Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1910)
- Article
- Maharam Schiff
- Date
- 1910-12-01
- Page
- Seite 815 - 816 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2583875-2583993-2584005-2596003--11249-2596067- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
'815 Talmudicus: Maharam Schiff. 816 wich und die schlichten und tiefen, auf den Prinzipien der gesunden Logik und des klaren Verstandes sich aulbauenden Methoden der Forschung zu überwuchern drohte. Da der Pilpul dem Esprit freies Spiel gewährte und dem Scharfsinn keine Schranken setzte, übte er auf die Jünger eine ge; ährliche Anziehungskraft aus, hatte etwas viel Verlockenderes als die strenge, nüchterne Methodik der Halacha, deren höchste und heiligste Aufgabe es war, als Richtschnur des Gesetzes zu dienen und das praktische Leben zu regulieren. Gerade die höchstbegabten und subtilsten Geister konnten nur schwer dem Höhenrausch dieser die Phantasie und den Geist in gleicher Weise beflügelnden Lehrmethode widerstehen. Aber Männer von harter Selbstzucht kehrten auf halbem Wege um, bevor sie ganz vom Taumel ergriffen waren. Um die Zeit, in der der Maharam Schiff zur Vollreife gedieh, eiferten gerade einige der bedeutendsten seiner älteren Zeitgenossen scharf gegen den Pilpul. Rabbi Ephraim Lenczyc nannte dessen Anhänger Verräter am Gotteswort. Auch R. Jesajas Halowi Horowitz, der viel gefeierte Rabbiner von Frankfurt a. Main, den man sicher ebenso wie R. Juspa Hahn, als einen der Lehrer des jungen Meiir Schiff betrachten darf, war ein ausgesprochener Gegner des Pilpul. Aher alle Bemühungen der Koryphäen, ihn abzuschaffen, oder wenigstens einzuschränken, waren vergeblich, und das hatte einen tieferen Grund, den die Zeitgenossen freilich nicht einsehen konnten. Es ist eine merkwürdige Tatsache, dass zugleich mit dem Pilpul die Kabbala blühte, die doch im wesentlichen seinen schärfsten Gegensatz bildet. Es war nicht selten, dass die scharfsinnigsten Pilpulisten, vor deren haarspaltendem Verstand alle Dunkelheit wich und die verworrensten Gedankengänge sich glät eten, in die geheimnisvollen Träumereien der Kabbala sich versenkten und in den von einem mystischen Helldunkel beleuchteten Gefilden des Sohar oder des Schaare Orah sich ergingen. Das war aber nur scheinbar ein Widerspruch. Im Grunde suchte man in beiden Richtungen Befriedigung, nur Befriedigung für einen grossen tiefen Drang zwiefacher Natur, der in der Seele lebte, ohne sich betätigen zu können; den Drang nach Wissenschaft und den Drang nach Poesie. Die gehäuften Leiden, die seit Jahrhunderten über die europäische Judenheit in ununterbrochener Folge gekommen waren, hatten sie aus allen Kulturzentren verdrängt, ihre eigene, einst so lebhafte Kulturtradition verödet, ihre alte, einst so reiche wissenschaftliche und philosophische Literatur in Vergessenheit gebracht, ihrer Frömmigkeit einen finstern, asketischen Geist eingeflösst, ihren freundlichen Verkehr mit der Aussenwelt abgeschnitten. Nur die religiöse Literatur war ihnen nach harten, schweren Kämpfen gerettet worden, und dieser wandte sich ihre ganze zärtliche Liebe und Sorgfalt zu. Der Geist kehrte sich nach Innen und baute sich eine Welt „innerhalb der vier Ellen der Halacha". Draussen fing gleich die feindselige, drohende Fremde an, aus der man unter solch bitteren Qualen vertrieben worden war. Und alles, was dort gedieh, war wieder, wie ehemals in den trübsten, einmal aber schon überwundenen Zeiten, fremdes Gut. Man musste sich davon fernhalten, wollte man nicht an seiner Seele Schaden nehmen. Auch die Poesie war längst verstummt. Nur hier und da ertönte eine matte, farblose Klage, von Schluchzen und Tränen erstickt, über die unaussprechlichen, immer sich erneuernden Leiden. Die Juden, die soviel zur Vorbereitung der Renaissance in*~ Europa beigetragen haben, wurden durch ein tragisches Schicksal daran gehindert, sich an deren Blüten zu erfreuen und deren Früchte zu gemessen. Aber der Geist lässt sich auf die Dauer nicht ersticken, und bald regte sich das Bedürfnis nach Betätigung und der Durst nach Poesie. Da war es ein grosses Glück, dass den Juden ihr altes Erbe, aus dem keine Menschenmacht sie verbannen konnte, geblieben war: die woitschichtige religiöse Literatur. Sie ersetzte ihnen Philosophie, Mathematik, Naturwissenschaften. Hier durfte sich der Geist nach Belieben tummeln, ohne zu fürchten, sich auf fremdes Gebiet zu verirren. Der Talmud und die sich auf ihm aufbauende Wissenschaft war es, welche den jüdischen Geist vor Versumpfung und Stumpfheit bewahrte. Mochte der Stoff der gedanklichen Tätigkeit einseitig und begrenzt sein und nur einen kleinen Ausschnitt des dem Menschen Wissenswerten darbieten, gleichwohl konnte an diesem Stoff der Geist sich ausleben und seine Kraft entfalten, ohne sie einrosten zu lassen. Vertieft man sich heute in diese alten Folianten, so staunt man über die Mannigfaltigkeit der hier vergrabenen Talente, die bis zum Genie hinaufreichen, als dessen Merkmal ja schon Aristoteles das to 6,u.oiov {koupsiv bezeichnet hat. Dieser Stoff wurde wieder und immer wieder behandelt, nach allen Richtungen gekehrt und gewendet, ohne Kontrolle und Vergleich mit anderen Disziplinen, und schliesslich musste der Geist, von keiner anderen Richtung abgelenkt, von keiner anderen Tätigkeit absorbiert, den Pilpul hervorbringen. Andererseits fand das metaphysische und poetische Bedürfnis in der Mystik der Kabbala sein Genüge. Allein dieser Haschisch war viel gefährlicher. Ungesunde Richtungen führten .hier auf der einen Seite zum Abfall, auf der anderen zu einer Verwilderung des Geisteslebens, von der weite Schichten sich bis auf den heutigen Tag nicht befreit haben. Es ist nun leicht zu begreifen, dass alle Bemühungen der Kapazitäten, den Pilpul oder wenigstens seine Auswüchse zu beseitigen, fruchtlos blieben. Unschädlich konnte er nur aus sich heraus gemacht werden. Es musste eine Methode gefunden werden, die eine Synthese zwischen der natürlichen Logik und dem schwunghaften Scharfsinn herstellte, diesen, ohne ihm die Flügel zu stutzen, in die eisernen Bande der gesunden Vernunft spannte, und ihn vor allem der strengen ethischen Pflicht, die Wahrheit zu erforschen und sie für das alltägliche Leben fruchtbar zu machen, unterwarf. Das vollbrachte der junge Rabbi von Fulda. Er hatte in Frankfurt eine gute Schule durchgemacht. Der Vater dürfte wohl sein Hauptlehrer gewesen sein. Zweifellos aber hatte auch der bereits erwähnte Rabbi Jesajas Horowitz, wie nicht minder Rabbi Juspa Hahn, einer der edelsten und anziehendsten Männer seiner Zoit, auf ihn einen grossen Einfluss geübt. In Fulda sammelte sich eine kleine, aber erlesene Jüngerschar um ihn. Eine in talmudischen Kreisen fortlebende Tradition über ihn erzählt, seine Frau habe ihn wegen seiner geringen Jüngerzahl gehänselt. Darauf habe der Maharam Schiff geantwortet: Siehe, wenn ich z. B. Jahrzeit habe und Gottesdienst abhalten möchte, um Kaddisch zu sagen, und es kämen Legionen von Weibern und Kindern, so könnten sie mir nichts nützen; aber zehn erwachsene Männer machen eine vollgültige Gemeinde. Nicht auf die Zahl, sondern auf den