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Ost und West · 1910-12-01 · Heft 12 (Dezember 1910) · p. Seite 817 - 818

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 12 (Dezember 1910)
Article
Maharam Schiff
Date
1910-12-01
Page
Seite 817 - 818 (sequence 7)
Language
German
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817 Talmudicus': Maharam Schiff. 818 Wert kommt es an. Mit diesen Jüngern ging er den Talmud und die Turim durch, und die Quintessenz seiner Diskussionen und Entscheidungen brachte er zu Papier. Er verfuhr mit grosser Souveränität und geistiger Unabhängigkeit; Knappheit, Klarheit, Allseitigkeit und Tiefe, das sind die charakteristischen Merkmale seiner Lehrweise. Erstaunlich ist die Kühnheit, mit der er, von einem schlichten, unscheinbaren Text ausgehend, ein weitumspannendes Problem erfasst und mit allen Mitteln des blendenden Scharfsinns durchleuchtet, mit stupender Gelehrsamkeit aus allen Gebieten das Beweismaterial herbeischafft, der Pilpul nimmt einen hohen Flug, aber mit dem sicheren Takt des Genies weiss der Meister einzuhalten just an dem Punkte, der nicht überschritten werden darf, ohne dass der Pilpul sich in Sophisterei auflöst. Mit eiserner Faust zwingt er den Scharfsinn in die Bahnen 'der unerbittlichen Logik und Wahrheitsliebe. Und das alles in kurzen, schlichten, natürlichen Worten. Sehr oTt ist die Bemerkung in ihrer Abrundung und Geschlossenheit ein wahres Kunstwerk. An manche^ unbeschoinbare Stelle knüpft sich oft eine erstaunliche Fülle von fruchtbaren und weittragenden Gedanken, aber der Verfasser bleibt stets in der bescheidenen Rolle des Kommentators. Ein grosser Herr streut hier achtlos und mit gleichgültiger Handbewegung seine Goldmünzen aus, die für die Armen, welche sie auflesen, einen Reichtum bedeuten. * Und neben dem strengen, kalten, nüchternen Logiker und Gesetzeslehrer stand ein anderer Maharam Schiff, ein warm fühlender, poetisch empfindender, gütiger, fröhlicher, humorvoller Hirte seiner Gemeinde. Eine mündliche Ueberlieferung berichtet über ihn folgendes: Einmal kam ein Mann zu ihm und sagte: „Ich war krank und gelobte, wenn Gott mich gesund werden lässt, den zehnten Teil meines Vermögens an Arme zu schenken. Ich besitze 1000 Taler und möchte 100 davon an 100 Arme verschenken". Darauf antwortete der Maharam mit einem Gleichnis: „In meiner Nachbarschaft wohnt ein kleines, armes Mädchen, das war lange Zeit krank. Seine einzige Freude waren zwei Spatzen, die ans Fenster herbeikamen und zwitscherten und lustig umhersprangen. Als das Kind genas, schenkte ihm sein Vater eine Handvoll Körner zum Spielen. Das Mädchen wollte die Körner aus Dankbarkeit seinen lieben Vögoln streuen. Der Vater aber sprach: Tu das nicht, Kind. Die Vögel picken die paar Körner weg und sind nachher wieder hungrig. Säe sie lieber in deinem kleinen Gärtchen im Hof, dann erntest du soviel, dass du den ganzen Winter hindurch deine beiden Vögel ernähren kannst." Also sprach der Maharam. Der Mann verstand das Gleichnis und sagte zu sich: Wenn ich 100 Armen je einen Taler schenke, haben sie nicht auf einen Tag zum Le'ben und sind gleich wieder hungrig. Er suchte und fand einen tüchtigen und ehrlichen Mann, den Unglück und Krankheit in tiefste Not gebracht hatten. Dem gab er die ganzen 100 Taler. Der fing von neuem sein Geschäft an, und hatte den Segen Gottes und brachte es zu grossem Reichtum. Und da er selber die Armut gekostet hatte und wusste, wie Hunger schmeckt, vergass er nie, dass er sein Glück einem Almosen verdankte, darum kannte seine Wohltätigkeit keine Grenzen. Er rettete zahlreiche Familien aus der Not, erzog Waisen und speiste Hungrige! — Diese prächtige Volksüberlieferung kennzeichnet wohl am besten den Mann, an dessen Namen sie sich knüpft. Maharam Schiff war ein Freund und "Kenner der Kabbalah und er zitiert den Sohar viel häufiger als den Moreh Nebuchim und Ibn Esra. Aber er räumte der Mystik nicht den geringsten Einfluss auf die halachische Diskussion und Entscheidung ein. Dagegen pflegte er die Aggada eifrig, und wir besitzen von ihm eine Reihe von Predigten und Homilien zu verschiedenen Sabbaten, und mehrere aus Anlass eines „Sijjum", nämlich der Festlichkeit, die beim Abschluss eines Talmudtraktates begangen wird. Auch mitten in einer streng pilpulistischen Diskussion bricht zuweilen, wie ein warmer Strahl, eine feinsinnige, aggadische Bemerkung durch. So, wenn er mitten in die trockene Erklärung einer Talmudstelle Baba bathra 110a, in seinem sachlichen, klaren Stil einen Lobpreis der manuellen Arbeit einflicht, indem er das Handwerk schlechthin das Leben nennt. Doch gelte dies nur für das reinliche, ehrenhafte Handwerk; ein Gewerbe, dem der leiseste Makel anhaftet, müsse man unbedingt meiden, auch wenn man sich in so schlimmer Lage befinde, dass man — was er als Gipfel des Unglücks ansieht — Menschenhilfe anzurufen gezwungen ist. Darauf kommt er wiederholt zurück, und man fühlt aus diesen Worten den Gesinnungsaristokraten heraus. Es wäre eine verlockende Aufgabe, aus seinen Homilien und Predigten einerseits seine Welt- und Lebensanschauung zu konstruieren und andererseits auch hier dieselbe Geistesrichtung nachzuweisen, die seine strengen halachistischen Studien beherrscht. Diesmal mögen einige kurze Andeutungen genügen. In der Sijjum-Derasohah zum Traktat Gittin, der von der Ehescheidung handelt, sammelt er die im Talmud und Midrasch verstreuten Aussprüche zu Ehren der Frau und flicht aus ihnen einen herrlichen Kranz des Frauenlobs. Sein feiner Humor konnte sich bisweilen zum Sarkasmus steigern. Der Talmud verzeichnet einen alten Volksaberglauben, wonach das Gedränge im Bethammidrasch beim Lehrvortrag von den bösen Geistern herrühre, die sich mit einmischen. Was Wunder, ruft Maharam, unsere Weisen geben ja den guten Rat: begegnet dir der Jezer-hora, der Geist, der zum Bösen verführt, so ziehe ihn nur mit ins Bethammidrasch; dort überwindest du ihn am leichtesten. Jeder Hörer bringt also seinen bösen Geist mit; daher die Enge. — Ein andermal h.dsst es im Talmud: Kein Mensch ist so glücklich, dass er beim Tode auch nur die Hälfte dessen erreicht hätte, was er begehrte. Denn, wenn er eine Million besitzt, begehrt er deren zwei. (Wobei ich hier die Million anstatt einer ungleich viel bescheideneren Zahl setzte, wie sie der Talmud nennt.) Hier ist ein offenbarer Widerspruch, denn, wenn er eine Million besitzt, so hat er doch just die Hälfte von dem, was er sich gewünscht. Aber die Welt — bemerkt Maharam Schiff — schätzt die zweite Million eben doppelt so hoch ein als die erste. — Er weigerte sich, eine Geldstrafe — wie dies damals üblich war — auf gewisse religiöse Uebertretungen zu setzen. „Denn wenn die Furcht Gottes nicht grösser ist, als die Furcht vor der Geldstrafe, so ist die Sache gar nichts wert." — Es gibt grosse und kleine Frevler in der Welt. Demgegenüber gibt es grosse und mindergrosse Gerechte in der Welt. Die Guten und Gerechten müssen soviel Gutes tun als möglich, um durch ihre Taten die Frevel der Sünder aufzuwiegen, da sonst das Böse die Welt überfluten und ertränken könnte. Die Guten gleichen den Bergen, die (nach dem Glauben der Alten) über die wilden Wogen des unterirdischen Ozeans

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