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Ost und West · 1910-12-01 · Heft 12 (Dezember 1910) · p. Seite 807 - 808

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 12 (Dezember 1910)
Article
Maharam Schiff
Date
1910-12-01
Page
Seite 807 - 808 (sequence 2)
Language
German
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•807 Talmudicus: Maharam Schiff. 808 Logik, knapp und klar, der Wahrheit auf die Spur, zu kommen, ohne Abschweifung und unnützes Gerede, die Beweisführung mit mathematischer Einfachheit und einleuchtender Genauigkeit vorzunehmen, ohne überflüssigen Formelkram und gelehrten Ballast, der wird ein „Mahrarn-Schiffs-Kopf" genannt. Und was ist das untrügliche Zeichen, dass einer gesunden Menschenverstand mit kühnem Geistesflug, Gründlichkeit mit Tiefe vereint? Wenn er eine „Maharam- Schiffs-Kaschija" trifft. Nämlich, wenn ihm ein Widerspruch auffällt, der dem Auge des alltäglichen Lesers und Lernenden verborgen bleibt, weil er den hergebrachten Autoritäten blindlings vertraut; wenn er sich an eine Schwierigkeit stösst, die jenen unberührt lässt, dessen flüchtiger Blick über die Oberfläche hingleitet, und der nicht imstande ist, die gegebenen Gedanken selbständig weiter zu denken — die aber dem scharfen, durchdringenden, unbestechlichen Auge eines Maharam Schiff nicht entgehen konnte, und die er in seinen Abhandlungen und Glossen zum Talmud hervorgehoben. Das Treffen einer ,,Maharam-Schiffs- Kaschija" bildet gleichsam das Merkmal geistiger Vollreife und ernsten Strebens, klarer Gedankenarbeit und wissenschaftlicher Selbständigkeit. Es hat ja auch andere scharfsinnige und geistvolle Erklärer gegeben, der bekannteste unter ihnen ist wohl der „Maharscha", dessen Glossen jedem Lernenden ganz unentbehrlich geworden sind. Aber diese bilden immerhin erst eine Unterstufe, auch zeigen sie eine viel zu grosse Neigung zum Geistreichen, schaffen hübsche, anmutige Gedankenarabesken und befriedigen mehr den Trieb zur gedanklichen Gymnastik, zur Uebung der Verstandesschärfe, als den Drang nach Klarheit und unverfälschter Wahrheit. Hat sich jener Trieb genugsam ausgelebt, ist der Geist genügend reif geworden, so dass die spielerische Kraftbetätigung allein ihn nicht mehr befriedigt und ernach dauernden unverlierbaren Erkenntnissen verlangt, so bietet ihm solche die Lehrmethode des Maharam Schiff. Seine Lehrweise bildet gleichsam den Gipfel des rationellen Talmudstudiums, und ist in ihrer Art nur weiterentwickelt, aber nicht überboten worden. Darum ist weit und breit in der talmudischen Welt kein Name populärer, als der des Maharam Schiff. Und diese Welt ist nicht gar so klein, wie es bedünken könnte. Sie erstreckt sich über drei Erdteile, und zählt noch immer Millionen von Bewohnern. So mancher moderne Autor, dessen Werke nicht den zehnten Teil jener geistigen Anstrengung und jener liebevollen Hingabe fordern, wäre froh, wenn seine Bücher den hundertsten Teil der Verbreitung und Verehrung fänden, deren sich die Schriften des Maharam Schiff erfreuen. Gleichwohl würde der weitaus grösste Teil seiner Bewunderer und Jünger erstaunt sein, wenn man sie aufmerksam machen würde, dass sie vor fünf Jahren es verfehlt haben, den dreihundertsten Geburtstag ihres Meisters zu feiern. Erst dreihundert Jahre! Und dass sie jetzt das hundertundsiebzigjährige Jubiläum der Verbreitung seiner Schriften durch die Druckerpresse begehen müssten. Wie? Erst hundertundsiebzig Jahre! Beinahe wie eine Enttäuschung, ja, wie eine Profanation möchte ihnen die Feststellung erscheinen, dass der Mann und sein Werk zeitlich ihnen so nahe stehen. Denn was sind dreihundert Jahre, mit dem Riesenmassstab der jüdischen Geschichte gemessen? Und er schien so urewig, von altersher daseiend, ganz verwachsen mit diesen aus den Urzeiten herüberragenden Bergen des Talmud, deren unabsehbare Kette er fortführt bis in die Gegenwart. An dem Himmel, der sich über die talmudische Welt wölbt, werden die Sterne nur nach dem Grade der jedem von ihnen innewohnenden Leuchtkraft abgestuft, nicht aber nach den diversen Entfernungen Es ist sehr schwer, in diesen Himmel versetzt zu werden, und es passiert nur selten einem; die meisten Leuchten flackern auf, den Kometen oder Sternschnuppen vergleichbar, schimmern und funkeln eine Zeitlang und erlöschen, versinken gleichsam in das Unterbewusstsein der Zeitgenossen oder wenigstens der nachfolgenden Geschlechter, von wo sie nur zuweilen der Forschertrieb des Spezialisten, oder die Wissbegierde des Historikers hervorholt. Nur wenigen ist es gegönnt, einen dauernden Platz in diesem Sonnensystem zu erringen. Wer aber in dieser Welt einmal das Bürgerrecht erworben hat, der wird dem grossen Chorus der Unsterblichen ohne Vorbehalt eingegliedert. Und sie alle schweben über Raum und Zeit. Sie bilden ein Konzert von Stimmen, die durch die Jahrhunderte hallen, sich gegenseitig ergänzend, Zwiegespräche miteinander führend; Rede und Gegenrede, manchmal durch ganze Epochen und weite Fernen voneinander getrennt, klingen aus in eine höhere Harmonie, und erst eine dritte Stimme vereinigt sie zu der Synthese, die wieder eine vierte in ihre Bestandteile auflöst, um sie zu neuen Akkorden zu verschmelzen. Eine Frage, die heute aufgeworfen wird, kann vielleicht erst nach Generationen beantwortet, ein Zweifel, der jetzt auftaucht, von einem fernen Geschlecht gelöst werden. Was machen hier zeitliche und räumliche Fernen aus? Der Geist, der alles durchdringt, in dem alles lebt und webt, ist ja derselbe. Und dieser Geist ist ewig; ewig und unveränderlich. Denn es ist ja der Geist der göttlichen Lehre. In ihn, wie in ein Nirwana, gingen alle die Geister, nachdem sie hienieden ihr Erdenwallen vollendet, wieder ein. Sie vereinigten sich mit diesem All, ohne darum ihr Einzeldasein aufzugeben. Sie lebten fort in ihm. Und was verschlug es, ob sie hier auf Erden da oder dort, in diesem oder in jenem Zeitabschnitt existiert hatten? Sie waren ja allesamt nur Instrumente jenes Allgeistes, jedes auf einen anderen Ton gestimmt, aber jedes unentbehrlich, um die Harmonie des Ganzen zu vollenden. Konnte das Göttliche von Bedingungen, die zeitlich und räumlich begrenzt sind, abhängig sein? . . . Das war der tiefste seelische, wenn auch unbewusste Grund jenes Widerstandes, den der alte Stocktalmudismus der historischen Forschung und Kritik entgegensetzte, als die Wissenschaft des Judentums mit ihrem modernen Rüstzeug zu Beginn des vorigen Jahrhunderts auf den Plan trat. Da kamen diese neuen Männer und fingen an, die schier unübersehbare Stoffmasse von Literaturen, Lehrmeinungen und Werken nach Zeitabschnitten und Ländern zu gliedern und zu ordnen, gingen den Ursprüngen nach, wollten das stille Wachstum, das langsame Werden belauschen und beschreiben. Wer wird die Bäume, die in die Wolken hineinragen, nach ihrem Ursprung fragen? Mari freut sich ihres Daseins, lebt in ihrem Schatten, und höchstens zieht man ein neues Gehege um ihre alten Stämme, um sie vor mutwilligen oder unvorsichtigen Schädlingen zu schützen, und häuft neuen Schutt über das Erdreich, in dem ihre Wurzeln ruhen. Wer wird nach ihrer Herkunft fragen? Missliches, ja, unheiliges Beginnen! Wo Entstehen und Werden ist, dort ist auch Vergehen. Kann Gottes Wort jemals vergehen? Erstaunt, befremdet und verletzt sahen die Alten

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