Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1910)
- Article
- Die Alliance-Expedition nach dem Yemen
- Date
- 1910-12-01
- Page
- Seite 831 - 832 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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83t Mitteilungen der Alliaace Israelite UniTerselle: Die Alliance-Expedition nach dem Yemen. 832 Der „Admiral" liegt im Hafen. Ich gehe zeitig an Bord. Ich suche mit den Passagieren bekannt zu werden; sie sprechen deutsch, englich, holländisch, schwedisch; niemand kann französisch. Meine englischen Kenntnisse sind nicht weit her, und die fünftägige Seereise wird mir lang werden. Montag, den 31. Januar. Fern im Morgennebel liegt Suez; man sieht einige Palmen und grüne Bäume inmitten der gelben ausgedehnten Sandflächen. Kleine Segelboote kommen uns entgegen und bringen eine unabsehbare Zahl von Händlern, die uns Ansichtskarten und — in Europa fabrizierte — ägyptische Raritäten mit so grosser Zudringlichkeit anbieten, dass man etwas kaufen muss, um sie los zu werden. Wir fahren ab; das Meer ist glatt wie Oel, zum erstenmal habe ich auf der sich fortbewegenden Schiffsbrücke ■ das Gefühl, als ob ich auf dem Festlande spazieren ginge. Aber es wird schon sehr heiss! Dienstag, den 1. Februar. Es ist heute zum Ersticken heiss. Die See gleicht einem Silberspiegel, der Feuerstrahlen wiederspiegelt. Von allen Seiten werden Zelte aufgespannt, wir haben jetzt nicht mehr so stark unter der Rückstrahlung der Sonne, dafür aber unter Luftmangel, zu leiden. Das Lesen ermüdet auf die Dauer, und man würde gern ein wenig plaudern. Die Gesellschaft hat sich in zwei getrennte Gruppen geteilt; auf der einen Seite die deutschen Beamten, die sich mit ihren Frauen auf ihre Posten in den afrikanischen Kolonien begeben; auf der anderen. Seite Engländer, Holländer, Schweden, fast durchweg Missionare, die die Negerstämme unterrichten und zivilisieren wollen. Ich gehe von einem zum anderen und mache den Versuch, durch Gesten, dieser Sprache der Armen im Geist, eine Bemerkung auszudrückeni aber da man doch nicht immer zu einer Verständigung gelangt, lächelt man sich gegenseitig zu und kehrt wieder zu seiner unterbrochenen Lektüre zurück. Freitag, den 4. Februar. Wir sind in Bab-el-Mandeb, dem „Tränentor", durch das der Ozean mit grossen Stürmen einbricht. Wir nähern uns dem Lande, und bei Sonnenuntergang sind wir in Aden. Die Ausschiffung ist nicht sehr bequem; ich nehme eine Barke und in dem Augenblick, da ich sie besteigen will, ist sie von einer Unzahl von Hotelboys bestürmt, die man von unserem Schiff fortgejagt hatte. Das Getümmel ist so gross, dass ich das Umschlagen des Boots befürchte und mich an der Schiffsleiter festklammere. In dieser schwebenden Lage muss ich warten, bis die herbeigeeüten Polizisten wieder Ordnung geschafft haben. Endlich steige ich an Land. Mittwoch, den 9. Februar. Man darf behaupten, dass Aden das Ergebnis des festen Willens und der unermüdlichen Tätigkeit der Engländer darstellt. Man ist erstaunt, diese so lebensvolle Stadt inmitten einer trostlosen Natur zu finden. Diese schwarzen, von vulkanischen Ausbrüchen in spitzen Zacken zerrissenen, von der Sonne gedörrten Felsenberge, diese wasser- und baumlosen Sandgefilde, die zu verlassener Einsamkeit bestimmt scheinen, wimmeln von Menschen und schwirren von Leben. Ueber die wüsten Ebenen, um und auf diese Hügel und Berge ziehen sich in geschmackvollen Linien lange Landstrassen, die zweimal täglich mit Seewasser besprengt werden. Diese Strassen sind von grossen Wohnhäusern besetzt, unter ihnen der Palast des Gouverneurs, die Verwaltungsgebäude der Zivil- und Militärbehörden, Kasernen, Konsulate und Hotels. Auf dem „Steamer Point" sieht man eine gedrängte Menge von Männern und Frauen: Die prächtigen, in weisses Linnen gehüllten Somalis mit Langem, glattem, schwarzem Haar und nackten Armen und Beinen; die Banianen im Wams und feinem Leinengewand, das die Form des Beines prall hervortreten lässt; die Parsis in langem über die Hosen fallendem Hemd; die prachtvollen Soldaten und die verschiedenen Gruppen von Reisenden, die nach den neuesten Pariser und Londoner Moden gekleidet sind und auf ein paaT Stunden ihre Dampfer verlassen haben, um in den Strassen der Stadt herumzuspazieren. Dazwischen fahren die leichten Wagen und die Automobile in dichten Reihen die Strassen entlang, und die kleinen barfüssigen. indischen Polizisten mit Khalu-Uniform. und hohem Turban bewachen und dirigieren diesen lebhaften Personen- und Wagenverkehr. Als vor 70 Jahren die Engländer nach Aden kamen, gab es hier 300—400 Juden; jetzt ist die jüdische Bevölkerung auf mehr als 4000 Seelen angewachsen. Diese Zunahme ist die Folge der Einwanderung von Juden aus Yemen, wo sie unter der Hungersnot und mancherlei Verfolgungen zu leiden hatten. Hier in dem englischen Land erhofften sie ausser der Freiheit auch ein leichteres und besseres Vorwärtskommen. . Die hiesige Gemeinde hat sich nicht nur in der Zahl ihrer Mitglieder vermehrt, sondern ist auch langsam auf materiellem, geistigem und sittlichem Gebiet fortgeschritten. Die sehr reiche Familie Messa besitzt eine grosse Zahl schöner Gebäude und hat einen Teil des Handels der Stadt in Händen; sie beschäftigt ungefähr hundert Beamte in verschiedenen Stellungen. Ausser der Familie Messa betreiben noch eine Anzahl anderer Familien das Export- und Importgeschäft mit Fellen, Elfenbein, Kaffee, Stoffen und Kolonialprodukten. In verschiedenen Familien beschäftigen sich Männer, Frauen und Kinder mit der Entfettung von Straussfedern; sie stellen daraus Boas her, die auf den Dampfschiffen verkauft werden, die in Aden Station machen. Die grosse Menge der jüdischen Bevölkerung ernährt sich durch Handwerk und durch Kleinhandel. Man lebt aus der Hand in den Mund von tausenderlei Gelegenheitsarbeiten; die Männer sind abwechselnd Kolporteure, Lastträger, Bauhandwerker und Schiffsknechte. In früheren Zeiten ist der Jude meist Handwerker gewesen und hat, ohne jede Hilfsmittel, allerhand grobe Arbeit für die Landbewohner geliefert. Aber mit der Entwicklung der Stadt machte sich das Bedürfnis nach sorgfältiger und vervollkommneter Arbeit geltend, und da die Juden sie nicht zu leisten vermochten, gab man ihnen keine Auf träge mehr. Sie schlössen ihre bescheidenen Werkstätten und wurden Tagelöhner. Nun kamen aus Indien in großer Zahl Banianen nach Aden, geschickte und wohlerfahrene Handwerker, die mit gutem Erfolg Tischler-, Goldschmiede- und andere Werkstätten einrichteten. Von jüdischen Handwerkern sind jetzt nur noch einige Juweliere, zwei Kesselschmiede — Vater und Sohn — und einige Maurer zweiten oder dritten Ranges vorhanden, und man braucht kein Prophet zu sein, um vorauszusehen, dass es in einigen Jahren keinen einzigen jüdischen Handwerker mehr in Aden geben wird. Beobachtet man die Juden dieser Stadt zum erstenmal, so empfindet man eine tiefe Betrübnis. Sobald man das von ihnen bewohnte Viertel betritt, wird man von einer Menge elender, zerlumpter Wesen von abschreckender Magerkeit umringt. Sie gehen barfuss und haben meist offene Wunden an den Beinen; als einziges Kleidungsstück tragen sie ein Hemd und eine Mütze von abstossender Schmutzigkeit. In der Synagoge traf ich dieselbe Menge von Notleidenden, unter ihnen hagere Greise, die auf der Erde sitzend mit hysterischen GHederverrenkungen und in geräuschvollem Singsang im Sohar, dem heiligen Buche, lasen. Sind das unsere Brüder? Haben wir denselben Ursprung wie diese Unglücksehgen? Das will mir nicht in den Sinn, und ich kann es nicht fassen, dass in einem freien Lande, in einer englischen Kolonie, noch solche elenden Menschen existieren können. Später habe ich noch ganz in Weiss gekleidete Juden der wohlhabenden Kreise gesehen, auch wieder andere, die an den heissesten Tagen in schwarzen Ueberröcken, ohne Krawatte und in Tuchbeinkleidern einhergingen — aber am nachhaltigsten ist in mir der erste Eindruck geblieben: Die in Lumpen gehüllten Juden und die in der Synagoge delirierenden Greise. Ich gehe in die Talmud-Thora-Schule, einem Holzhäuschen von gewöhnlichem Aussehen, das sehr gegen die Pracht der Synagoge absticht, und muss hier auf einer schwebenden Leiter zu den Schulräumen hinaufklettern. Diese sind enge Kasten, in denen die Kinder zu Dutzenden auf einer Art von Schulbänken zusammengedrängt sitzen, die für erwachsene Menschen eingerichtet sind. Die Lehrer sind ebenso wie die Bettler gekleidet, barfüssig und schmutzig; sie haben einen Rohrstock in der Hand und lassen die Kinder lesen. Es gibt im ganzen drei solcher Schulen, die zusammen