Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1910)
- Article
- Das Amsterdamer Judenviertel
- Date
- 1910-12-01
- Page
- Seite 805 - 806 (sequence 5)
- Language
- German
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805 Ernst Altkirch: Das Amsterdamer Judenviertel. 806 getrieben. Ihr Fleisch wird jedoch nicht genossen. Dass jemand im Judenviertel verhungert, kommt wohl nur äusserst selten vor, aber im letzten Winter geschah es, dass ein junges Weib, nur mit ein paar Lumpen bedeckt, in einer Badewanne verhungert und — erfroren aufgefunden wurde. Unbegreiflich erscheint es, dass der allerärgsten Unsauberkeit nicht beizukommen sein soll. Die Strassen werden zwar mit Besen und ausgiebigen Wassermengen gesäubert, aber in den meisten Häusern ersticken die Bewohner im Schmutz, und von Mäusen, Ratten und Ungeziefer bleibt wohl kein Haus verschont. Es gibt Menschen, die niemals die geringste körperliche Reinigung an sich vornehmen, und Kranke, so wurde mir gesagt, die in den Krankenhäusern Unterkunft finden, sind nicht nur schwer zu säubern, sondern die geöffneten Poren vermögen auch oft ihren Dienst nicht mehr zu verrichten, und so sterben diese Unglücklichen weniger an ihrer Krankheit, als an der vorgenommenen Reinigung. Kein Wunder, dass im Amsterdamer Judenviertel die Lungenschwindsucht noch heute die gefürchtetste Krankheit ist, trotzdem Aerzte und der „Verein zur Bekämpfung der Tuberkulose" Grosses leisten. Die Zuckerkrankheit fordert ebenfalls zahlreiche Opfer, doch ist es gelungen, ihrer besser Herr zu werden, als der Schwindsucht. Das gleiche lässt sich vom Typhus sagen. Auch Ausschlag- und- Augenkranke, deren Leiden durch die mangelnde Reinlichkeit entstehen, und Blinde gibt es genug. Infolge der langen Arbeitszeit, die besonders für die Männer erheblich länger ist als bei uns, werden viele von Nervenkrankheiten und Irrsinn befallen. Dagegen haben Geschlechts- und Frauenkrankheiten noch niemals überhand genommen. Ein Fluch des Judenviertels ist die ungeheure Kindersterblichkeit. Die wenigsten Mütter können sich am Tage um ihre Kinder bekümmern, und des Nachts müssen diese die Betten mit den Erwachsenen teilen. Viele kommen niemals in ein Bett und schlafen, mit einem Fetzen bedeckt, auf der nackten Erde. Die Sophie-Rosenthal-Klinik und die Bewahranstalt nehmen sich der Jugend in liebevollster Weise an, aber für alle Kinder vermögen sie leider nicht zu sorgen. Trotzdem sind diese Kleinen guten Muts, bevölkern und beleben mit ihrem Geschrei die Strassen, vergnügen sich am Spiel mit grossen Nüssen, gucken den Alten frühzeitig ihre Gewohnheiten ab, und Jungen im Alter von zehn Jahren rauchen bereits Zigarrenreste mit einem Behagen, als gäbe es nichts Begehrenswerteres auf der Welt. Weit und breit in der talmudischen Welt ist wohl kein Name so populär, wie der, welcher an der Spitze dieser Zeilen prangt. Ueberau, wo man mit heissem Bemühen Halacha studiert, nennt man ihn mit Bewunderung und Liebe. Allen den kühnen Seglern, die das brausende und unergründliche „Meer des Talmud" befahren, ist er ein Leitstern, der sie zwischen G. J. STALLER. AMSTERDAM. Der Kastanienverkäufer. Wenn ich an das Amsterdamer ' Judenviertel zurückdenke, bleibt mir eine kleine Szene unvergesslich. Vor einem Obstkeller sass ein weissbärtiger Greis, der mit zitternden Händen Erdbeeren in kleine Körbchen verteilte, wie sie von umherziehenden Händlern feilgeboten werden. Verstohlen Hess der Alte ab und zu eine Beere in dem zahnlosen Munde verschwinden. Plötzlich tauchte aus dem Dunkel des Kellers ein dickes Weib auf, und ehe es. sich der Alte versah, brannten ihm zwei mächtige Faustschläge auf der durchfurchten Wange. Er wagte nicht aufzublicken, emsig tat er seine Arbeit weiter, aber von Zeit zu Zeit sickerten ein paar Tränen in seinen Bart und fielen dann wie kleine Perlen auf die roten, duftenden Früchte. Nachdruck verboten. gefährliche Klippen und brandende Wogen hindurchführt. Jenen, die in die Tiefen hinabtauchen, um die kostbaren Perlen der Weisheit hervorzuholen, ist er die Feuersäule, die ihnen den Weg erhellt mit mildem, klarem Licht. Wer imstande ist, in einem komplizierten und verworrenen Problem die einfachen Linien herauszufinden und mit zwingender MAHARAM SCHIFF. Ein Erinnerungsblatt.