Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1910)
- Article
- Das Amsterdamer Judenviertel
- Date
- 1910-12-01
- Page
- Seite 801 - 802 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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801 Ernst Altkirch: Das Amsterdamer Juden viertel. 802 ein Malermodell. In einem Winkel, auf einem Berg ^SfXif'^i» l&Vfi-f übelriechender Lumpen lag?"7; ' C ' ' ' die Alte, in friedlichem ^.z)" - .. . ' . Schlummer, während sich in einem Lehnstuhl, auf dem Zeitungspapier zu einem f.$p':. Kissen breitgesessen war, eine Katze unverdrossen putzte. Das Zimmer war so eng, dass sich in unmittelbarer Nähe des niedrigen Herdes und des Bettes das Klosett befand, das aus einer alten Kiste hergestellt war. Eine muffige, von Torfrauch geschwängerte Luft hüllte uns ein, und dazu hatte das widerlichste Ungeziefer hier derartig überhandgenommen, dass mir übel wurde, und ich Hals über Kopf die schmalen Treppen wieder hinunterstolperte. Auf der Gasse atmete ich auf, und n T cm,TTn.T> . i i T-. t Cr. J. blaLiJUh-K. eine Anzahl Frauen, die an der nächsten Strassenecke in Unterhaltung begriffen waren, betrachteten mich erstaunt und neugierig, um dann tuschelnd die Köpfe zusammenzustecken, als ich mit meiner Begleiterin in eine enge, düstre Seitengasse einbog. In dieser sprachen wir bei einer Familie vor, die zu ebener Erde wohnte, und der es trotz ihrer Armut an einem gewissen Humor nicht gebrach. Es befanden sich in dem niedrigen Räume zwei in die Wand eingelassene Bettstätten, ein grosser Tisch mit Stühinn und ein altholländischer Geschirrschrank, der mit Porzellan, Gläsern, kupfernen und zinnernen Gegenständen, unter denen einige auf künstlerischen Wert Anspruch erheben konnten, gefüllt war. An den Wänden hingen gerahmte Photographien von Familienangehörigen, billige Stiche und Buntdrucke, unter denen sich sogar die Aehrenleserinnen und das Angelus von Millet befanden. Zum Trocknen aufgehängte Wäsche verbreitete einen hässlichen Geruch. Um den Tisch herum sassen die neunzigjährige Urgrossmutter, die achtundsechzigjährige Grossmutter, die Mutter, die einem Säuglinge die Brust gab, und fünf Kinder. Der Mann der jungen Frau war abwesend und ging seiner Beschäftigung als Packträger nach. Bisher hatte sich die Familie jedes Jahr um ein Kind vermehrt. Wir wurden zum Sitzen eingeladen, und man bot uns mit freundlichen Worten die auf dem Tische stehenden Osterbrote, die „Matzen", an. Alle Familienmitglieder waren sehr lebhaft und schwatzten gern, erzählten bereitwillig, was wir zu wissen begehrten, aber auch sie klagten über ihre Not und ihr Elend. Von den beiden Betten wurde das eine von den alten Frauen und drei Kindern, und das andere von Mann und Weib und drei Kindern benutzt. Ich „Damrak". AMSTERDAM. liess mir den Vorhang von der einen Lagerstatt zurückschlagen, und es ist mir ein Rätsel, wie auf ihr fünf Menschen Platz finden und die^Nacht verbringen können. Als wir wieder auf die Gasse traten, hatten"sich in der Nähe des Hauses etwa zwanzig Weiber angesammelt, die heftig gestikulierten und auf uns mit Fingern wiesen. Meine Begleiterin machte ein besorgtes Gesicht, aber niemand wagte, uns zu belästigen. Wir suchten noch eine Witwe auf, die mit ihren beiden erwachsenen Söhnen in einem sauber gehaltenen Stübchen wohnte, das nicht der Heimlichkeit entbehrte. Der Tisch war mit einer frisch gewaschenen Decke belegt, die blank geputzten Kupfergeräte strahlten, und im Geschirrschrank gewahrte ich hübschen und gut gehaltnen Hausrat. Es existieren im Judenviertel also auch Frauen, die es mit der Reinlichkeit der Holländerinnen aufnehmen können. Im Hause selbst trafen wir den ekelerregenden Schmutz an, dem wir bisher überall begegnet waren, aber vor der Schwelle dieser armen Witwe, die seit Jahren an der Schwindsucht litt, machte er Halt. Ich reichte ihr die Hand, und sie lächelte beglückt, als ich ihr zu verstehen gab, wie gut es mir bei ihr gefallen hätte. Ich erblickte hier auch ein paar Bücher, nach denen ich mich in andren Wohnungen vergeblich umgeschaut hatte. Vor dem Hause hatte sich inzwischen ein Menschenauflauf gebildet; als man meiner wieder ansichtig wurde, erstarb zuerst den meisten das Wort auf der Zunge, aber dann verzerrten sich die Gesichter, und zuerst leise, dann immer lauter scholl mir das Wort entgegen: „Christuskopf!" Meine Führerin erblasste, ich nahm sie beim Arm, drängte