Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1910)
- Article
- Maharam Schiff
- Date
- 1910-12-01
- Page
- Seite 819 - 820 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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819 Talmudicus: Maharam Schiff. 820 gesetzt sind, um sie am Ueberschäumen zu verhindern. — Die Thora nimmt wenig Raum in Anspruch, liegt in einer Ecke da, und wer will, kann kommen und seinen Anteil an ihr haben und in ihr Dinge sehen, die kein Mensch zuvor wahrgenommen hat. (Man denkt hier unwillkürlich an das Wort eines grossen Dichters, wonach jeder, der mit offenen Augen Italien bereist, ein neues Italien finde, wie es keiner zuvor gesehen.) * * * Von den persönlichen Erlebnissen des Maharam Schiff wissen wir fast gar nichts. Aber derFettmilchschen Judenverfolgung, die er als neunjähriges Kind miterlebt hat (1614) möge gedacht werden. Der Frankfurter jüdischen Gemeinde, einer der meistgeprüften in Deutschland, drohte abermals der Untergang, und abermals wurde sie gerettet. Die Frankfurter Juden haben für all die ihnen angetane Schmach und Leiden in unvergleichlicher Weise Vergeltung geübt, indem sie soviel zum Wohlstand und zum Ruhm ihrer ehemals so stiefmütterlichen Vaterstadt beigetragen haben. Es war aber selbst damals für die Stadt keineswegs gleichgültig, dass ihre Judenschaft sich unter den Glaubensgenossen der ganzen W7elt eines so hohen Ansehens erfreute. Und dieses Ansehen wurde durch die Leiden der Gemeinde nicht minder als durch die Leistungen ihrer Söhne erhöht. Als der 17jährige Frankfurter Meir Schiff zum Rabbiner und Rosch-Jeschivah von Fulda gewählt wurde, war er wohl schon längst verheiratet, denn Rabbi Juspa Hahn erzählt uns, dass dazumal die vornehmen Frankfurter Familien ihre Söhne mit 14 oder 15 Jahren zu verheiraten pflegten. Aus dem tiefen Frieden seines Lehrhauses riss den noch nicht Siebenunddreissigjährigen die ehrenvolle Berufung nach Prag. Wohl um sich von seinen Eltern zu verabschieden, begab er sich, bevor er die damals so weite Reise antrat, nach Frankfurt, und hier ereilte ihn im Vaterhause der vorzeitige Tod. * * Von seinen Schriften hatte er noch nichts durch den Druck veröffentlicht, offenbar aus Mangel an Mitteln, die Auslagen zu bestreiten. Er hoffte wohl, dass die reichlichere Dotation seiner Präger Stellung ihm die Möglichkeit hierzu bieten würde. Aber als er auf dem Totenbette einsah, dass diese Hoffnung zunichte geworden, rief er seine einzige Tochter Henele herbei und sprach zu ihr wie folgt: „Ich habe Glossen und Novellen zum Talmud, zu den vier Turim und zur Thora und zu kabbalistischen Werken verfasst. Da nun mein einziger Sohn, dein Bruder Seinwil (der wohl leidend war) kinderlos sterben' dürfte1) so übergebe ich die Schriften in deine Obhut, verwahre sie gut im verschlossenen Schrein, damit sie nicht in unberufene Hände geraten, bis unter meinen Nachkommen einer ersteht, der befähigt sein wird, sie im würdigen Gewände der Gottheit darzubringen." Das geschah. Allein zweimal machten sich unwürdige Jünger über den Schatz her und plünderten davon, um es als ihr geistiges Eigentum auszugeben. Einmal geschah sogar ein — Wunder. Der Dieb wurde während seiner Missetat von einem Schrecken befallen, fiel in Olmmacht und gestand alles. Endlich übergab Frau Henele das väterliche Erbe ihrem inzwischen herangereiften Enkel Michael ben Wolf Stern, der denn auch der Editor seines Urgrossvaters M Er starb 1652. wurde. Mittlerweile hatte der Ruf des Maharam Schiff sich nur noch vergrössert. Die damalige Chronik „Zemach David" verewigte in dem Stile ihrer Zeit den Namen des Verstorbenen, „dem der Prophet Eliah erschienen war, und der Ghidduschim über den ganzen Talmud usw. verfasst, die aber noch nicht im Druck vorliegen." In rührenden Worten erzählt Michael Stern, was für Mühen und Entbehrungen er sich auferlegen musste, bis es ihm gelang, mit Hilfe freigebiger Freunde der Wissenschaft einen Teil des geretteten Nachlasses seines grossen Ahnen dem Druck zu übergeben. Er musste jedoch unterbrechen und verzweifelte schon. Da fanden sich abermals Mäcene, die das Unternehmen reichlich förderten. Und so konnten in den drei Jahren von 1739—1741 die Schriften in Homburg vor der Höhe erscheinen. Sie machten sofort grosses Aufsehen und erlebten eine Auflage nach der anderen. Im Jahr 1811 veranstaltete R.Mordechaj Mordisch aus Zolkiew, Rabbiner zu Peryck (Wolhynien) daselbst eine neue kritische Ausgabe der gesammelten Schriften, mit einem lichtvollen Kommentar und kritischen Bemerkungen. Es ist dies eine Arbeit von erstaunlicher Akribie, liebevoller Hingebung und Scharfsinn. Die vielen Druckfehler sind entfernt. Zweifelhafte Lesarten richtig gestellt. Die Dunkelheiten aufgehellt, und die angedeuteten Gedankengänge erläutert. „Ich bin sicher, dass mein Beginnen vor der Seele des im Himmel weilenden Verfassers Wohlgefallen findet," schreibt der neue Editor in naiver Gläubigkeit, „denn als in unserer Stadt ein Brand wütete, und ich, der ich damals hoffnungslos krank daniederlag, kaum mit dem nackten Leben entkam, verlor ich meine ganze Habe, nur das druckfertige Manuskript mit den Schriften des Maharam Schiff wurde gerettet. Das verdanke ich doch nur allein seiner Fürsprache." Von dem hohen Rang, den der Maharam in der talmudischen Welt sich. errungen hatte, zeigten die dieser Ausgabe beigedruckten Approbationen von zehn der bedeutendsten Vertreter des damaligen Rabbinismus, darunter Namen von grossem Klang, wie JakobOrnstein in Ilmberg, Ephraim Salmon Margalioth in Brody, und zwei der berühmtesten Häupter des Chassidisrnus, Lewi Jizchak Berdyczewer und der Kozenicer Maggid. — Seither häuften sich die Ausgaben dieses neu hergestellten und kommentierten Textes, und fast gleichzeitig wurden die talmudischen Glossen des Maharam Schiff dem weitverzweigten Kommentatorenapparat der grossenTalmudeditionen in vorderster Stelle einverleibt und der Verfasser dadurch gewissermassen zum Klassiker erhoben. Und gerade 170 Jahre bevor ein ferner treuer Schüler seine Geistesfrüchte in würdiger, neuer Hülle „der Gottheit darbrachte", am 20. Adar 1641 verstarb der Maharam Schiff in seinem Vaterhause zu Frankfurt am Main. Betreffs seines Begräbnisses hatte er eine Anordnung getroffen, die im Lichte ihrer Zeit als kühne Neuerung betrachtet werden darf. Es bestand seit unvordenklichen Zeiten der Brauch, den Vornehmen der Gemeinde eine besondere Reihe auf dem Friedhof einzuräumen und die Leute „niederen Standes" fernab zu begraben. Es war ein wenig Pietät, aber viel Aberglaube, und noch mehr hochmütiger Kastendünkel in diesem Brauch, den die Jahrhunderte geheiligt hatten. R. Meir Schiff wollte diesen Brauch abgeschafft wissen. Ein wahrer Aristokrat, verachtete er alle äusserlichen Unterschiede unter den Menschen.