und so wurde — bewußt oder unbewußt — der ausländische Jude zum „Fremden". Aus einzelnen Erscheinungen bildete sich mit der Zeit ein System heraus, und der Begriff „Fremder" erhielt Bürgerrecht im deutschen Judentum.