Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1910)
- Article
- Maharam Schiff
- Date
- 1910-12-01
- Page
- Seite 811 - 812 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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811 Talmudicus: Maharam Schiff. 812 zum ewigen Gedächtnis für die Nachwelt überliefern. „Der greise Gelehrte Salomon Tewele Schiff lernte und lehrte; ein Sohn der Thora und ein Spross edler Vorfahren, leitete er seine Kinder in den Wegen der Thora". Salomon, Sohn des Parnas u. Manhig Hirz Schiff „war ein' Friedensstifter und lieb zu den Menschen". Tewele Schiff war „treu und rechtschaffen im Handel und Wandel und übte Wohltaten im Verborgenen". „Dem vornehmen Herrn und Patrizier Uri Phöbus Schiff weinen wir heisse Tränen nach, denn er diente Gott mit seiner Person und seinem Vermögen." Der Parnas u. Manhig Feiss, Sohn des Feiss Frank Schiff, „war makellos im Wandel; seit seiner Jugend pflegte er Umgang mit Gelehrten". Einer, dessen Vorname schon verwischt ist, war der Sohn des Meir Schiff und er „war fromm und bescheiden, unermüdlich im lieben von Wohltaten, geschmückt mit Tugenden, hochgeschätzt unter allen Söhnen seines Volkes". „Dem greisen, ehrwürdigen Patrizier, Treuhänder der Gemeinde, Elieser ben Jakob Schiff, weinen wir reichliche Tränen, denn mit ihm wurde die Krone von unserm Haupte genommen, er war der gerechteste und makelloseste Mann seiner Zeit." „Der hochbetagte und ehrwürdige Mose ben Isaak Schiff hatte eine unversiegbar offene Hand für die Armen, nahe und ferne, besonders aber liebte und förderte er jene, die Thora lernten." Hirz, Sohn des Parnas u. Manhig Josewel Schiff, „war rechtschaffen und lauter; ein Sohn der Thora und Spross edler Vorfahren, war er bescheiden und demütig, beliebt bei Gott und Menschen . . . Keinen Tag verfehlte er, zur festgesetzten Stunde dem Studium der Thora obzuliegen; treu war er und redlich im Handel und Wandel; sein Haus stand allen Dürftigen offen und es war eine Wohnstätte der Thora; er war ein Freund der Gelehrten und selber ein Mann der Wissenschaft; sein Wort galt viel in der Gemeinde, deren Pfleger und Führer er viele Jahre lang gewesen." Ergreifend ist manche Inschrift, die liebende Hände zu Häupten der Frauen dieser Familie eingegraben: „Die züchtige und fromme Frau Vogel Schiff übte Werke der Barmherzigkeit an Lebenden und. Heimgegangenen zu jeder Zeit und zu jeder Stunde; helfende Hand reichte sie Armen und Dürftigen, keiner ging ungetröstet von ihrer Schwelle. Sie kasteite sich durch Fasten viele Tage im Jahre." „Die fromme Brendlin, Gattin des Patriziers und Herrn Josewel Schiff, war eine würdige und hochgeachtete Frau, stets bereit zu jeder edlen Tat, allen, die sie anriefen, eine Helferin." Gutlin (die Mutter des Maharam Schiff) „war eine tapfere Frau, eine rechte Herrin, die Krone ihres Gatten, unseres herrlichen Dajjan Rabbi Jakob Schiff. . . . Im Glanz ging sie ein in die ewige Welt am 13. Weadar 415" (1655). „Die würdige Frau Henele Schiff übte ihr Leben lang Wohltaten und Werke der Nächstenliebe mit stiller Hand an verborgenen Armen. In jungen Jahren von schwerem Leiden heimgesucht, verfehlte sie doch nie, zweimal des Tages im Gotteshaus ihre Andacht zu verrichten. Auf das Krankenlager hingeworfen, ertrug sie in Ergebenheit und Liebe die göttliche Schickung, und mit einem Gebet auf den Lippen hauchte sie ihre Seele aus." — Der Vater des nachmaligen Maharam, Rabbi Jakob ben Uri hakkohen Schiff fungierte in seiner Heimatstadt als Rosch Jeschivah, was hier nicht, wie anderwärts, nur Oberhaupt des Lehrhauses, sondern zugleich Präsident des Rabbinerkollegiums bedeutete, da in Frankfurt, einem alten Brauch zufolge, der Gerichtshof, der sich aus den vornehmsten Gelehrten der Stadt zusammensetzte und in den wichtigsten organisatorischen, Verwaltungs-, rituellen und zivilrechtlichen Fragen zu entscheiden hatte, Jeschivah genannt wurde. Rabbi Jakob ben Uri hakkohen Schiff nennt einmal seine Gemeinde mit Stolz eine Mutter- und Mustergemoinde in Israel, in deren Mitte geistige und weltliche Grösse im Vereine blühten. * ., * * Wenn wir nun erfahren, dass Meir Schiff 1622, also , in seinem 17. Lebensjahre, zum, Rabbiner von Fulda, „welches dazumal eine Stadt voll von Weisen und Schriftgelehrten war", gewählt wurde, so wirft das ein klares Licht auf seine Jugend, von der wir sonst fast gar nichts wissen. Diese Tatsache ist um so bedeutsamer, als damals die Blütezeit des Talmudstudiums in Deutschland und Polen war, und einige der älteren Zeitgenossen Mei'rs zu den grössten rabbinischen Autoritäten aller Zeiten gehörten. Da war der ihm geistig am nächsten stehende Maharscha, Samuel Edels in Posen (später in Ostrog) 1565—1631, dessen Schwiegermutter Edele auf ihre Kosten eine grosse Jüngerschar aushielt, die im Lehrhause ihres Schwiegersohnes zu dessen Füssen sass. Seine Glossen zum Talmud waren 1598 in Prag erschienen und hatten seinen Namen weit und breit bekannt gemacht. R. Meir Schiff zitiert ihn oft, und polemisiert manchmal gegen ihn. Da war ferner Josua Falk Kohen (1550—1615) in Lemberg, einer der ersten Meister besonders auf dem Gebiete des Zivilrechts, ferner Meir Lublin (1554—1616), mit dreissig Jahren bereits Rabbiner von Krakau, nachher von Lemberg. In Prag lehrte R. Lipmann Heller, wohl der klarste, umfassendste und tiefste Kopf seines Zeitalters. Später nach Krakau gekommen, hatte er dort zu Kollegen Rabbi Joel Särkes, kurzweg von den Initialen seines Werkes Ba(jith) ch(adasch) als der Bach bekannt und berühmt (1560—1641), ferner Rabbi Josua ben Josef Falk, einen der meistbefragten und fruchtbarsten Respondenten seiner Zeit, dessen Urenkel nachmals in Frankfurt a. Main als Oberrabbiner fungierte. Während der Kindheit Meirs wirkte in seiner Vaterstadt neben einer Anzahl anderer ausgezeichneter Gelehrter Rabbi Jesajas Halewi Horowitz, in der ganzen Judenheit hochberühmt und verehrt, noch bevor sein grosses Werk „Schelah" erschienen war. Alle diese Männer haben dank ihrer grossen Gelehrsamkeit und Frömmigkeit, durch ihre Werke, durch ihre Lebensschicksale, sowie durch Verordnungen und Einrichtungen, die sie geschaffen, unverwischbare Spuren in der Geistesgeschichte des gesamten jüdischen Volkes zurückgelassen. Es war sehr schwierig, neben diesen Leuchten der Wissenschaft, deren Licht weithin erstrahlte, sich Namen und Ansehen zu erwerben. Und wenn ein junger Mensch in Frankfurt am Main, einer der Hauptstätten rabbinischer Wissenschaft, sich eine so hohe Geltung verschaffen konnte, dass er im 17. Lebensjahr von einer Gemeinde, die „voll war von Weisen und Schriftgelehrten", zu ihrem Oberhaupt berufen wurde, so lässt das auf eine ungewöhnlich geniale Veranlagung schliessen. Es muss aber nicht jene Frühreife sogenannter Wunderkinder gewesen sein, die nur zu häufig in Banalität und Alltäglichkeit sich auflöst. Denn er rechtfertigte glänzend seinen frühzeitigen Ruf nicht nur durch seine Werke, die heutzutage, dreihundert Jahre später, nichts von ihrem Wert eingebüsst haben, sondern auch dadurch, dass er in der Gemeinde Fulda