Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1910)
- Article
- Die Alliance-Expedition nach dem Yemen
- Date
- 1910-12-01
- Page
- Seite 835 - 836 (sequence 4)
- Language
- German
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835 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Alliance-Expedition nach dem Yemen. 836 Stadt des Mokkakaffees, durch ihren Hafen gehen drei Viertel der gesamten Produktion des Landes, der Rest geht auf dem Landwege direkt nach Aden. Die Eingeborenen trinken nur den sogenannten „Richer", einen ganz angenehm schmeckenden, aus den Hülsen der Kaffeebohnen hergestellten Aufguss. Hodeidah ist der Hafen von Sanaa; hierher werden alle für die Hauptstadt des Yemen und für die umliegenden Städte bestimmten Waren verladen; hier werden auch die Truppen konzentriert, die in die Garnisonen des Innern geschickt werden sollen. Augenblicklich sieht man zahlreiche Militärpersonen durch die Basare spazieren; sie sind mager und abgezehrt, ihre Kleider sind zerrissen, die Schuhe durchlöchert, sie kehren eben aus dem Krieg zurück, den sie in der fernen Ebene gegen Seid Idriss geführt haben. Ein ganzes nicht kriegsgewohntes Heer ist im Laufe weniger Monate in diesem glühenden, sandigen Lande zusammengeschmolzen. In der Stadt fehlt es besonders an Trinkwasser, und bei dieser erdrückenden Hitze wirkt dieser Mangel ausserordentlich störend. Die Brunnen geben reichlich salzhaltiges Wasser, und vor der Stadt sieht man viele Obstgärten und Palmen, die ihre grünen mit weissem Sand gepuderten Locken lustig im Winde wehen lassen. Eine jüdische Gemeinde gibt es in Hodeidah nicht; man findet nur einige durchreisende Glaubensgenossen und Hausierer, die ihren Warenvorrat erneuern und gleich wieder in die Berge zurückkehren. Auch diese Leute haben ein trauriges Aussehen; sie sind mager und knochig und tragen ein kurzes Gewand aus schwarzem Leinen, das Bein und Füsse unbedeckt lässt. Der Kopf ist ganz glatt geschoren, nur zu beiden Seiten der Schläfen hängen zwei lange Haarsträhnen, die „Simamim", auf einen dünnen Bart herab, die Kopfbedeckung besteht aus einem kleinen schwarzen Käppchen, um das ein blaugewürfeltes Taschentuch geschlungen ist. Gesicht, Arme und Beine sind dunkelbraun. Wenn die Männer den Kopf wenden, schwanken die Seitenlocken mit komischen Bewegungen auf und nieder. Als diese Juden meine Ankunft in Hodeidah erfahren hatten, kamen sie sofort zu mir und redeten mich mit den Mienen geprügelter Hunde an: „Wie, der Rabbi — so redet man mich im Lande Yemen an — will nach Sanaa gehen, da können wir zusammen reisen." Einer der Männer ist sehr unglücklich darüber, dass er mich nicht auch begleiten kann, er arbeitet bei einem indischen Juwelier und ist dort bis Ostern verpflichtet. Jeden Morgen und jeden Abend kommen die Leute zu mir und bringen die inzwischen neu aus den Bergen gekommenen Juden mit. Einer von ihnen ist ein hübscher kräftiger Mann mit wohlgebildetem Gesicht, spitzer Nase und intelligentem Ausdruck. Er heisst Aron Haim Osari und ist von Malhan nach Hodeidah gekommen, um Modelle für Juwelierarbeiten zu kaufen. Ich verspreche ihm, ihn in Malhan zu besuchen. Bei diesen Worten malt sich ein furchtbarer Schrecken auf dem Gesicht des Mannes, und er bittet in flehenden Tönen: „Das dürft Ihr nicht tun. Rabbi, man würde Euch umbringen!" Er kniet vor mir nieder und küsst mir die Füsse, bis ich ihm verspreche, nicht nach Malhan zu gehen. „Wie lebt Ihr denn aber dort?" frage ich ihn. „Wir sind im Dschaluth (soll wohl Golus sein), wir sind an das Leiden gewöhnt, wir sind keine Menschen, wir sind Tiere!" Das wurde in so verzweifeltem Ton gesagt, dass mich tiefe Rührung ergriff. Dieses menschliche Wesen, das ich zum ersten Male sah, das in seinem Aeusseren, in seinen Gedanken und Gewohnheiten so ganz anders war als ich — ich fühlte es doch als einen Bruder, er war Jude wie ich. Dieser Glaubensbruder beugte sein Haupt vor einem unabwendbaren Fatum, aber man spürte in ihm grossen Mut, innere Energie und die feste Hoffnung auf das Ende des „Dschaluth" und auf die künftige Erlösung; und ich sagte mir, dass man diesen Menschen um jeden Preis seinem Elend und seiner Würdelosigkeit entreissen und seine ebenso unglücklichen Brüder mit ihnen retten müsse. Man muss sie retten! Diese Worte werde ich mir noch oft wiederholen—wie aber ist das zu erreichen? 16. Februar. Die Organisation der Karawane ist schwierig gewesen; die Sonne geht unter, wir wollen eben aufbrechen und unsere am anderen Ende der Stadt auf uns wartenden Tiere aufsuchen. Alle unsere Juden sind gekommen, um mir glückliche Reise zu wünschen. „Heute früh habe ich dich nicht in deiner Werkstatt gesehen," sage ich zu dem Juwelier. „Nein," antwortete er, „ich habe den heutigen Tag mit Lesen verbracht". Welche Liebe zum Studium der heiligen Bücher, welcher Glaube! Da ist ein armer Mann, der mit Mühe und Not seinen Lebensunterhalt verdient, und er verbringt nur seine Mussestunden und einen Teil seiner Nächte mit Beten und Studieren, nein, er opfert noch einen ganzen Arbeitstag der Beschäftigung mit den Gesetzbüchern Mose. . . Wir besteigen unsere Tiere und reiten unter den letzten Strahlen der Abendsonne gegen Osten. Unsere Gesellschaft ist nicht gross. Ein auf einem Kamel reitender Saptieh eröffnet den Zug, ein zweiter Saptieh zu Pferde bildet die Arrieregarde, und wir reiten in der Mitte, im ganzen zehn Personen. Ein einziger Jude aus Sanaa, namens Haim, begleitet uns, seine Freunde sind durch ihre Geschäfte in Hodoidah zurückgehalten worden. Er reitet auf einem kleinen Esel, der auch sein schmales Gepäck trägt. Er verträgt sich recht gut mit allen diesen Arabern, die ihn gelegentlich ein wenig necken. „ Yochudi, dränge doch deinen Esel nicht immer an meine Seite . . . gib mir das .... besorge mir dies . . . ." Er steigt gefällig jeden Augenblick von seinem Esel und lacht mit gutmütigem Gesicht; er weiss, dass er nicht ihresgleichen ist und gehorcht ihren Befehlen. Wir reiten geradeaus, der feine Sand unserer weissen Strassen bewegt sich unter dem Tritt unserer Tiere; der Marsch ist langsam und ermüdend, das ist die Avahre Wüste, die unendliche Ebene ohne Vegetation, das verlassene Tehama. Es ist Nacht; der Mond geht über die flache Gegend auf; die zerstreute Karawane geht im Schritt, man hört nur das Geräusch des unter den Hufen der Tiere zerstäubenden Sandes. Dann kommen wir an einige etwas höher gelegene mit Gebüsch bestandenen Dünen und weiterhin schirmartig gewachsenen Johannisbeerstauden, die unter den Mondesstrahlen grosse dunkle Flecke bilden. Am Horizont blitzt ein Licht auf; das ist unsere erste Station: Abu Tanem. Wir betreten eine Lehmhütte mit Strohdach, das von einem ganz durchmorschten Mittelpfeiler gestützt wird. Man ordnet alles rund um die „Kaeds", das sind aus Palmblättern geflochtene Bettstellen, auf denen wir uns in Erwartung des Mittagessens ausstrecken. Wir leiden sehr unter dem Durst; zwar hatte ich mir in Hodeidah einen kleinen Schlauch mit destilliertem Wasser füllen lassen, das ich vom Dampfer bekommen hatte, aber unterwegs hat jeder seine Lippen daran genetzt und es ist kein Tröpfen davon übrig gebheben. Das waren die ersten Entbehrungen auf dieser Strecke. 4 Es ist Mitternacht, man muss schlafen. leb strecke mich wieder ganz angekleidet auf dem „Kaed" aus, denn wir haben keine Zeit zum Auspacken des Bettzeugs. Um zwei Uhr sind wir wieder auf den Beinen, wir brechen sofort auf. Der Mond ist schon untergegangen und trotz des reich besternten Himmels ist es dunkel. Wir haben denselben unbequemen Sandweg. Bald erscheint die Venus als riesiger, glänzend roter Stern am östlichen Himmel, sie sieht aus, wie ein auf einem Bergesgipfel angebrachter Leuchtturm. In der Ferne hört man den Hahnenschrei, das Krähen ist eine ganz angenehme Abwechslung in dieser Einsamkeit; wir sind in der Nähe arabischer Niederlassungen. Endlich zeigt sich die Morgenröte, von weitem heben sich die harmonisch gezackten Berge ab, und näher an uns scheinen die runden Hügel direkt aus dem Boden herauszuwachsen. Wir kommen in eine Art von grünem Zirkus, hier wachsen die jungen Sprösslinge der Kaffeehirse, des in diesem Lande am meisten verbreiteten Cerealgewächses. Auf einem schwarzen Felsen finden wir zwei grosse Pfeile und einige Ziffern mit weisser Farbe aufgezeichnet; das sind Zeichen, die die hier vorbeigezogene Studienkommission für eine Eisenbahn zurückgelassen hat — die Zivilisation versucht in das Land einzudringen. Indessen ist die Sonne schon lange am Himmel, und wir erreichen schwitzend und nach Luft ringend unser Lager. (Fortsetzung mit Illustrationen folgt.)