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Ost und West · 1910-12-01 · Heft 12 (Dezember 1910) · p. Seite 809 - 810

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 12 (Dezember 1910)
Article
Maharam Schiff
Date
1910-12-01
Page
Seite 809 - 810 (sequence 3)
Language
German
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809 Talmudicus: Maharam Schiff. 810 diesen neuen Männern zu, die, anstatt in der Lehre und den Lehrern zu forschen, wie dies seit ewigen Zeiten geschah, plötzlich anfingen, über die Lehre und die Lehrer zu forschen. Da unterfingen sie sich, dies und jenes, welches so uralt schien, und feststand, wie die Welt, als in einer bestimmten Zeit, unter bestimmten Bedingungen entstanden darzustellen. Als ob nicht alles, was ein frommer Jünger Neues ersinnen sollte, schon im Worte der Schrift verborgen keimend ruhte, bis der Geeignete kam, um es zum Leben zu erwecken? Und da jeder Meister nur ein Instrument des Geistes war, so war es im Grunde gleichgültig, wann und wo er gelebt, sogar wie er geheissen und wer seine Vorfahren gewesen. Bis zu einem gewissen Grade wurde jeder seiner individuellen Physiognomie entkleidet. Der Mann trat im Bewusstsein der Nachwelt hinter sein Werk zurück. Dieses allein kannte und nannte die Welt. Der Kolbo, der OrZarua, derTur, der Mischneh Lammelech, derBeth Joseph, der Schulchan Aruch, der Türe Zahav, der Schach — man kann das Werk in- und auswendig kennen, ohne genau den Namen des Verfassers zu wissen, geschweige denn in seiner Biographie bewandert zu sein. Alles was sterblich und zufällig an den Persönlichkeiten der Meister war, erlosch — sank hinab in das Unbekannte, verlor sich aus der Erinnerung der Menschen, — häufig zum grossen Leidwesen des Historikers. Mochte müssige Neugier danach schnüffeln. Nur was die Lehrer gedacht, was sie an geistigem Gut erwrorben und der Nachwelt Übermacht hatten, blieb aufbewahrt. Freilich erwachte auch hier bisweilen die Neugier und fing an, nach den Zeitereignissen, nach den persönlichen Schicksalen und E.-lebnissen der bedeutenden Männer zu fragen. Aber sie blieb eben nur Neugier, steigerte sich nicht zur Wissbegierde und konnte darum nicht zum Range der Wissenschaft erhoben werden. Man überlieferte sich mündlich das Gehörte, zeichnete es wohl auf und liess es drucken, aber das lief alles nur so nebenher, nachsichtig geduldet, als Beschäftigung für die Mussestund^n, zum Ausruhen nach anstrengender Gedankenarbeit, aus Pietät für das Andenken der grossen Heimgegangenen; Unterhaltungsstoff für die Dämmerstunden, für die Sabbat- und Feiertags - nachmittage, zur erquickenden, poetischen Belohnung für die schweren Mühen, die der „Kampf der Thora" auferlegte, oder als frommes, erbauliches Beispiel für das Leben, aber nicht als Gegenstand ernster Forschung — gleich wie die Aggada im babylonischen Talmud und in den Midraschim. Sagenhaft ausgeschmückt, oft ins Heroische gesteigert, aber auch anekdotisch verziert, gedieh da im Schatten des Beth-Hammidrasch eine eigenartige Historiographie, deren Erzeugnisse, durch Handschrift oder Druckerpresse festgehalten, dem modernen Historiker oft einen köstlichen, unersetzbaren Fund bedeuten, zuweilen ihm aber schwere Rätsel aufgeben. Doch waren das alles im Grunde nur Allotria, Nebensachen, Kleinigkeiten. Die Hauptsache, das war die Lehre, die Wissenschaft, deren man sich nicht mit der leichtbeflügelten Phantasie, sondern mit dem schweren Werkzeug der Logik und der Dialektik bemächtigt, und die allein das Verdienst des Mannes ausmacht. Ueber die Biographie eines Meisters kann man nicht diskutieren, wohl aber über seine Lehren und Meinungen. Am Ende kommt es ja nicht darauf an, wie einer geheissen, sondern wTas er gelehrt und gewollt hat. Häufig wurden die Namen durch eine Abbreviatur zu einem klangvollen Anagramm zusammengezogen: der Rambam, der Rabad, der Ran, der Raschba, der Rosch, der Ri, der Rama. Nur selten nimmt ein Jünger sich die Mühe, diese Pseudonyme in ihre Bestandteile zu zergliedern. Solch eine Abkürzung ist handlich und bequem in der Diskussion und man kann sicher sein, dass, wer mit vollem Namen, Rang und Titel genannt wird, in neun von zehn Fällen nicht zu den Geistern ersten Ranges gezählt wird. Maharams gab es mehrere; die bekanntesten unter ihnen waren Maharam Padua und Maharam Lublin. Um ihn von diesen zu unterscheiden, wurde unserm Maharam — was selten geschah — sein Familienname Schiff beigefügt: M(orenu) Ha(rav) Ra(bbi) M(eir) Schiff. So ging er in die Unsterblichkeit über, und keiner fragte wohl, wann er geboren ward und wo er gelebt und gewirkt. * * * Er wurde dennoch geboren, und zwar im Jahr 1605 in der Judengasse zu Frankfurt am Main. Er entstammte einem alten, hochangesehenen Frankfurter Gelehrtengeschlecht. Ein Grabstein, der vor vierhundertunddreissig Jahren, im Jahr 1481, auf dem alten Frankfurter Friedhof zu Häupten des am 3. Thammus jenes Jahres verstorbenen Uri Phöbus Kohen Schiff gesetzt wurde, bezeugt mit seiner Inschrift, dass der Verblichene der Sohn des ehrwürdigen, hochgeachteten, greisen Dajjans (Richters) Rabbi Jakob Schiff gewesen, und viel betrauert wurde. Bis in das 19. Jahrhundert hinein bekleideten Mitglieder dieser Familie in Frankfurt hohe rabbinische oder kommunale Würden, und von dort aus verzweigte sich der Stamm über andere angesehene Gemeinden Europas. Im Jahr 1765 wurde das Mitglied des Frankfurter Rabbinatskollegiums R. David Tewele (Tobias) Schiff, Sohn des hochangesehenen dortigen Gelehrten Salomon Schiff, zum Oberrabbiner von London erkoren; er entwickelte dort eine rege soziale, organisatorische und literarische Wirksamkeit, unterhielt eine ausgebreitete wissenschaftliche Korrespondenz mit den bedeutendsten Zeitgenossen, und verstarb in London hochgeehrt und tiefbetrauert von der ganzen Gemeinde nach sieb enundzwanzigj ähriger Tätigkeit im Jahr 1792. Sein Bruder Mei'r verblieb in Frankfurt, wo er nahezu volle vierzig Jahre, von 1768 bis 1807, als Rabbinatsassessor fungierte. Diaser machte sich auch als Autor eines Werkes bekannt, dessen hebräischer Titel „Derech Anijjah belev jam" den Namen seiner Familie (Anijjah Schiff) verewigen sollte. Ein Zweig der Familie wurde nach Polen verpflanzt. Fast auf jedem Blatt der Geschichte der Frankfurter Judenheit begegnen uns Sürösslinge des Stammes Schiff. Zu jeder Zeit standen einer oder mehrere von ihnen an der Spitze irgendeiner Institution dieser in der ganzen jüdischen Welt hochangesehenen und tonangebenden Gemeinde. Das bezeugen in ihrer stummen Sprache die Inschriften auf den Grabsteinen dieser Familie, die sich auf dem alten Frankfurter Friedhofe noch erhalten haben (publiziert in dem schönen Inschriftenbuche von Horovitz 1901). Da war von den in diesem geweihten Boden Ruhenden nahezu jeder Dritte ein Rabbiner, ein Dajjan (Richter), ein Treuhänder (Neeman) oder ein Parnas u. Manhig der Gemeinde. Dieses Wort hat im HebräiscJieri einen vie' innigem und anziehendem Klang, als in der deutschen Uebersetzung „Pfleger und Führer". Bezeichnend für die Erbtugenden dieser Menschen und für das, was die Zeitgenossen und sie selber an sich und an ihren Angehörigen am höchsten schätzten, ist das, was die Grabinschriften

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