Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1910)
- Article
- Maharam Schiff
- Date
- 1910-12-01
- Page
- Seite 821 - 822 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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821 Talmudicus: Maharam Schiff. 822 Er befahl, dass der erste Tote in der Gemeinde, der nach ihm käme, dicht an seiner Seite begraben werde. Das geschah. Es war eine Person dienenden Standes. Und wenn du einmal nach Frankfurt kommst, so verlass für eine Weile das rauschende Treiben der Weltstadt und suche die heilige Stille des alten jüdischen Friedhofs auf. Es verlohnt sich, ein Stündchen zwischen den dichtgedrängten Reihen dieser einfachen, schmucklosen Grabsteine, dieser stummen und doch so beredsamen Zeugen einer grossen Vergangenheit zu wandeln, und über das Vergängliche und das Ewige zu sinnen. In einer der Reihen bleibst du stehen und bückst dich nieder über einen geschwärzten, aber noch guterhalterien Grabstein, der die ihm von Horovitz angeheftete Nr. 2227 trägt. Und wenn du bedenkst, dass die Schiffs Kohanim waren, und dass man in alten Zeiten auf den Grabsteinen jenen feierlichen, an biblischen Anklängen so reichen Stil liebte, dann wirst du die folgende Inschrift verstehen: Dem Hohenpriester, unserem Lehrer und Meister Rabbi Meir Schiff. Mein Freund ist niedergestiegen in seinen Garten/ Gleich wie wenn die Sonne unterginge vor der Zeit./ Entführt wurde sein Schrein./ Eingegangen ist der Gerechte in seine Herberge;1)/ Vor den ewigen Gott zu seinem Wohlgefallen./ Der Gaon, ausgezeichnet durch Scharfsinn und Gelehrsamkeit. (Hier folgen Namen, Vatersnamen und Datum.) 0, wie schwand dahin der Glanz der Priesterwürde, der Thora und des Königtums im Reiche des Geistes!/ Möge seine Seele aufgenommen werden in den Bund des ewigen Lebens. Amen. Talmudious.!) Das Grab, als vorübergehender Aufenthaltsort für den verwesenden Leib. LEOPOLD STEIN. Zur Erinnerung an seinen 100. Geburtstag: 5. November 1910. Von Rabbiner Dr. Seligmann (Frankfurt). In die mittelalterliche Beschaulichkeit der grossen Fürther Talmud-Hochschule schlug im J'ahr 1826 eine Bombe ein, welche die mehrere Hundert zählenden Bachurim in alle Winde auseinandersprengte: Die bayrische Regierung erliess eine Verordnung, wonach die studierenden Jünglinge neben dem Talmud auch Deutsch lernen mussten; für die Anstellung der Rabbiner wurde Gymnasial- und Universitätsbildung gefordert. Diese Bombe bedeutete das Ende für dio jüdische Alt - Orthodoxie in Deutschland. Hatte es bis dahin, von verschwindenden Ausnahmen abgesehen, nur Rabbinen alten Schlages gegeben, ehrwürdige Männer,f die, im Talmudstudium grau geworden, der Bildung der Zeit und der neuen Bewegung im Judentum verständnislos gegenüberstanden, so wuchs jetzt eine neue Generation von Rabbinen heran, die, genährt an den Quellen alt jüdischen Talmud Studiums, in ihrer Seele alle Bildungselemente aufgenommen hatten, welche die Zeitkultur ihnen darbot. Es war eine grosse Reihe hochbegabter Männer, starke Persönlichkeiten voll wissenschaftlicher Bedeutung, voll rastloser Initiative, voll neuer umgestaltender Ideen, Forscher undKämp - fer, welche eine spätere, nicht von Parteileidenschaft getrübte Geschichtsschreibung zu den schöp- Leopold Stein. Nachdruck verboten, ferischen Geistern der jüdischen Geschichte wird zählen müssen. Zu diesen an der Wiege einer neuen Zeit stehenden grossen Führern gehört Leopold Stein, eine der sympathischsten und einflussreichsten Persönlichkeiten unter den grossen Rabbinern des 19. Jahrhunderts. Er war einer der versprengten Talmudschüler der Fürther Hochschule. Aber nicht als Heimsuchung, wie viele seiner Kommilitonen und wie die ganze alte Rabbinergeneration, sieht er die Schicksalswendung an, sondern wandert fröhlich aus der Jeschiba zum Gymnasium und kämpft sich durch die Würzburger Hochschule. Mit 24Jahren t erhält er seine erste Anstellung als Rabbiner in der kleinen bayrischen Landgemeinde zu Burgkundstadt. Dort führt er fast das idyllische Leben eines protestantischen Landpfarrers. Intime* Freundschaft verbindet ihn mit dem nachbarlich wohnenden Friedrich Rückert, dessen Einfluss aufseinpoetischesSchaffen von grosser Bedeutung ist. Leopold Stein war — und das ist vielleicht das charakteristische Merkmal seiner Persönlichkeit — eine hochgestimmte poetische Natur von grosser dichterischer Begabung, reich an Phantasie und voll weicher^Empfindung. Ob er als Prediger auftritt oder als Religions*