Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1910)
- Article
- Maharam Schiff
- Date
- 1910-12-01
- Page
- Seite 813 - 814 (sequence 5)
- Language
- German
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813 Talmudicus: Maharam Schiff. 814 nahezu zwanzig Jahre seines Amtes waltete, bis er auf einen der angesehensten Rabbinatsthrone der damaligen Welt, nach Prag nämlich, berufen wurde. Doch bevor er noch vermocht hatte, dieser Berufung Folge zu leisten, musste er einem andern, dringendem Ruf gehorchen, der ihm gebot, diese Welt in der Blüte der Jahre zu verlassen. Es gab damals in Europa einige Rabbinats- Residenzen, die sich in der ganzen Judenheit des höchsten Ansehens erfreuten. Das waren Amsterdam, Hamburg mit seinen Nebengemeinden Altona und Wandsbek, Krakau, Lemberg, Lublin, Metz, Nikolsburg, Frankfurt a. Main, Posen, Prag, von denen aber einige eigentlich erst im 18. Jahrhundert zu grosser Berühmtheit gelangten, andere ihre Bedeutung bis in die neuere Zeit zu behaupten vermochten. Nach einer dieser Gemeinden als Rabbiner berufen zu werden, galt als die grösste Auszeichnung, die einem jüdischen Manne zuteil werden konnte, und von ihr fiel ein Glanz auf seine Familie und auf seine fernen Nachkommen. Das war gleichsam eine 'Standeserhöhung, eine Nobilitation, nicht von irgendeinem Duodezfürsten gegen Erlag einer bestimmten Taxe vollzogen, sondern durch die übereinstimmende Meinung der Besten des jüdischen Volkes. Doch war das eine eigenartige Standeserhöhung. Keine materiellen Privilegien und Vorrechte waren damit verbunden, sondern nur erhöhte Pflichten. Und sie vererbte sich nicht so ohne weiteres auf die Nachkommen, wie ein Geldsack oder ein paar Quadratmeilen Grund und Boden, sondern die Nachkommen mussten immer von neuem erwerben, was sie ererbt hatten von ihren Vätern. Sie war auch nicht an ein Fideikommiss gebunden, denn der Boden, an dem man Grossgrundbesitzer sein musste, um diesen Adelsrang zu erhalten, war „das gemeinsame Erbe der Gemeinde Jakobs, die Thora, die uns Mose überliefert hat." Der Rabbiner im allgemeinen war dazumal nicht ein „Kultusbeamter", dem die vorgesetzte Behörde, der Gemeinde vorstand, nach Belieben befehlen darf, und dem er, wenn er sich brav aufführt, das Zeugnis ausstellt, er sei „eine Zierde seines Standes", etwa wie ein gewissenhafter Buchhalter oder eine tüchtige und treue Wirtschafterin!x) Er war der primus inter pares, der Führer, Lehrer und Lenker seiner Gemeinde. Zumal die Rabbiner der obengenannten Gemeinden waren richtige Herrscher und es war keine leere Phrase, wenn ihnen die Zeitgenossen das Epitheton: „Rabban schel kol bene haggolah" (Meister der ganzen Diasnora) beilegten. Denn ihre Herrschaft erstreckte sich tatsächlich über die Juden der fernsten Länder. Selbstverständlich war das nicht etwa eine Herrschaft vermöge materieller Gewalt, sondern kraft einer freiwilligen Unterwerfung und einer spontanen Anerkennung der geistigen Oberhoheit, welche jene Männer durch ihre Ueberlegenheit ausübten. Zeugen dieser Oberhoheit sind die beinahe unzähligen Responsen, in denen die Rabbinen die ihnen aus allen Gegenden der Diaspora vorgelegten Fragen aus allen Gebieten des religiösen Lebens — und welches Gebiet umfasste damals das religiöse Leben nicht? — entschieden. Nicht etwa, dass der Rabbiner einer grossen Gemeinde der Vor- *) Solches Zeugnis haben ein paar fromme Herren im vorjährigen Herbst den Rabbinen Hamburgs in den vergangenen Jahrhunderten auszustellen geruht Die Zeitgenossen jener Rabbinen betrachteten sie indes als Zierden des Judentums. Un<l der gleichen Ueberzeugung ist auch die Nachwelt bis auf den heutigen Tag —Aber wenn der Am-Haarez „fromm" wird, ist nichts vor ihm sicher. gesetzte einer kleineren gewesen wäre. Jeder Rabbiner war in seiner Gemeinde souverän, und die Gemeinden waren voneinander vollkommen unabhängig. Nur die geistige Ueberlegenheit gewährte denen, die sich ihrer rühmen durften, einen solchen weitreichenden Einfluss. Und so sehr das Rabbinat als aristokratische Institution erscheint, so war es in seinem Wesen und in seinem Kern demokratisch. Denn, da das Gut, dessen Besitz und Pflege gleichsam den Adel verlieh, Gemeingut des ganzen Volkes war, so war jedermann aus dem Volke zu dessen Pflege und Besitz berufen, und jedes Rabbiners Stolz und Freude war es, so viele aus dem Volke als möglich zu dessen Pflege und Besitz zu berufen.' In seinem Wesen war der Rabbiner nichts als Volkslehrer, nichts weiter. Dieses Lehramt übte er weniger durch die Predigt — viele waren überhaupt keine Prediger, gepredigt wurde im allgemeinen sehr selten — als durch das wirkliche Lehren, sei es durch die ungeheuer ausgedehnte Korrespondenz, die die Resultate des Forschens einzelner in die fernsten Gegenden trug und einen regen Gedankenaustausch vermittelte, von dem selbst wir heutzutage, im Zeitalter der Presse, uns nur eine schwache Vorstellung machen, sei es durch das lebendige Wort, indem jeder Rabbiner allabendlich, oder einigemal in der Woche, vor seiner Gemeinde einen Vortrag hielt. Die University extension war im Ghetto noch vor Jahrhunderten eine feststehende Institution. Noch wichtiger jedoch war die Lehrtätigkeit des Rabbiners als Oberhaupt der Jeschiva. Da sassen die Jünger zu Füssen des Meisters und bildeten sich unter seiner Leitung zu Kennern der Thora heran. So kam es, dass die hervorragenden Männer einen sehr grossen persönlichen Einfluss gewannen, lange bevor ihre Schriften in der Welt bekannt wurden. Das war auch beim Maharam Schiff der Fall. Sein literarischer Nachlass wurde erst von seinem Urenkel publiziert, aber schon bei Lebzeiten galt der junge Meister als einer der grössten Gelehrten seiner Zeit, dessen Lehrweise als bahnbrechend angesehen wurde. Um seine Bedeutung richtig zu würdigen, muss man auf die Entwicklung des jüdischen Geisteslebens seiner Zeit einen Blick werfen. Es war damals die Blütezeit des sog. „Pilpul", jener bis zur Spitzfindigkeit scharfsinnigen Methode der Hermeneutik, die schon im Talmud selber ihre Wurzeln hatte, später, namentlich von der deutsch-französischen Tosafisten- Schule ausgebildet und Jahrhunderte nachher von dem in Polen tätigen Prager Rabbiner Jakob Polak (zirka 1470—1530) erneuert und bis zum Extrem getrieben wurde. Es ist leider unmöglich, im Rahmen dieses Artikels das Wesen des Pilpul, seine Entwicklung und seinen Einfluss auch nur annähernd zu kennzeichnen. Das möge einer anderen Gelegenheit vorbehalten bleiben. Für diesmal genüge es, zu sagen, dass der Pilpul die in jeder wissenschaftlichen Disziplin notwendige und gebotene Anwendung des Scharfsinnes und der geistreichen Diskussion, um der Wahrheit auf den Grund zu kommen, bis aufs äusserste übertrieben und zum Selbstzweck gemacht hat. Es war nunmehr schon Kunst für Kunst, Kasuistik und Dialektik arteten nach und nach zu einer Sophisterei aus, die freilich sich nie so weit verstieg, etwa die Grundlagen der Religion anzugreifen (diese waren von der Diskussion überhaupt ausgeschlossen) oder auch nur die Religionsgesetze anzutasten, aber oft im Schwünge des Wortgefechts von der Wahrheit ab-