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Ost und West · 1910-12-01 · Heft 12 (Dezember 1910) · p. Seite 803 - 804

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 12 (Dezember 1910)
Article
Das Amsterdamer Judenviertel
Date
1910-12-01
Page
Seite 803 - 804 (sequence 4)
Language
German
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803 Ernst Altkirch: Da3 Amsterdamer Judenviertel. 804 mich mit ihr durch die Menge, die, als sie meine entschlossene Haltung bemerkte, zurückwich, und einer alten, bösartigen Obstfrau wand ich den Stein, den sie vom Boden aufgerafft hatte, ohne ein Wort zu sprechen, aus der Hand. Am nächsten Tage erging es uns noch schlimmer. Diese armen Menschen zeigen ein übles Gebaren, und es bemächtigt sich ihrer eine fanatische Leidenschaft, sobald sich ihnen die Ueberzeugung aufdrängt, dass der Fremde gekommen .sei, ihre Armut zu irgendeinem Zweck auszunützen, oder sich über sie lustig zu machen. Salbst Max Liebermann, der diese Gassen und Menschen häufig gemalt hat, soll im vorigen Jahr Arges erlebt haben. Man erzählte mir, dass er sich in dem Hause, in dem sich seine Staffelei und sein Malergerät befanden, hart bedrängt sah, und dass ihm die Fenster eingeworfen wurden. Wer möchte mit diesen Armen rechten? Wer ihr Elend sali, dem zieht sich das Herz zusammen, und man vergisst darüber, was dem künstlerischen Empfinden dieses Amsterdamer Judenviertel an romantischen, verwahrlosten Ghettowinkeln, lebendig buntem Treiben und seltsamen Mädchenblüten zeigt. Da müssen sich Täusende von Familien mit einem einzigen Raum begnügen, der zum Wohnen, Kochen und Schlafen dient, und in dem sich auch oft noch der Abort befindet. In einem kleinen, engen und düstren Haus sind gewöhnlich vier bis sieben Familien G. J. STALLER. AMSTERDAM. „Eine ganze Geschichte". zusammengepfercht. Nur besser gestellte Leute, wie Händler, Ladeninhaber und dergleichen können sich hin und wieder zwei Räume, Zimmer und Küche, gönnen. Die wöchentliche Miete für ein Zimmer beträgt V/2—2 fl., und selbst für eine Kellerwohnung, die so niedrig ist, dass man in ihr kaum das Haupt erheben kann, und die giftige Moder- und Fäulnisgerüche erfüllen, wird 1 fl. verlangt. Die Benutzung von Kellerwohnungen wird übrigens in neurer Zeit nur noch wenig geduldet. Die Zahl der Unterstützungsbedürftigen, die infolge einer Krankheit oder des Alters nicht arbeiten können, ist ungewöhnlich gross. Die Gemeinde Amsterdam, deren Fürsorge für Juden und Christen hohe Anerkennung verdient, gewährt den Bedürftigen durch ihre Armenbesucherinnen eine wöchentliche Unterstützung von ll/2—4 fl., die für Ernährung und Miete Verwendung finden soll. Die Kinder erhalten besondere Unterstützungen. Dreimal in der Woche lässt die Stadtgemeinde Brot verteilen, und vom Oktober bis zum März sorgt sie für Feuerung. Da auch die jüdischen Gemeinden Unterstützungen zahlen, — die Mittel der hochdeutschen sind allerdings nur beschränkt —, so sollte man meinen, dass von einem übergrossen Elend im Judenviertel nicht mehr die Rede sein könnte. Ein Urteil darüber wird sich schwer fällen lassen, es muss aber hierbei erwähnt werden, dass die Unterstützungsbedürftigen sich allmählich daran gewöhnt haben, bei Besuchen stets in Klagen auszubrechen und ihre Armut noch grösser darzustellen, als sie in Wirklichkeit ist. So verbergen sie vor dem Fremden ängstlich alles, was darauf hinweisen könnte, dass sie ausreichend zu essen haben. Wir traten bei einem sehr armen Manne ein, der damit beschäftigt war, sich Kartoffeln in einer Pfanne zu braten. Als er unsrer ansichtig wurde, warf er, als wäre er bei einem Verbrechen ertappt worden, die Pfanne mitsamt den Bratkartoffeln hinter den Vorhang seines Bettes. Nur am Freitag abend vermag sich wohl jede Familie ein reichliches Mahl zu bereiten, das gewöhnlich aus einer Gemüsesuppe, einem Stück Fleisch und Obst besteht. Man delektiert sich auch an den auf dem Markte übriggebliebenen Gänsen und Hühnern, die bereits in Fäulnis übergegangen sind. Fleischabfälle und selbst halbverdorbene Heringe werden ebensowenig 'verschmäht. Die Polizei hat oft grosse Mühe, den Verkauf verdorbener Nahrungsmittel zu verhindern. Die tägliche Hauptnahrung bilden Kartoffeln und Kaffee. Bei diesen Armen besitzt alles Wert. Weggeworfene Sardinenbüchsen, Lumpen und Scherben, die mit der Asche in Kübeln auf die Strasse gestellt werden, zieht man hervor, und ich sah alte Weiber, die irgend etwas Essbares aus dem Müll kratzten und es verschlangen. Einmal ward ich das schier Unglaubliche gewahr, dass eine Frau mit einem kleinen Kinde und ein Hund vor einer Bütte standen und darin gemeinsam nach Abfällen suchten. Im Judenviertel begegnet man nur wenig Hunden, dagegen sind Katzen die treuen Genossen von jung und alt, und mit ihren Fellen wird ein schwunghafter Handel

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