Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1910)
- Article
- Die Alliance-Expedition nach dem Yemen
- Date
- 1910-12-01
- Page
- Seite 833 - 834 (sequence 3)
- Language
- German
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833 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die AUiance-Expedition nach dem Yemen. 834 200 Knaben unterrichten. Wohlhabende Familien behalten ihre Kinder zu Hause, und die Rabbinen unterrichten diese Schüler im Elternhause. Nach mehrjährigem Unterricht haben die Schüler die Gebete und die Bibel kennen gelernt, aber ihr Geist hat keine weitere Entwicklung erfahren. Alle profanen Wissenschaften, Geschichte, Geographie, Arithmetik, die englische Sprache — das ist die Landessprache — sind Dinge, von deren Bestehen sie gar keine Ahnung haben. Kann man sich danach noch wundern, dass die grosse Menge unserer dortigen Glaubensgenossen sich in tiefstem Elend, auf der niedrigsten Stufe der sozialen Staffel befinden? In der Staatsverwaltung, in den Schiffsagenturen und Bank- und Handelshäusern ist kein jüdischer Beamter angestellt; alle Stellen, höhere und untergeordnete, sind mit Indern der verschiedensten Stämme besetzt. Die vorgeschritteneren Juden fangen endlich an, sich dieser Sachlage bewusst zu werden; sie bemerken den Schaden, der ihnen aus der mangelnden Schulbildung und aus der Unkenntnis der europäischen Methoden erwächst. Da sie nicht mehr selbst in die Schule gehen können, wünschen sie, dass wenigstens ihre Kinder, besonders die Söhne, etwas moderne Bildung erwerben und Englisch sprechen und schreiben lernen. Sie gehen gleich von einem Extrem ins andere, und anstatt die Reorganisation der Talmud-Thora- Scliule zu verlangen, nehmen sie ihre Kinder aus dieser fort und schicken sie in die Missionsschulen. Dabei sind sie im Herzen religiös, leiden unter diesem Zwang und unterwerfen sich ihm mit Bedauern. Die Erfordernisse des modernen Lebens legen ihnen dieses Opfer auf. Ist es nicht Zeit, dass die Alliance und die Anglo-Jewish-Association in Aden eine gute Schule begründen, die eine Heimstätte des Fortschritts und den Mittelpunkt der jüdischen Kultur büdet? Die Ausgabe wäre nicht allzu gross, man könnte hier am Ort das ganze Lehrpersonal finden und brauchte nur die Schulleiter aus dem Ausland zu schicksn; und die Eltern würden, sobald sie die Fortschritte ihrer Kinder sehen, gern erhebliche Opfer für deren Unterricht bringen — nötig ist nur, dass die Organisation von Fremden besorgt wird. Die Familie Messa, die 100 000 Francs zum Umbau der Synagoge hergegeben und auch sonst viel für die Entwicklung des religiösen Lebens im arabischen Hinterland getan hat, ist bereit, auf eigene Kosten und nach eigenen Ideen eine Schule zu begründen, stösst jedoch auf so grosse Schwierigkeiten, dass sie ihren Plan vielleicht wieder aufgibt. Sie würde uns aber im materiellen und moralischen Sinne ihre wertvolle Mitarbeit leihen, wenn sie sich überzeugte, dass eine moderne Schule durchaus nicht in Widerspruch mit dem religiösen Gefühl zu stehen braucht, sondern im Gegenteil den Aeusserungen des religiösen Glaubens grösseres Ansehen und grössere Würde verschaffte. Auch die englische Regierung wäre geneigt, eine nach europäischem Schulsystem eingerichtete jüdische Schule in weitestem Sinne zu unterstützen, nur dürfte man keine Zeit mehr verlieren und müsste sich sofort ans Werk machen. Unsere Juden in Aden würden sich unter dem Einfluss der Bildung schnell wandeln und das verlorene Terrain wiedergewinnen können. Sie werden auf dem Gebiet des Handels und der Industrie mit Erfolg gegen die Indier kämpfen können, die im Lande fremd sind und nur auf einige Jahre herkommen, um viel Geld zu verdienen und dann wieder in die Heimat zurückkehren, wo sie das hier erworbene Vermögen in Frieden verzehren. Das Schul werk müsste durch ein Lehrlings werk für Knaben und Mädchen vervollständigt werden. Aden ist zwar eine grosse Handelsstadt, sie kann aber auch sowohl für den eigenen Bedarf, wie für die zahlreichen durchreisenden Fremden eine grosse Anzahl an Ort und Stelle fabrizierte Gegenstände brauchen. Man muss es also dahin bringen, dass die aus dem Innern des Landes zugereisten Juden, die heute nur vom Zufallserwerb leben, Handwerke erlernen, und ein geordneteres und angenehmeres Leben führen. Es ist unsere Pflicht, diese so interessante Gemeinde nicht unbeachtet zu lassen. Alle Ihnen heute unterbreiteten Vorschläge würden der richtigen Basis entbehren; erst wenn Ihr Personal am Werk sein wird, wird es beurteilen können, auf welchen materiellen und moralischen Beistand es rechnen kann. Am „Steamer Point" lebt zurzeit eine kleine Kolonie von Smyrnaer Juden; diese werden alles mögliche zur Unterstützung Ihrer Pläne tun. Bei dem jetzigen Verkehr der elektrischen Strassenbahn würden auch die Kinder dieser spaniolischen Juden nach Aden in die Schule kommen können. In dem zu Aden gehörigen Landgebiet gibt es noch eine andere jüdische Gemeinde in Scheikh Othman, einem nördlich von Aden mitten im Sande gelegenen Dorfe. Da in diesem Ort reichlich Wasser, wenn auch etwas salzhaltiges, vorhanden ist, hat man im Verlauf weniger Jahre hier prächtige Gärten angelegt, in denen unter hohen, weiten Palmen verschiedene Pflanzen- und Baumsorten kultiviert werden. Die Bevölkerung dieses Dorfes, darunter viele Juden, ist sehr arm. Ihr Aussehen ist, wenn möglich, noch trauriger als das der Juden von Aden. Sie haben einen bescheiden aussehenden kleinen Tempel, und der Rabbiner versammelt auf dem Hof seines Wohnhauses eine Schar von ungefähr 30 Kindern, die er im Lesen der Gesetzbücher unterweist. Die armen Kleinen sehen recht unglücklich aus! Wenn die jüdische Gemeinde von Aden regelrecht organisiert wäre und den Einwanderern Hilfe leisten würde, hätten sich ein paar tausend Juden aus Yemen hier niedergelassen, um frei arbeiten zu können und ein moralisch und materiell leichteres Leben führen zu können. 12. Februar. Gestern habe ich mich auf dem italienischen Dampfer eingeschifft. Wir fahren zurück und gelangen wieder in das Rote Meer; das Wetter ist sehr schön und in 24 Stunden sind wir angekommen. Das Dampfboot hält 3 Kilometer von der Küste an; in der Ferne erscheint Hode'idah im Morgennebel wie ein grosses Dorf ohne besondere Eigenart. Die „Sambuks", die in den indischen Gewässern üblichen grossen Segelboote durchschneiden das Wasser wie grosse Vögel, die ihre Beute verfolgen. Sie bleiben erst in einiger Entfernung, dann finden sie die Strömung günstig und stossen mit weit entfalteten Flügeln auf uns zu. Ganz schwarze, vollständig nackte Matrosen mit glattrasiertem Kopf stehen an der Vorderspitze und haben eine Leine in der Hand, mit scharfem Blick messen sie die zwischen uns hegende Entfernung ab. Plötzlich stürzen sie sich ins Wasser und kommen heran, um schwimmend ihr Schiffchen an das unsere anzuseilen. Die Segel werden schnell eingezogen, der widerstandslose Sambuk wird von. den Wellen auf und ab geschaukelt und stösst dröhnend gegen unser Schiff. In dieses Boot müssen wir einsteigen; man wartet den Augenblick ab, da die Wellen es hochheben, zwei schwarze Teufel packen jeden von uns an den Armen und werfen uns wie ein Paket in die Barke. Man wird schwindlig wie vor einem Abgrund. Die Leine wird wieder gelöst, die Segel aufgezogen und es geht mit grosser Schnelligkeit mit dem Winde vorwärts. Die Fahrt dauert ziemlich lange, die Seekrankheit wird hier unangenehmer als auf dem Dampfer — aber endlich ist das Festland erreicht und wir gelangen auf den Kai. Am Hafen treffe ich durch Zufall einen Smyrnaer Juden, der mit Sanaa in Geschäftsverbindung steht, ein anderer Jude aus Smyrna, den ich dort finde, wohnt in Hode'idah. Ich bin also in dieser Stadt nicht ganz in der Fremde und finde an den beiden Juden angenehme Gesellschaft. 13. Februar. Die Stadt Hodeidah besteht heute fast nur aus Erde und Schmutz. Es gibt zwar noch einige hohe aus Steinen und Ziegeln gebaute Häuser, die ehemals mit Kalk geweisst und mit netten Gipsornamenten verziert waren. Die Türen zeigen sogar noch Spuren von Holzschnitzerei — aber alles ist so alt, so verfallen, man riecht förmlich die Verkommenheit und den Moder der Zeit. Das Innere der Häuser ist geräumig aber wenig bequem; die Terrassen sind überdacht und mit Matten bedeckt; hier bringen die Einwohner im heissen, feuchten Sommer ihre Abende zu. Die engen Strassen sind von Unrat bedeckt, das den Geiern zur Nahrung dient. Aus vielen Häusern dringt das Geräusch von Mühlen, dort wird der in Yemen wachsende Mokka genannte Kaffee entrindet; die kostbare Bohne wird danach in schmalen Gässchen auf der Erde ausgebreitet und muss an der Sonne trocknen. Frauen und junge Mädchen sind damit beschäftigt, die Bohnen in grossen Sieben zu reinigen. Hodeidah ist die